Gentechnik polarisiert – im Bereich der Landwirtschaft mehr noch als in der Medizin. Professor Dr. Theo Dingermann ist leidenschaftlicher Befürworter, warnt aber auch vor Gefahren und Risiken.

Kreis Unna

, 01.02.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 6 min

Die Resonanz auf seinen Vortrag am Dienstag war gewaltig: Der Förderverein des Schmallenbach-Hauses in Fröndenberg hatte den renommierten Pharmazeuten Dr. Theo Dingermann eingeladen, um über Gentechnik zu referieren. Über Chancen, aber auch Risiken der Technologie sprach er auch im Interview mit Chef vom Dienst Alexander Heine – und auch über seine ganz persönlichen Beweggründe für die Analyse seines eigenen Genoms.

Gentechnik polarisiert die Gesellschaft, Befürworter und Gegner halten sich gegenseitig Chancen beziehungsweise Risiken vor…

Man muss das differenziert betrachten. Die rote Gentechnik – also die Anwendung im medizinischen und pharmazeutischen Bereich – stößt gemeinhin auf hohe Akzeptanz in der Gesellschaft. Gentechnischen Verfahren für die Landwirtschaft, der sogenannten grünen Gentechnik, wird dagegen sehr viel Skepsis entgegengebracht. Und hier gibt es in der Tat eine starke Polarisierung zwischen Befürwortern und Gegnern.

„Im Gesundheitsbereich kann sich jeder relativ leicht vorstellen, von dieser oder jener Entwicklung einmal profitieren zu können.“
Prof. Dr. Theo Dingermann

Weil die Menschen in der grünen weniger als in der roten Gentechnik einen persönlichen Nutzen für sich erkennen?

Ja, die persönliche Distanz ist mit Sicherheit mitentscheidend für die eigene Meinungsbildung. Oder anders gesagt: Im Gesundheitsbereich kann sich jeder relativ leicht vorstellen, von dieser oder jener Entwicklung einmal profitieren zu können; deshalb stehen die Menschen der roten Gentechnik wesentlich aufgeschlossener gegenüber. Allerdings ist auch versäumt worden, Verbrauchern den Nutzen der grünen Gentechnik aufzuzeigen.

Der wäre?

Da fallen mir viele Beispiele ein. Nehmen Sie Nussallergie: Allergiker müssen jede Packung umdrehen und prüfen, ob in dem Produkt Spuren von Nüssen enthalten sein können. Mit der sogenannten Gen-Schere wäre es möglich, die Allergene aus dem Nuss-Genom herauszuschneiden, sodass Allergiker Nüsse bedenkenlos konsumieren könnten. So etwas war früher sehr aufwändig, mit der Gen-Schere ist das heute relativ unkompliziert.

Gentechnik in Landwirtschaft und Medizin: Designerbabys sind der Fluch des Fortschritts

Dingermann steht den Möglichkeiten der Gentechnik zwar grundsätzlich positiv gegenüber – aber nicht uneingeschränkt: „Man sollte nichts gegen den Willen der Gesellschaft machen.“ © Udo Hennes

Die kritische Haltung von Teilen der Gesellschaft ist Ihrer Ansicht nach also allein Ergebnis schlechter Information? Oder ist Skepsis nicht doch durchaus angebracht, schon allein, weil die Gen-Schere ja weit mehr Möglichkeiten eröffnet?

Auch hier muss man differenzieren. In der grünen Gentechnik halte ich die weitverbreitete Haltung der Gesellschaft in der Tat für das Ergebnis mangelnder Information. Was mich daran mitunter wirklich ärgert ist, dass Ängste geschürt werden, die oft unbegründet sind. Ein Beispiel: Wenn Mais gentechnisch so verändert wird, dass er gegen bestimmte Schädlinge resistent ist, dann ist das erwiesenermaßen nicht schädlich für den Menschen – in der Diskussion wird aber häufig suggeriert, dass das nicht sicher sei. Wenn wir aber wieder in den Bereich der roten Gentechnik gehen, ist Skepsis durchaus angebracht – hier kann man mit der Gen-Scheren-Technologie in der Tat einen riesigen Mist machen.

Wo liegen die Gefahren?

Das primäre Ziel von Ärzten und Apothekern ist, mittels Gentechnologie Mittel und Wege zu finden, Krankheiten zu behandeln und bestenfalls zu heilen. Auf der anderen Seite lassen sich mit der Gen-Scheren-Technologie auch Modifikationen durchführen, die mit Krankheit beziehungsweise Gesundheit nichts zu tun haben.

„Mit der neuen Technologie kann man da jetzt plötzlich drin herumwurschteln und Dinge modifizieren, die für Einzelne ‚nice to have‘ sind. Das ist aber unethisch und nicht diskutabel.“
Prof. Dr. Theo Dingermann

Und dessen Ergebnis das sogenannte Designerbaby aus dem Katalog ist…

Ganz genau. Blaue Augen, blonde Haare, große Statur – ganz nach Belieben. Das ist eine Manipulation unseres Genoms, unseres natürlichen Programms. Mit der neuen Technologie kann man da jetzt plötzlich drin herumwurschteln und Dinge modifizieren, die für Einzelne ‚nice to have‘ sind. Das ist aber unethisch und nicht diskutabel.

Das wird aber trotzdem in Teilen der Welt offenbar schon praktiziert, in China sind bereits Kinder mit gentechnisch veränderten Erbanlagen zur Welt gekommen.

Das ist ein abschreckendes Beispiel. Aber der dafür verantwortliche Wissenschaftler soll dafür bestraft werden. Und dass selbst die Chinesen so einen Wissenschaftler aus dem System ziehen, zeigt, dass er ernsthaft Grenzen überschritten hat.

Wo müssen diese Grenzen gezogen werden – und vor allem: wer muss sie ziehen?

Der Diskurs ist wichtig. Solche Fragestellungen müssen in die Gesellschaft getragen werden – und die muss letzten Endes einen Konsens finden. Ich bin fest davon überzeugt: Man sollte nichts gegen den Willen der Gesellschaft machen. Wenn also die Mehrheit beispielsweise der Meinung ist, man sollte Pflanzen nicht gentechnisch verändern, dann würde auch ich sagen, dass man es nicht machen sollte, obwohl ich persönlich es für einen Fehler halten würde.

„Dann muss man Hirngespinste wie gentechnisch produzierte viereckige Menschen in Panzern als mögliche Kriegswaffen gar nicht diskutieren – es ist verboten, basta.“
Prof. Dr. Theo Dingermann

So ein Konsens ist in einer heterogenen Gesellschaft mit ihren sehr vielfältigen Meinungen natürlich alles andere als leicht zu erzielen. Beispiel Pränataldiagnostik, daran scheiden sich die Geister.

Das ist der zweite Punkt. Wenn der Diskurs gelaufen ist, muss die Politik die Dinge in Form von Gesetzen regeln und ganz klar festlegen, was erlaubt ist und was nicht. Dann muss man Hirngespinste wie gentechnisch produzierte viereckige Menschen in Panzern als mögliche Kriegswaffen gar nicht diskutieren – es ist verboten, basta.

Nur werden sich solche Regelungen kaum global treffen lassen…

Das ist richtig, schon weil es unterschiedliche Moralvorstellungen und ethische Auffassungen in derlei Fragestellungen gibt. Deshalb muss man die Gentechnologie aber nicht per se verteufeln. Ich denke, es gibt einen Grundkonsens, und den sollte man verteidigen. Und zu diesem Grundkonsens gehört meines Erachtens eben auch, dass man alles, was im weitesten Sinne mit Designerbabys zu tun hat, besser sein lässt.

Gentechnik in Landwirtschaft und Medizin: Designerbabys sind der Fluch des Fortschritts

Der Grundkonsens umfasst aus Dingermanns Sicht auch: Alles, was im weitesten Sinne mit Designerbabys zu tun hat, sollte man besser lassen. © Udo Hennes

Der Grat zwischen medizinischem Nutzen und ethischen Grenzüberschreitungen ist ein sehr schmaler. Wenn Sie auf diesem schmalen Grat einen gesellschaftlichen Diskurs, sogar einen gesellschaftlichen Konsens einfordern, braucht es dann nicht doch auch jemanden, der vorweggeht und so eine Diskussion anführt?

Das ist aus meiner Sicht die demokratisch legitimierte Politik. Die Politik verabschiedet Gesetze und setzt damit die rechtlichen Rahmen – und das ist dann eben auch der Spielraum, in dem man sich bewegen kann. Deshalb finde ich es so wichtig, dass die Politik irgendwann erkennt, dass der Diskurs in der Bevölkerung an einen Punkt gelangt ist, an dem entschieden werden muss.

Ist Politik gerade in solch ethischen Grundsatzfragen nicht manchmal zu verhalten, zu zurückhaltend?

Das kann man so und so sehen. Ich will nochmal betonen: Politik steckt den Rahmen, in dem wir uns bewegen können, die Entscheidung muss am Ende jeder selbst treffen. Sie haben die Pränataldiagnostik angesprochen. Der Test auf eine Trisomie 21 des Ungeborenen beispielsweise ist jetzt eine Kassenleistung – und noch dazu völlig ungefährlich, weil er anders als früher eine reine Blutuntersuchung ist. Dass Krankenkassen die Kosten für diesen Test übernehmen, ist in der Gesellschaft hoch umstritten, weil Gegner der Auffassung sind, unsere Gesellschaft müsse aushalten, dass Kinder mit Behinderungen geboren werden. Die Entscheidung, ob sie den Test durchführen möchten oder nicht, liegt bei den Eltern. Das ist gut so – und dafür dürfen sie von der Gesellschaft weder in die eine noch in die andere Richtung kritisiert werden.

Zur Person

Prof. Dr. Theo Dingermann

  • Prof. Dr. Theo Dingermann (71) studierte in den 1970er-Jahren Pharmazie am Institut für Angewandte Chemie der Universität Erlangen.
  • Biochemie und Molekularbiologie sind seine Fachgebiete, für die er seit 1987 die Lehrerlaubnis infolge seiner Habilitation auf dem Themenfeld der Genetik innehat.
  • 1990 folgte er dem Ruf auf seine erste C4-Professur an die Goethe-Universität Frankfurt, deren Vize-Präsident er von 1998 bis 2000 war.
  • Weitere Rufe erfolgten durch die Friedrich-Schiller-Universität Jena (1996) und die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (2001).
  • Dingermann ist Träger mehrerer Ehrungen und Auszeichnungen, unter anderem „Professor des Jahres 2009“.

Vermutlich ist das Wichtigste, dass Eltern vor einem solchen Test für sich entscheiden, welche Konsequenzen sie aus den Ergebnissen ziehen…

Absolut! – und das gilt für die Möglichkeiten der Gentechnologie grundsätzlich. Ich zum Beispiel habe mein komplettes Genom sequenzieren lassen und die Ergebnisse der Wissenschaft anonymisiert zur Verfügung gestellt. Natürlich wird der eine oder andere fragen, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. Erstens glaube ich nicht, dass ich so wichtig bin, dass sich irgendwer für meine Daten interessiert. Und zweitens hat der Gesetzgeber im Gendiagnostikgesetz eine clevere Regelung getroffen, die genetische Diskriminierung ausschließt. Das heißt: Selbst wenn jemand an meine DNA-Daten gelangt, sind sie für ihn nutzlos, weil er sie nicht verwenden darf. Beispielsweise dürfte ein Versicherer nicht wegen genetischer Risiken meine Police anpassen.

Mit welcher Intention haben Sie Ihr Genom analysieren lassen?

Forschung braucht Daten. Und natürlich habe ich als Gentechnologe auch ein persönliches Interesse an meinen Daten. Ich gebe zu: Wann immer ich Studien zu neuen Erkenntnissen über Positionen im Genom lese, die auf ein erhöhtes Risiko für Dieses oder Jenes hinweisen, schaue ich mir mein eigenes Genom an. Aus reiner Neugier.

„Wenn der Mensch in dem Wissen um ein erhöhtes Risiko aber jeden Morgen in sich hineinhört und testet, ob noch alles in Ordnung ist, ist das sehr gefährlich. Denn das größte Gesundheitsrisiko ist Angst.“
Prof. Dr. Theo Dingermann

Das kann aber auch schnell zur Belastung werden.

Für mich nicht – und das ist ein wichtiger Punkt. Man muss verdammt vorsichtig mit solchen Analysen sein, sich im Vorfeld genau überlegen, ob man im Zweifel auch mit einer schlechten Nachricht leben kann – und sollte so eine Analyse im Zweifel lieber sein lassen. Zum Beispiel lässt sich an bestimmten Markern im Genom ablesen, ob ein Mensch ein erhöhtes Risiko hat, an Alzheimer zu erkranken. Das heißt nicht, dass er garantiert im Laufe seines Lebens an Alzheimer erkranken wird. Wenn der Mensch in dem Wissen um ein erhöhtes Risiko aber jeden Morgen in sich hineinhört und testet, ob noch alles in Ordnung ist, ist das sehr gefährlich. Denn das größte Gesundheitsrisiko ist Angst.

Was heute schon mittels Gentechnologie möglich ist, klingt in den Ohren vieler immer noch nach Science Fiction. In Japan beispielsweise wird daran geforscht, menschliche Organe in Tierkörpern für die spätere Transplantation zu züchten – was am Ende ja auch eine Lösung der Problematik um fehlende Organspenden sein könnte. Trotzdem dominiert die Frage der Ethik, überwiegen bei vielen Menschen Sorgen und Nöte.

Dabei ist das ein gutes Beispiel dafür, wie Gentechnik der Menschheit von Nutzen sein kann. Ein grundsätzliches Problem ist die Spannung zwischen zwei Polen: Die Arroganz des Gesunden auf der einen und die Bereitschaft des Todkranken zu nahezu jedem Experiment auf der anderen Seite. Nur weil er gesund ist, kann der eine sagen: ‚Wir brauchen das alles nicht!‘ Der andere sagt in seiner Verzweiflung: ‚Mir ist egal, was ihr macht – Hauptsache, ich kann noch fünf Jahre leben!‘ Zwischen diesen beiden Polen den gesellschaftlichen Diskurs zu führen, ist eine ordnungspolitische Aufgabe, die nicht trivial ist.

Wo wird der Weg hinführen? Was glauben Sie, werden die Errungenschaften der Gentechnologie in zehn bis 20 Jahren sein?

Einerseits bin ich überzeugt, dass das Gesundheitssystem viel stärker noch als bislang die Prävention in den Fokus nehmen wird. Und zwar um Krankheiten zu verhindern und so ein längeres, gesundes Leben zu ermöglichen. Damit meine ich nicht die Manipulation der Biologie, sondern einzig und allein, über pharmazeutisch-medizinische Intervention Krankheiten gar nicht erst entstehen zu lassen. Zweitens wird sich im Bereich der Medikamente jede Menge tun. Heute können unsere Arzneimittel Krankheiten hervorragend ‚managen‘, aber nur rund fünf Prozent dieser Mittel können Krankheiten wirklich heilen. Deshalb sind heute rund 30 Prozent der Bevölkerung ab 60, 70 Jahren chronisch krank, können mit den entsprechenden Medikamenten aber noch lange leben. Zum Beispiel durch die Gen-Scheren-Technologie wird es in der Zukunft mehr und mehr Arzneimittel geben, die Krankheiten wirklich auch heilen können.

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