Erster Tag der Kita- und Schulschließungen wegen der Coronakrise: Ein Besuch bei zwei Kitas und zwei Schulen zeigt, dass kaum Eltern die Notbetreuung für ihre Kinder in Anspruch nehmen. Der Grund: die Sorge vor Ansteckung.

Kamen

, 16.03.2020, 10:47 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bei ihrer Morgenrunde mit dem Hund sieht Gaby Brückner sonst viele Schul- und Kitakinder. Doch an diesem Montagmorgen ist alles anders. „Ich habe niemand gesehen“, sagt die Kamenerin.

Zwei Schulen und zwei Kindergärten liegen in der Nähe, das Gymnasium, die Diesterwegschule, die Kita „Sternstunde“ und die Kita „Pusteblume“. Auf dem großen Parkplatz, wo sonst reger Elterntaxi-Verkehr zu beobachten ist, bleibt es ruhig.

Nach und nach fahren die Lehrerinnen und Lehrer der Schulen mit dem Auto vor, darunter Lars Wollny. Der Tag beginnt für ihn mit einer großen Ungewissheit: „Wir wissen nicht, wie viele Schüler überhaupt kommen und haben erst mal vier Lehrer für die Notbetreuung eingeteilt“, sagt der stellvertretende Schulleiter des Städtischen Gymnasiums. Später heißt es am Telefon: Kein Schüler ist gekommen, außer um Sachen aus den Fächern abzuholen und dann wieder zu gehen.

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Rollos des Kindergartens heruntergelassen

Es ist der erste Tag der Schul- und Kitaschließung infolge der Coronakrise. Nur noch am Montag und Dienstag dürfen übergangsweise alle Schüler in die Schule gehen, bevor ab Mittwoch nur noch eine Notbetreuung für Kinder von sogenannten unentbehrlichen Schlüsselpersonen in der Schule vorgehalten wird. Für Kitas gilt diese Regelung schon ab diesem Montag.

In der Kita „Sternstunde“ brennt zwar Licht, aber die Rollos sind heruntergelassen. Am Tor hängt ein Aushang, auf dem in roter Schrift steht: „Diese Kindertageseinrichtung ist vom 16.03.2020 - 19.04.2020 geschlossen“. Darunter folgt ein etwas verklausulierter Hinweis auf die neuen Regeln: „Sofern eine notwendige Betreuung nachweislich nicht von Ihnen gewährleistet werden kann und Sie zum besonderen Personenkreis (Sicherheit/Ordnung, Gesundheitswesen, Feuerwehr, o.ä.) gehören, bitten wir um schriftliche Mitteilung. Das Formular für den Nachweis erhalten Sie bei der Einrichtungsleitung bzw. unter www.awo-rle.de“.

Notbetreuung nur für Kinder von Schlüsselpersonen: Am Zaun der Kita „Sternstunde“ in Kamen weist ein Aushang auf die neuen Regeln hin.

Notbetreuung nur für Kinder von Schlüsselpersonen: Am Zaun der Kita „Sternstunde“ in Kamen weist ein Aushang auf die neuen Regeln hin. © Carsten Fischer

Auf ein Klingeln am Tor öffnet eine Mitarbeiterin die Eingangstür. Fragen will sie nicht beantworten. Weit und breit sind keine Kinder zu sehen. Nichts deutet darauf hin, dass die Notbetreuung in Anspruch genommen wird. Normalerweise werden hier 80 Kinder in vier Gruppen betreut: Sonne, Mond, Sterne und Regenbogen.

Kein einziges Kind ist an der Kita „Pusteblume“ erschienen. Und das, obwohl von den 21 Kindern ungefähr fünf für die Notbetreuung berechtigt sein könnten. „Wir hoffen, dass wir den Eltern Unterstützung bieten können“, sagt Erzieherin Natascha Blume an der Eingangstür.

Mutter: Die Situation ist „echt beschissen“

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Coronaferien

Leere Klassenzimmer

  • In den 32 Awo-Kitas im Kreis Unna wurden am Montag 16 Kinder betreut. In allen 53 Kitas des Awo-Bezirks Ruhr-Lippe Ems (Kreise Unna, Warendorf, Stadt Hamm) waren es nach Awo-Angaben nur 35 Kinder – von insgesamt 4000.
  • In vielen Schulen erschienen am Montag keine Schüler, außer um sich Unterrichtsmaterial abzuholen. So kam ein knappes Dutzend Schüler zur Josef-Reding-Schule in Holzwickede. Am Clara-Schumann-Gymnasium der Gemeinde musste der Umgang mit einem Kind ab Mittwoch geklärt werden.
  • In den 19 Kitas in Kamen erschienen 38 Kinder zur Notbetreuung, der Bedarf für 42 Kinder wurde angemeldet.

Am Schultor der Diesterwegschule erscheint eine Frau mit ihrer Tochter. Sylvia H., die ihren vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sagt auf die Frage, wie die Situation für sie ist: „Echt beschissen.“

Die alleinerziehende Mutter schildert, dass notfalls ein Bekannter bei der Betreuung aushelfen könnte, wenn die Schule ab Mittwoch nur noch Kinder von Schlüsselpersonen betreut. Sie selbst zähle vielleicht dazu. „Unsere Firma sorgt dafür, dass die Apotheken und Krankenhäuser mit Medikamenten versorgt werden“, sagt sie. Doch selbst wenn sie den Nachweis bekommt, fragt sie sich, ob es nicht besser für ihre Tochter wäre, zu Hause zu bleiben.

Die Sorge bei Eltern, dass sie ihre Kinder einem höheren Ansteckungsrisiko aussetzen, wenn sie diese weiterhin zur Schule und zur Kita bringen, ist offenbar verbreitet. Eine Kamenerin, die ihren sechsjährigen Sohn zur Diesterwegschule bringt, will ihn nur noch am Montag dort lassen. Für Dienstag denkt die 43-Jährige darüber nach, ihn mit zur Arbeit in einen Baumarkt zu nehmen. Für die anderen Tage muss sie noch etwas organisieren, aber Oma und Opa sind keine Alternative. „Die sind beide über 70, meine Mutter hat eine Vorerkrankung“. Das Coronavirus ist für ältere Menschen besonders gefährlich.

Mit schlechtem Gewissen die Mutter gefragt

Eine 32 Jahre alte Kamenerin belässt ihre achtjährige Tochter und ihren siebenjährigen Sohn bei ihrer Mutter. „Mit einem schlechten Gewissen“, räumt sie ein. Das funktioniere aber nur, wenn der Schichtdienst ihrer berufstätigen Mutter das zulasse. „Ich habe noch eine Freundin, die aushelfen könnte.“

Birsel C. ist nur gekommen, um Schulbücher ihrer Tochter abzuholen. Die Neunjährige bleibt definitiv zu Hause. „Mein Sohn ist 15 und soll auf sie aufpassen“, sagt die Mutter. „Wenn wir diese Lösung nicht gefunden hätten, wäre mir mein Arbeitgeber entgegen gekommen“, sagt sie.

Die Zeit der ersten Schulstunde rückt näher, und eine Lehrerin schließt das Tor der Diesterwegschule ab. 320 Schüler besuchen diese Grundschule normalerweise. Drinnen seien nur wenige Kinder, sagt die Lehrerin.

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