Die Vergessenen der Flüchtlingskrise: Neue Perspektive für Geduldete im Kreis Unna

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Geduldet zu sein bedeutet vor allem, keine wirkliche Perspektive zu haben. Im Kreis Unna sollen diese Flüchtlinge nun trotzdem eine Perspektive bekommen – mit „Kümmerern“ an ihrer Seite.

Kreis Unna

, 15.06.2020, 16:08 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sie sind die Übriggebliebenen der sogenannten Flüchtlingskrise. Menschen mit einer Aufenthaltsgestattung oder einer Duldung, die eigentlich keine Bleibeperspektive haben. Menschen aus Afghanistan oder Guinea etwa, aus dem Irak oder aus Nigeria.

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„Bei der weltpolitischen Lage muss man davon ausgehen, dass diese Menschen nicht alsbald gehen oder gehen werden können“, sagt Torsten Göpfert, Sozialdezernent des Kreises Unna. Diese Menschen sind hier und werden wohl auch erstmal bleiben. „Insofern macht es unbedingt Sinn, sich um diese Menschen zu kümmern, ihnen eine Perspektive zu geben.“ Eine Perspektive, wo sie doch eigentlich keine haben.

Göpfert: Geduldete Flüchtlinge aus dem Schatten holen

Das haben sie in den Jahren seit Ausbruch der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 denn auch deutlich zu spüren bekommen. Sie waren zum Nichtstun verdammt und sind darüber auch „ein Stück weit aus den Augen verloren“ worden, wie Göpfert sagt. „Wir haben uns in den vergangenen Jahren sehr intensiv um Menschen gekümmert, die eine Perspektive hatte, zu bleiben – jetzt geht es darum, auch diejenigen in den Fokus zu nehmen, die im Schatten gestanden haben.“

Torsten Göpfert, Sozialdezernent des Kreises Unna.

Torsten Göpfert, Sozialdezernent des Kreises Unna. © Udo Hennes / Archiv

„Gemeinsam durchstarten“ – so ist ein Projekt überschrieben, das unter Federführung des Kommunalen Integrationszentrums und unterstützt durch drei Träger eben jene Übriggebliebenen in den Fokus nimmt. Es geht speziell um 18- bis 27-jährige Geflüchtete mit einer Aufenthaltsgestattung oder Duldung; und das sind im gesamten Kreis Unna über 600. Sie bekommen nun sogenannte Fallmanager zur Seite gestellt; Lotsen, Kümmerer in allen Lebensbereichen.

„Fallmanager“ als Lotsen und Kümmerer für Flüchtlinge

Die Fallmanager sollen Netzwerker sein, Angebote erschließen und ihre Klienten an die entsprechenden Experten vermitteln. Mit dem großen Ziel der Teilhabe, was insbesondere auch die Vermittlung in Arbeit bedeutet. Und zwar auf Augenhöhe, ohne dass die Klienten etwaige Sanktionen zu befürchten hätten.

„Geduldete waren bislang von vielen Angeboten ausgeschlossen, haben nichts in der Hand.“
Mazen Kanaan, Fallmanager

Einer der insgesamt drei Fallmanager ist Mazen Kanaan. Er ist vor 20 Jahren selbst als Flüchtling nach Deutschland gekommen, war jahrelang nur geduldet. „Ich kenne die Situation – wobei das zu meiner Zeit noch anders war.“ Deutschland habe sich verändert, sagt er. Damals habe man sich selbstständig kümmern müssen, „Angebote wie dieses gab es nicht“. Er verstehe sich als wichtiger Vermittler für die Geflüchteten. „Geduldete waren bislang von vielen Angeboten ausgeschlossen, haben nichts in der Hand. Ich hoffe, dass wir es über das Programm schaffen, viele von ihnen auf den Weg in eine Ausbildung oder Beschäftigung zu bringen.“

Mazen Kanaan ist Ansprechpartner für Menschen aus Unna, Fröndenberg, Holzwickede und Schwerte. Farah El Maaroufi (Werne, Bergkamen, Kamen und Bönen) und Alexandra Chiribes (Lünen und Selm) sind seine beiden Kolleginnen.

Sozialdezernent Torsten Göpfert (hinten rechts) und Ingo Gall vom Kommunalen Integrationszentrum (hinten links) bei der Vorstellung der Teilhabemanager*innen Farah El Maaroufi (r.) und Alexandra Chiribes (Mitte) und Mazen Kanaan (l.).

Sozialdezernent Torsten Göpfert (hinten rechts) und Ingo Gall vom Kommunalen Integrationszentrum (hinten links) bei der Vorstellung der Teilhabemanager*innen Farah El Maaroufi (r.) und Alexandra Chiribes (Mitte) und Mazen Kanaan (l.). © Max Rolke / Kreis Unna

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Bis 2022 ist das Projekt „Gemeinsam durchstarten“ angelegt, der Kreis Unna plant für die gesamte Laufzeit 134.600 Euro ein. Träger sind die Umwelt-Werkstatt Lünen und Selm, der Awo-Unterbezirk Ruhr-Lippe-Ems und der Caritasverband Kreis Unna.

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