Potenziell krebserregend soll der Wirkstoff Valsartan sein, der auch in vielen Bluthochdruckmitteln enthalten ist. Der Vorsitzende des Ärztevereins Unna, Dr. Marcus Dormann, beruhigt Patienten.

Unna

, 12.08.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Anfang Juli wurde bekannt, dass viele Bluthochdruckmittel, die auf dem Wirkstoff Valsartan basieren, mit einem potenziell krebserregenden Stoff verunreinigt sind. Aufsichtsbehörden in Europa ordneten daraufhin einen Vertriebsstopp und vorsorglichen Rückruf für viele dieser Präparate an. Noch ist das Ausmaß des Skandals allerdings nicht abzusehen.

Konkret geht es laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) um Medikamente, deren Wirkstoff Valsartan vom chinesischen Unternehmen Zhejiang Huahai Pharmaceutical hergestellt wurde. Seit einer Produktionsumstellung im Jahr 2012 soll dieser mit N-Nitrosodimethylamin (NDMA) verunreinigt sein. Die Substanz kann auch in gepökeltem Fleisch sowie in alkoholischen Getränken vorkommen und wird von der internationalen Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beim Menschen als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft.

Bis zu 900.000 Patienten bundesweit könnten die betroffenen Präparate im vergangenen Jahr eingenommen haben. Auch im Kreis Unna sind viele Bluthochdruckpatienten dementsprechend beunruhigt und fragen sich, wie sie sich verhalten sollen. Dr. Marcus Dormann, Vorsitzender des Ärztevereins Unna, kennt die Sorgen. Im Interview erklärt er, was betroffene Patienten wissen und wie sie vorgehen sollten.

Bei welchen Erkrankungen wird Valsartan eingesetzt?

Valsartan wird im Wesentlichen bei Bluthochdruck, bei Herzschwäche und nach Herzinfarkten eingesetzt. Da man bei Bluthochdruck von einer Volkskrankheit sprechen kann, sind dementsprechend viele Patienten betroffen.

Besteht eine akute Gefahr für die Patienten?

Nein. Eine akute Gefahr für Patienten besteht ausdrücklich nicht. Bislang ist auch noch offen, welches Risiko die Einnahme der verunreinigten Präparate mit sich bringt. Die FDA (Arzneimittelbehörde der USA, Anm. d. Redaktion) hat eine vorläufige theoretische Berechnung vorgenommen, unter der Annahme, dass Patienten über vier Jahre hinweg NDMA-verunreinigtes Valsartan in der höchsten Dosierung – 320 Milligramm – eingenommen haben. Die FDA-Wissenschaftler schätzen, dass bei 8000 solcher Patienten ein zusätzlicher Krebsfall auftreten könnte beziehungsweise ein Krebsfall bei 5000 Patienten nach siebenjähriger Einnahme. Aber wie gesagt, das sind Schätzungen.

Wie sollen sich Patienten verhalten, die die verunreinigten Bluthochdruckmittel verschrieben bekommen haben?

Sie sollten Rücksprache mit ihrem Arzt oder Apotheker halten. Auf keinen Fall sollte das Medikament abgesetzt werden. Die Gefahr eines Schlaganfalls ist viel größer als das Krebsrisiko, das von Valsartan ausgehen könnte. In Absprache mit dem Arzt kann der Patient dann auf ein anderes Bluthochdruckmittel umgestellt werden.

Gibt es denn alternative Präparate?

Ja, gibt es. Die Präparate basieren auch auf der Wirkstoffgruppe der Sartane. Da diese grundsätzlich wenig Nebenwirkungen haben, ist eine Umstellung auf ein anderes Sartan in der Regel unproblematisch. Außerdem gibt es Valsartan von anderen Herstellern, das nicht verunreinigt ist.

Wenn alle betroffenen Patienten auf ein anderes Valsartan umgestellt werden, besteht dann nicht die Gefahr, dass es bald nicht mehr verfügbar ist?

Noch haben wir keine Engpässe. Wir gehen aber davon aus, dass die Vorräte sich erschöpfen werden, wenn die gesamte Produktion des Wirkstoffherstellers aus China aufgefangen werden muss. Wir raten unseren Patienten daher dazu, zunächst in der Apotheke nachzufragen, ob die alternativen Blutdrucksenker auch lieferbar sind.

Hat es Ihres Wissens nach schon mal eine derartige Rückrufaktion von Medikamenten gegeben?

Rückrufaktionen gibt es immer mal wieder. Meistens sind aber nur einzelne Chargen betroffen. Aber in diesem Fall betrifft es die gesamte Produktion eines Herstellers über Jahre hinweg. Das habe ich bislang noch nicht erlebt.

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