Der Kreis Unna steuert auf einen Hausärztemangel zu

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Die Hälfte der Hausärzte im Kreis Unna ist in einem Alter, in dem man über eine Nachfolge nachdenken muss. Doch potenzielle Nachfolger sind rar gesät. Die Suche nach Lösungen für den drohenden Ärztemangel.

Kreis Unna

, 23.11.2018, 14:16 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Es gibt im Kreis Unna im Moment keinen konkreten Hausärztemangel, aber wir werden da schnell hinkommen.“ So lautet die Einschätzung von Marco Luzius. Er ist bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen Lippe (KVWL) für die Bereiche Sicherstellungspolitik und -beratung zuständig und war in den Gesundheitsausschuss des Kreises eingeladen worden, um einen Überblick über die Entwicklung der allgemeinmedizinischen Versorgung im Kreis Unna mit Blick auf die nähere Zukunft zu werfen.

Drohender Hausärztemangel hat mehrere Faktoren

Im Bereich der hausärztlichen Grundversorgung kommen nämlich einige Faktoren zusammen, welche die KVWL in den nächsten Jahren beschäftigen werden. Zum einen eine Änderung der Bedarfsplanungsrichtlinie. Bis Ende des vergangenen Jahres lag die Verhältniszahl bei 2134 Einwohner je Hausarzt, in den kommenden zehn Jahren soll diese Zahl sukzessive auf das bundesweite Niveau von 1671 Einwohner je Hausarzt sinken. Unterm Strich wird somit also auf dem Papier die Versorgung auch im Kreis Unna besser, zumal ein Hausarzt für weniger Einwohner zuständig sein soll.

Viele Hausärzte sind schon über 60

Der andere und wesentlich schwieriger zu beeinflussende Faktor betrifft die menschliche Komponente, zumal nach wie vor mehr Hausärzte in den Ruhestand gehen, als neue Ärzte nachkommen. Im Moment sähe die KVWL – lediglich nach Zahlen betrachtet – noch keinen akuten Handlungsbedarf, zumal der Versorgungsgrad, wie Luzius eingangs betonte, derzeit noch ausreiche. Faktisch heißt das, dass in den sechs Mittelbereichen, in die sich der Kreis Unna in der Planung der KVWL aufteilt, nur Bergkamen unter 100 Prozent liegt, und zwar bei 83 Prozent. Handlungsbedarf sieht die KVWL erst bei einem Wert unter 75 Prozent. Die übrigen Mittelbereiche – Kamen (120,3), Lünen (107,8), Schwerte (133,6), Unna (103,2) und Werne (110,5) – liegen mit Stand November 2018 noch über der 100 Prozent-Marke. Aber ein Blick auf die Altersstruktur der Allgemeinmediziner zeigt trotzdem einen Handlungsbedarf, denn die Überalterung der Hausärzte ist im Kreis Unna, wie im gesamten Bereich Westfalen Lippe, ein Problem. „Die Hälfte der Ärzte ist in einem Alter, in dem man überlegen muss, wie man das nachbesetzt bekommt.“ Bönen stellt Luzius als besonders extremes Beispiel heraus, dort haben sechs von acht Ärzten das 60. Lebensjahr überschritten.

Nachfolger in der Allgemeinmedizin dringend gesucht

Der Kreis Unna steuert auf einen Hausärztemangel zu

Die Kommunen sind gefragt, wenn es darum geht Ärzte anzulocken. © picture alliance / Stephan Janse

Befragung

Das wollen junge Ärzte

Der Hartmannbund hat im Jahr 2012 eine Befragung unter jungen und angehenden Medizinern durchgeführt. Untersuchungsgegenstand war unter anderem, welche Voraussetzungen sie dazu bewegen würden, sich auf dem Land oder in einer Kleinstadt niederzulassen oder als angestellter Arzt zu praktizieren. Marco Luzius von der KVWL ordnet ein: „Es zeigt sich, dass das Geld bisweilen nur eine untergeordnete Rolle spielt, zumal der Verdienst als niedergelassener Hausarzt mit etwa 110.000 Euro netto im Jahr schließlich auch sehr auskömmlich ist.“ Die Top drei der Antworten beziehe sich auf sogenannte sekundäre Faktoren. An erster Stelle steht der Wunsch nach Unterstützung bei der Kinderbetreuung, direkt dahinter die kostenlose Bereitstellung von Praxisräumlichkeiten. An dritter Stelle wünschen sich die Ärzte einen Arbeitsplatz für den Ehe- oder Lebenspartner. „Die Voraussetzung, dass wir oder die Krankenkassen eine Prämie zahlen, kam erst an vierter Stelle“, berichtet Luzius und sieht auch dieses Ergebnis als Zeichen dafür, dass es den Ärzten nicht in erster Linie ums Geld geht. Darüber hinaus könnten Kommunen und Kreise folgende Maßnahmen ergreifen., wie aus der Vorschlagsliste der KVWL hervorgeht:
  • Ansprechpartner für Ärzte festlegen - sozusagen „Kümmerer“ suchen, die von Verwaltungsseite feste Ansprechpartner für die Ärzte sein können
  • Kontakt zu niedergelassenen Ärzten halten und sich anbahnende Praxisabgaben erfassen
  • Kontakt zu Medizinstudenten suchen und frühzeitig eine Praxisnachfolge klären
  • Zeitgemäße Praxisräume an geeigneten Stellen bereitstellen
  • Unterstützung bei der Jobsuche für den Partner, bei der Wohnungssuche oder bei der Suche nach einem Kinderbetreuungsplatz
  • Kostenzuschüsse für Praxismiete, Sanierung, Fahrtkosten
  • Auslobung von Stipendien
  • Weiterbildung fördern
  • Kooperationen, wie Ärztehäuser und Gesundheitszentren unterstützen
  • Prüfen, ob ein kommunales Medizinisches Versorgungszentrum in Frage kommt

Woher sollen also die Allgemeinmediziner kommen, die diese Stellen nachbesetzen oder sogar noch zusätzlich ins Kreisgebiet ziehen müssen, wenn die Versorgungsrate bis 2028 vorsieht, dass ein Hausarzt für 463 Einwohner weniger zuständig sein soll. Da diese Einwohner nach wie vor versorgt werden müssen, wird es dementsprechend mehr Ärzte brauchen. Aber die Zahl der Facharztanerkennungen in Allgemeinmedizin in Westfalen-Lippe hat in den vergangenen 20 Jahren etwa um die Hälfte abgenommen. „Dafür gab es viele Gründe, einige könnten sein, dass die Facharztausbildung an den Unis lange eher vernachlässigt worden ist, aber auch die Ärzteschaft dem Ruf des Hausarztes nicht gutgetan hat“, mutmaßt Luzius. In den vergangenen Jahren hätte sich die Zahl zwar wieder leicht erholt, die Statistik weißt aber nach wie vor eine enorme Imbalance aus. „Wir bilden gut hundert aus, verlieren aber mehr als 200 im Jahr“, sagt Marco Luzius.

Facharzt Allgemeinmedizin nicht sonderlich beliebt

Allgemeinmedizin ist als Fachrichtung mit 9 Prozent beileibe nicht die beliebteste. Es gibt etwa 11.000 Studienplätze für Medizin in Deutschland, darauf kommen mehr als viermal so viele Bewerber. „Die Zahl hat seit der Wende sogar abgenommen. 1990 hatten wir in Westdeutschland 11.000 Studienplätze und in der ehemaligen DDR 6000. Die sind irgendwie verloren gegangen“, so Luzius. Das trage alles nicht dazu bei, das drohende Hausarzt-Problem zu lösen. Dazu komme auch der Faktor, dass 1000 derzeitige Ärzte in Zukunft von 1350 neuen Ärzten ersetzt werden müssen. Diesen rechnerisch überraschenden Umstand begründet Luzius wie folgt: „Das liegt daran, dass die jungen Ärzte nicht so viel arbeiten wollen, wie die alten – Stichwort Work-Life-Balance.“

KVWL muss Versorgungsauftrag erfüllen

All diese Faktoren sorgen dafür, dass sicherlich nicht nur die KVWL schauen muss, wie sie ihren Versorgungsauftrag in Zukunft erfüllen kann, sondern eben auch die Kommunen sich Konzepte überlegen müssen, wie sie die wenigen Hausärzte anlocken und an sich binden können. Stipendien von 500 Euro im Monat für Medizinstudenten, die sich nach ihrem Abschluss dazu verpflichten, vor Ort zu arbeiten, ist ein Mittel, das im Kreis Unna ab dem Wintersemester 2019/20 greifen soll. Ein Vorschlag der FDP, Ärzte, die sich im Kreis niederlassen wollen mit einer zusätzlichen Praxis-Prämie zu locken, stieß im Gesundheitsausschuss nicht auf die notwendige Unterstützung, zumal die Ausführung von KVWL-Experte Marco Luzius zeigte, dass es für die fertigen Ärzte nicht zwingend der monetäre Faktor ist, der eine Rolle spielt. Es seien vielmehr die sekundären Faktoren, die eine Rolle spielen, an denen sich Kommunen und Kreise orientieren können, wenn es darum geht Hausärzte für sich zu gewinnen.

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