Im Zeitalter der Smartphones leben manche Menschen ihre Sensationsgier immer schamloser aus. Doch bei einem Unfall auf der A1 bei Unna hatten sie die Rechnung ohne die Polizei gemacht.

von Gabriele Hoffmann

Kreis Unna

, 11.10.2018, 11:28 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Autobahn ist gesperrt. Bei einem Unfall mit mehreren Fahrzeugen gibt es Verletzte. Rettungsdienste bemühen sich um die Opfer, versuchen Leben zu retten. In Zeiten von Dauer-Staus leider längst trauriger Alltag auf den Autobahnen im Kreis Unna. Ebenso wie diese unschöne Begleiterscheinung: Das Unfall- und Rettungsszenario „in echt“ zu beobachten statt gemütlich auf dem Sofa vor dem Fernsehen, bereitet offenbar vielen Menschen einen ganz besonderen Nervenkitzel. Sie fahren langsam an der Unfallstelle vorbei, recken den Hals, um auch wirklich alles mitzubekommen. Und immer mehr Menschen belassen es nicht beim bloßen Gaffen, sondern zücken ihr Smartphone, fotografieren und filmen. Manche bleiben sogar stehen, steigen aus und gehen ganz nah ran. Polizeibeamte können die unglaublichsten Geschichten erzählen.

In erster Linie kümmern sie sich vor Ort um die Unfallstelle. Bleibt daneben aber dem einen oder anderen Beamten noch etwas Zeit, dann haben die Gaffer schlechte Karten. So wie am vergangenen Dienstag bei einem Lkw-Unfall auf der A1 bei Unna. Zwei Lastwagen waren ineinandergekracht, Container von der Ladefläche gerutscht. Die Bahn war dicht. Hinter dem Unfall bildete sich ein dicker Stau. Auf der Gegenseite kam es ebenfalls zu Behinderungen. Da meinten vor allem Brummilenker, sie müssten ihre in Not geratenen Kollegen (glücklicherweise gab es diesmal keine Schwerverletzten) in allen Einzelheiten im Bild oder Video festhalten.

Die dreisten Gaffer von der A1: Wie die Sensationsgier immer schamloser ausgelebt wird

Manch ein Lkw-Fahrer machte sich noch nicht einmal ansatzweise die Mühe, das gaffende Filmen zu verbergen. © Neumann

Polizei registriert filmende Lkw-Fahrer und verschickt 30 Bußgeldbescheide

Doch diesmal hatten sie die Rechnung ohne die Polizei gemacht. Denn die kontrollierte aufmerksam, wer da langsam auf der Gegenfahrbahn vorbeifuhr und das Handy in der Hand hatte. Doch selbst unter derartiger Beobachtung filmte einige Lkw-Fahrer dreist weiter. Ein Pkw-Fahrer bremste ebenfalls ab, gab aber den Beamten einen wichtigen Tipp: „Der hinter mir, der filmt die ganze Zeit“. Und genauso war es. Allerdings konnte der Fahrer außer einem stehenden Lastwagen von hinten nichts Spannendes sehen. Die Polizei notierte das Kennzeichen – eines von 30. Denn nach dem Einsatz auf der A1 bekommen nun allein 30 Kraftfahrer Post. Diese Zahl bestätigte Polizeisprecher Kim Freigang auf Anfrage. Die Empfänger werden zur Kasse gebeten, es werden Bußgelder in Höhe von mindestens 100 Euro fällig.

Solche Post droht übrigens auch denjenigen, die Unfallvideos in sozialen Netzwerken veröffentlichen. Auch darauf hat die Polizei ein Auge. Dabei kann es um die Verletzung von Persönlichkeitsrechten gehen, während die Smartphone-Hobbyfilmer gegen das Verbot, elektronische Kommunikationsgeräte am Steuer zu nutzen, verstoßen.

Die dreisten Gaffer von der A1: Wie die Sensationsgier immer schamloser ausgelebt wird

Es sind Unfall-Szenarien wie diese, die offenbar immer mehr Gaffer auf der Autobahn zum Fotografieren oder Filmen mit dem Smartphone animieren. © Michael Neumann

Mit der Verbreitung der Smartphones nimmt der Voyeurismus zu

Die Unsitte, sich am Leid anderer zu ergötzen, ist freilich nicht neu. Das Smartphone eröffnet lediglich neue, einfache Möglichkeiten: Schnell ist auf den roten Punkt gedrückt und das private (Horror-)Video im Kasten.

In Grenzen war das auch schon früher möglich. Polizeisprecher Kim Freigang erinnert sich an ein Erlebnis bei einem Unfall auf einer Autobahn vor etwa zehn Jahren. Da habe ein Reisebus angehalten, damit die Reisenden aussteigen und mit ihren Kompaktkameras fotografieren konnten. Freigang spricht von „niederen Instinkten“, die mit der modernen Technik noch intensiver ausgelebt werden. Im Mittelalter war es die öffentliche Hinrichtung, heute wecken Unfälle oder Brände die Sensationsgier.

Schutzzäune werden aufgestellt, wenn die Bergung lange dauert

Um die Blicke der Gaffer von der Einsatzstelle fernzuhalten, gibt es Schutzzäune. Diese setzt die Polizei seit einigen Jahren ein, wenn absehbar ist, dass die Bergung und Versorgung der Verletzten länger dauert. Um die Zäune zur Unfallstelle zu schaffen dauere es 30 bis 45 Minuten, so Freigang. Sein Appell an alle Gaffer: Sie sollen sich einmal vorstellen, wie es wäre, wenn sie selbst in ihrem Blut liegen und zum Sensationsobjekt fremder Leute würden.

  • „Gaffen“ aus dem Auto bei Unfällen alleine ist kein eigener Straftatbestand. Das Filmen und Fotografieren fällt unter das Nutzungsverbot sämtlicher Kommunikationsgeräte während der Fahrt.
  • Dazu zählen neben dem Smartphone auch Laptops und Tablets. Verstöße können teuer werden.
  • Die Gaffer von der A1 können sich auf mindestens 100 Euro einstellen. Je nach weiteren Umständen können Verstöße gegen das Urheberrecht, gegen das Persönlichkeitsrecht, unterlassene Hilfeleistung und andere geahndet werden. „Wir haben da eine breite Palette von Möglichkeiten“, sagt der Dortmunder Polizeisprecher Kim Freigang.
  • Alle Handysünder kann die Polizei freilich nicht feststellen. Der Unfall geht vor. Und Überwachungskameras im Unfallumfeld sind aus Datenschutzgründen nicht erlaubt. Aber, so Freigang, keiner kann sicher sein, dass er nicht entdeckt wird.
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