Fachkräftemangel im Handwerk angekommen

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Für das Handwerk ist der Fachkräftemangel keine drohende Gefahr mehr - sondern Realität, wie die Ausbildungsbilanz der Agentur für Arbeit zeigt.

Kreis Unna

, 19.11.2018, 14:52 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Relation von gemeldeten Bewerbern zu gemeldeten Ausbildungsstellen ist für Statistiker eine wichtige Größe, wenn es um die Bewertung des Ausbildungsmarktes geht. Allein daran gemessen fällt die Bilanz der Agentur für Arbeit denn auch positiv aus: Pro gemeldeten Bewerber gab es im vergangenen Ausbildungsjahr 0,78 gemeldete Ausbildungsstellen. Damit war das Verhältnis rein rechnerisch zwar immer noch nicht ausgeglichen, aber eben deutlich günstiger als im Ausbildungsjahr 2016/2017 mit einem Wert von 0,64.

Weniger Bewerber, mehr Stellen

Eine Entwicklung, die Folge gegenläufiger Tendenzen war: Denn während das Potenzial mit 2954 gemeldeten Bewerbern im Vergleich zum Vorjahr leicht rückläufig war (minus 6,6 Prozent), verbuchten die Statistiker bei den gemeldeten Ausbildungsstellen ein deutliches Plus von 14,0 Prozent auf nun 2298 Stellen. Klingt nach guten Zeiten für den Ausbildungsmarkt im Kreis Unna – sie sind es mitnichten. Denn mehr und mehr Ausbildungsstellen können nicht besetzt werden, im Ausbildungsjahr 2017/2018 waren es mit 7,6 Prozent der gemeldeten Stellen so viele wie nie zuvor.

Handwerk größtes Sorgenkind

Größtes Sorgenkind in dieser Hinsicht ist und bleibt das Handwerk – obwohl hier im vergangenen Ausbildungsjahr mit 9,15 Prozent ein nennenswertes Plus bei der Zahl der Ausbildungsverträge steht. Dennoch: Während die Auftragsbücher zum Bersten voll sind, können zahlreiche Betriebe ihre Lehrstellen nicht besetzen. Mit empfindlichen Folgen für die Betriebe einerseits – im Lebensmittelhandwerk etwa gebe es schon Filialschließungen infolge der angespannten Situation auf dem Ausbildungsmarkt, berichtet Detlef Schönberger, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Aber auch im Baubereich sei es für die Betriebe immer schwieriger, Nachwuchskräfte zu finden, was letztlich mit langen Wartezeiten und perspektivisch auch steigenden Preisen an die Kunden durchschlage, so Schönberger.

IHK: Berufsausbildung gewinnt an Popularität

Kurios: Während seine Bilanz als Vertreter des Handwerks fast schon depressiv ausfällt, ist das Resümee von Dirk Vohwinkel als Vertreter der IHK Dortmund geradezu gelassen. Zwar würde es auch für Betriebe aus Industrie und Handel immer schwieriger, Ausbildungsplätze auch zu besetzen. Aber: „Trotz rückläufiger Bewerberzahlen gewinnt die duale Berufsausbildung wieder an Popularität“, so Vohwinkel mit Verweis auf ein deutliches Plus von 157 Ausbildungsverträgen beziehungsweise 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Das Handwerk habe nach wie vor ein massives Imageproblem, spart Schönberger nicht mit Selbstkritik; sieht aber insbesondere auch die heutige Elterngeneration in der Verantwortung. „Eltern gefällt es oft nicht, wenn ihre Kinder sich für eine Ausbildung im Handwerk entscheiden“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Nicht selten erlebten die Berufsberater des Handwerks, dass Jugendliche sich durchaus für einen Ausbildungsberuf begeistern könnten – nach dem Elterngespräch dann aber doch wieder davon Abstand nähmen und sich entweder für einen kaufmännischen Beruf oder für eine Fortsetzung der Schullaufbahn entschieden. Schönberger aber spricht von einer Zeitenwende: „Die Erfolgschancen für praktisch begabte Jugendliche in diesen aus Elternsicht oft unattraktiven Berufen sind enorm, engagierten Jugendlichen steht im Handwerk im wahrsten Sinne des Wortes die Welt offen.“

„Früher haben Eltern ihren Kindern mit auf den Weg gegeben, dass sie keine Klagen hören wollen. Heute heißt es: ‚Lass dir nicht alles gefallen!‘“
Dr. Michael Dannebom, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Kreis Unna

Das Handwerk hat im Gegensatz zur Industrie aber noch ein anderes Problem. Denn auch in anderer Hinsicht hat es längst eine Zeitenwende gegeben: Konnten Betriebe früher aus einer Vielzahl an Bewerbern auswählen, müssen sie heute in Konkurrenz zueinander mit Offerten um die Gunst der potenziellen Nachwuchskräfte buhlen und unter anderem mit attraktiven Rahmenbedingungen punkten. Nicht selten suchen sich die Bewerber ihren Ausbildungsbetrieb aus – nicht mehr umgekehrt. Im Gegensatz zu großen Industrieunternehmen haben kleine Handwerksbetriebe in dieser Hinsicht oft nur begrenzte Möglichkeiten – und deshalb am Ende das Nachsehen im Wettbewerb um Nachwuchskräfte. Auch, weil es in kleineren Betrieben häufig rauer zugeht. Auch diesbezüglich hätten sich Zeiten geändert, betont Wirtschaftsförderer Dr. Michael Dannebom. „Früher haben Eltern ihren Kindern mit auf den Weg gegeben, dass sie keine Klagen hören wollen. Heute heißt es: ‚Lass dir nicht alles gefallen!‘“