Coronavirus: Tafel im Kreis Unna wird massiv beschimpft – dabei kann sie gerade nicht helfen

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Hilfe für die Bedürftigen: Dafür steht die Tafel im Kreis Unna seit 15 Jahren. Weil in der Corona-Krise durch Hamsterkäufe nicht mehr genügend Lebensmittel bei ihr ankommen, musste sie schließen – und wird dafür nun beschimpft.

Unna

, 26.03.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ulrike Trümper ist mit ihren Nerven am Ende. Über 100 Anrufe hat sie an diesem Tag schon erhalten – und das nur bis mittags. Die meisten Anrufer haben die Vorsitzende der Tafel im Kreis Unna beschimpft – weil sie ihnen sagen musste, das die Tafel keine alternativen Hilfsangebote schaffen kann, nachdem die Ausgabestellen wegen der Corona-Krise schließen mussten.

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„Man wird richtig angefeindet.“
Ulrike Trümper, Vorsitzende der Tafel im Kreis Unna

„Man wird richtig angefeindet“, berichtet Trümper unserer Redaktion, „das habe ich noch nicht erlebt. Die Leute verstehen nicht, wieso wir gerade nicht helfen können.“ Seit dem 13. März hat die Tafel alle ihre Ausgabestellen in Unna, Bönen, Bergkamen, Holzwickede, Lünen, Fröndenberg, Werne und Selm geschlossen – und das aus gutem Grund.

„Wir haben die Verantwortung, unsere Mitarbeiter zu schützen. Bei uns in den Ausgabestellen arbeiten nicht die Jungen, da arbeiten die Älteren, die Über-70-Jährigen. Die sind jetzt die Risikogruppe. Die schicke ich doch jetzt nicht dahin und setze sie dem Risiko einer Ansteckung aus“, erklärt Ulrike Trümper. Zumal: Mit Beginn der irrationalen „Hamsterkäufe“ in der Corona-Krise bekommt die Tafel nicht mehr genügend Lebensmittel, um sie an ihre Kunden verteilen zu können.

Ältere Menschen bilden das Team der Ausgabestellen der Tafel im Kreis Unna, wie hier in Unna-Massen im Melanchtonhaus (rechts im Bild Leiter Uwe Schlüter).

Ältere Menschen bilden das Team der Ausgabestellen der Tafel im Kreis Unna, wie hier in Unna-Massen im Melanchtonhaus (rechts im Bild Leiter Uwe Schlüter). © UDO HENNES

„Unsere räumlichen Gegebenheiten würden bei jeder Form einer Ausgabe einen infektionsrelevanten Hot-Spot bilden.“
Der Vorstand der Tafel im Kreis Unna

In einem offenen Brief hat sich der gesamte Vorstand der Tafel im Kreis Unna nun an die Öffentlichkeit gewandt und darin seine Gründe erläutert, wieso die Tafel auch alternativ vorgeschlagene Hilfsangebote nicht koordinieren kann. Viele soziale Organisationen, Kirchen, Einzelpersonen entwickeln derzeit Initiativen, armen Menschen Lebensmittelhilfen zukommen zu lassen und fragen beim Tafelvorstand an, ob denn die Tafel das umsetzen könne.

„Wir werden die Ausgabestellen nicht zu einem Hot-Spot einer Ansteckungsgefahr machen. Das ist unmöglich, die Mindestabstände bei einer Ausgabe einzuhalten. Unsere räumlichen Gegebenheiten würden bei jeder Form einer Ausgabe einen infektionsrelevanten Hot-Spot bilden. Das Risiko wäre für alle Beteiligten viel zu hoch – egal, welchen Alters sie sind“, betont Ulrike Trümper, dass die Tafel grundsätzlich alle Menschen, die bei ihnen arbeiten oder Kunden sind, vor einer Ansteckung mit Corona schützen wolle.

Schon seit Anfang März erhält die Tafel nicht mehr genügend Lebensmittel, um ihre Kunden versorgen zu können. Schuld sind die vielen Hamsterkäufe wegen des Coronavirus.

Schon seit Anfang März erhält die Tafel nicht mehr genügend Lebensmittel, um ihre Kunden versorgen zu können. Schuld sind die vielen Hamsterkäufe wegen des Coronavirus (Archivbild). © Udo Hennes

Hinzu kommt, dass die Tafel kreisweit agiert und nun nicht als Organisator einzelner lokaler Angebote auftreten kann. „Wir müssten selbstverständlich unsere anderen Ausgabestellen mitbedienen, wir sind eine Kreis-Organisation und nicht nur in einzelnen Städten aktiv“, so der Tafel-Vorstand, der auch betont, dass man weder personell, logistisch noch strategisch gerüstet sei für die vielen Hilfeanliegen, die zur Umsetzung nun an die Tafel herangetragen würden.

„Wir wollen nach der Corona-Krise wieder für unsere Kunden da sein, denn wir werden gebraucht.“
Ulrike Trümper

„Es ist wirklich schade: Seit 15 Jahren gibt es uns und man wird von vielen Menschen nie wahrgenommen oder gar gewürdigt und plötzlich heißt es: Ihr müsst doch helfen und ihr müsst doch was machen. Und dann wird man aufs Übelste beschimpft, wenn man erklären will, wieso das gerade nicht geht“, zeigt sich Ulrike Trümper enttäuscht. Sie hat dieser Tage auch ohne die vielfach belastenden Anrufe ohnehin genug zu tun.

„Wir wollen nach der Corona-Krise wieder für unsere Kunden da sein, denn wir werden gebraucht. Deswegen müssen wir jetzt mit Sponsoren sprechen, damit uns niemand abspringt. Auch unsere laufenden Kosten müssen gedeckt werden, damit wir handlungsfähig bleiben, wenn das alles vorbei ist“, erklärt die Vorsitzende der Tafel.

In der aktuellen Situation helfe tatsächlich nur eine Geldspende den Kunden der Tafel, erklärt sie und verweist auf die Idee der Bürgerstiftung Unna: Die Bürgerstiftung Unna möchte Lebensmittelgutscheine an Bedürftige

ausgeben, die möglicherweise über das Sozialamt der Stadt versendet werden können. „Das ist eine wirklich großartige Idee, denn sie hilft ganz konkret“, findet Trümper.

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