Ischgl in Tirol ist für seine Ski-und Après-Ski-Möglichkeiten berühmt – und jetzt auch als Coronavirus-Drehscheibe. Axel M. (Name geändert) aus Kamen war dort zum Skifahren – und steckte sich an.

von Stefan Milk

Kreis Unna

, 04.04.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Axel M. (Name geändert) aus Kamen ist passionierter Skiläufer. Ein sportlicher Typ, Mitte fünfzig. Dutzende Urlaube verbrachte er in Österreich, über zwanzig Mal war er schon in Ischgl. Auch in diesem Jahr zog es ihn und seine Lebensgefährtin in das Skiparadies im Paznauntal. „Wir fahren natürlich auch nach Ischgl, weil dort abends etwas los ist, vor allem aber, weil das Skigebiet richtig gut ist“, sagt der bekennende Österreichfan. Auch in diesem Jahr war der Skiurlaub großartig.

Es begann mit Schüttelfrost

Dass Ischgl als einer der zentralen Verbreitungsorte für das Coronavirus in Verruf geraten würde, ahnten sie noch nicht. Als sie am Samstag, 7. März, nach Hause fuhren, ging es M. und seiner Lebensgefährtin gut. Am Abend des nächsten Tages bekam er Schüttelfrost. „Am Montagmorgen bin ich dann um sechs Uhr aufgestanden und später ins Büro gefahren, es ging mir wieder gut“, erinnert er sich. Mittags fühlte er sich dann wieder schlechter, es fuhr nach Hause, um sich auszuruhen. Dienstags, so erinnert sich M., der ein Unternehmen leitet, musste er aus geschäftlichen Gründen unbedingt in die Firma, obwohl es ihm nicht gut ging: „Ich habe mich den ganzen Tag gequält.“

Corona-Verdacht

Inzwischen hatte er Verdacht geschöpft, sich mit dem Corona-Virus infiziert zu haben. „Ich rief in der Praxis meines Hausarztes an. Mir wurde gesagt, ich dürfe die Praxis nicht betreten und Testmöglichkeiten gebe es auch nicht.“ Erst der Hausarzt seiner Lebensgefährtin vermittelte den Beiden die Corona-Tests. Ein Bekannter holte diese Tests vom Arzt ab und brachte sie dem Paar. Nachdem die Beiden die Abstriche vorgenommen hatten und der Freund die Tests wieder in die Praxis gebracht hatte, begann das Warten. Nach knapp zwei Tagen rief der Mediziner an, um ihm mitzuteilen, dass er positiv auf das Corona-Virus getestet sei. „Ich hatte keine schlimmeren Beschwerden, lediglich leichte Kopfschmerzen, ein bisschen Husten. Ich hätte durchaus arbeiten können“, erinnert sich M.

Der erste Fall in Kamen

Der Mediziner teilte ihm mit: „Sie sind der erste Fall in Kamen, ich informiere darüber jetzt das Gesundheitsamt.“ Eine Stunde später meldete sich telefonisch ein Mitarbeiter des Amtes, der ihn fragte, mit wem er in der letzten Zeit Kontakt hatte. Direkt nach der Rückkehr aus dem Urlaub gab es eine kleine Familienfeier mit einem Dutzend Menschen. Deren Namen und die aller anderen, mit denen das Paar in den letzten Tagen Kontakt hatte, teilten es dem Gesundheitsamt per Mail mit. Am Wochenende wurden dann M.s Symptome schlimmer: „Ich litt unter extremen Gliederschmerzen, hustete phasenweise und schlief deutlich mehr als sonst. Ich nahm ACC ein und war dann nach vier Tagen schon wieder auf dem Weg der Besserung. Fieber hatte ich gar nicht, dafür war mein Geschmackssinn für einige Tage komplett ausgelöscht.“

„Hausarrest“

Auf die Frage, wie es sei, im eigenen Haus „gefangen“ zu sein, wird M. erst nachdenklich, dann schmunzelt er: „Es ist schon ein komisches Gefühl. Als Erstes habe ich mein Hellweger-Abo telefonisch um die Digitalkomponente erweitert. Die gedruckte Zeitung kommt in die Firma. Da hatten wir in dieser Situation nichts von, wollten aber unbedingt auf dem Laufenden bleiben.“

Der Mitarbeiter des Gesundheitsamtes hatte die Beiden informiert, dass sie bis zum 22. März in Quarantäne bleiben mussten. „Daran haben wir uns selbstverständlich gehalten. Wir haben in der Zeit keinen Fuß vor die Tür gesetzt, mein Vater hat uns versorgt. Er hat die Einkäufe vor die Haustür gestellt, wir haben sie erst hereingeholt, wenn er wieder weggefahren war“, erzählt M. Seine Lebensgefährtin hatte während der ganzen Zeit keine Beschwerden und ist im Abstand von ein paar Tagen dreimal negativ getestet worden.

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Ende der Quarantäne

Drei Tage vor Ablauf der Quarantäne meldete sich das Gesundheitsamt wieder bei dem Paar. Ein Mitarbeiter erkundigte sich nach dem Gesundheitszustand der Beiden, ob sie noch Symptome spürten. Beide konnte das verneinen., sie fühlten sich gesund. Der Mitarbeiter bat sie, ihm das per E-Mail mitzuteilen. Ebenfalls bat er darum, am Sonntag, dem Ablaufdatum der Quarantäne, noch einmal per Mail über das Befinden der Beiden informiert zu werden. Falls dann noch alles in Ordnung sein sollte, könne das Paar die Quarantäne beenden.

Großes Glück: Niemand infiziert

M. ist sehr froh, so glimpflich davon gekommen zu sein. Ihm ist klar, dass der Krankheitsverlauf auch ganz anders aussehen kann und er relativ glimpflich davon kam. Und es ist ihm klar, dass es sehr bedrückend wäre, jemanden zu infizieren: „Ich hatte richtig Glück. Natürlich habe ich mir Sorgen gemacht, Menschen anzustecken. Gottseidank sind alle, mit denen ich in der letzten Zeit vor der Quarantäne Kontakt hatte, gesund geblieben.“

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