Über 1100 Menschen wurden bislang im Kreis Unna in häusliche Quarantäne geschickt. Verstöße wurden nicht bekannt – bis auf eine einzige Ausnahme. Die Einhaltung ist kaum zu kontrollieren.

Kreis Unna

, 02.04.2020, 17:57 Uhr / Lesedauer: 3 min

Alexandra Bartosch aus Kamen musste zwei Wochen in häuslicher Quarantäne verbringen. Das lag daran, dass in der von ihr geleiteten Kita „Arche Noah“ in Rünthe ein Kita-Kind mit dem neuartigen Coronavirus infiziert war.

Ihr eigener Corona-Test verlief negativ. „Ich bin ein aktiver Mensch, kann aber auch super entspannen“, sagt Bartosch über die Zeit der häuslichen Isolierung.

Insgesamt 1127 Menschen in Quarantäne geschickt

Wie viele Menschen im Kreis Unna bislang in Quarantäne geschickt wurden, geht jetzt aus dem Ergebnis einer Redaktionsumfrage bei den zehn Städten und Gemeinden im Kreis Unna hervor. Demnach ordneten die Kommunen auf Geheiß des Kreisgesundheitsamts für insgesamt 1127 Menschen eine häusliche Isolierung an, weil sie selbst mit dem Sars-CoV-2-Virus infiziert waren oder Kontakt mit einem Infizierten hatten.

Die Gesamtzahl spiegelt nicht wider, für wie viele Personen die 14-tägige Karenzzeit schon ausgelaufen ist. Nicht eingerechnet sind auch Fälle zum Beispiel in Altenheimen, wenn die gesamte Einrichtung per Anordnung isoliert wird.

Die Umfrage zeigt: Die Behörden vertrauen darauf, dass die Menschen sich an die Vorgabe halten, sehen aber auch kaum Kontrollmöglichkeiten. Stefanie Heinrich von der Gemeinde Holzwickede sagt: „Wie soll man das kontrollieren, wenn man das Gesicht des Menschen in Quarantäne nicht kennt?“

Das sagen die zehn Kommunen

In Bergkamen wurde die häusliche Isolierung für 204 Menschen angeordnet (Stand: 1. April). Kontrollen finden nach Angaben von Heiko Brüggenthies vom Ordnungsamt nicht statt. Die Betroffenen bekommen die Anordnung von Mitarbeitern „wie mit dem reitenden Boten“, so Brüggenthies, zugestellt.

In Bönen wurden 37 Menschen in die Quarantäne geschickt (Stand: 31. März). Verstöße gegen die Auflagen wurden nicht bekannt. Die Gemeinde kontrolliert die Einhaltung der Quarantäne bei Infizierten „im Rahmen der allgemeinen Kontrollen“. Dies stößt „naturgemäß auf Grenzen, da die unter Quarantäne stehenden Personen nicht persönlich vom Ansehen bekannt sind und eine Überwachung gleichsam rund um die Uhr schlicht nicht möglich ist“, erklärte Fachbereichsleiter Jörg-Andreas Otto. Er appelliert an die Einsicht der Betroffenen.

Coronavirus

Wer ordnet die Quarantäne an?

  • Mit Sars-CoV-2 infiziert oder mit einem Infizierten in Kontakt? Die häusliche Quarantäne wird zunächst vom Kreisgesundheitsamt mündlich mit sofortiger Wirkung angeordnet, um keine Zeit zu verlieren. Schriftlich kommt die Anordnung einige Tage später von der örtlichen Ordnungsbehörde.
  • Kontaktpersonen ersten Grades (enger Kontakt zu Infizierten) müssen das Gesundheitsamt laut Robert-Koch-Institut täglich über ihren Gesundheitszustand informieren.

In Fröndenberg begaben sich 70 Menschen in die häusliche Isolierung (Stand: 1. April). „Wir kündigen die Verfügungen vorher telefonisch an und haben in den Gesprächen durchweg keine ablehnende Haltung festgestellt“, sagte Beigeordneter Hans-Günter Freck.

In Holzwickede blieben oder bleiben 25 Menschen vorerst zu Hause. „Bislang sind wir mit der Ansprache der Leute klargekommen“, sagt Torsten Doennges vom Ordnungsamt.

In Kamen mussten sich bislang 64 Menschen in Quarantäne begeben (Stand: 1. April). „Es gab bisher keine Probleme mit der Umsetzung von Quarantäne-Maßnahmen“, erklärte Sprecher Peter Büttner. „Die Reaktionen waren stets konstruktiv und die Menschen haben sehr diszipliniert und verantwortungsbewusst auf die angeordneten Maßnahmen reagiert.“

In Lünen durften 187 Menschen ihre Wohnung vorerst nicht verlassen (Stand: 31. März). „Gezielte Kontrollen im Hinblick auf die Einhaltung der Quarantäne führen wir derzeit nicht durch, Hinweisen aus der Bevölkerung gehen wir aber nach“, erklärte Sprecher Benedikt Spangardt. „Es sind allerdings bisher keine Verstöße gegen die Anordnung einer häuslichen Quarantäne bekannt geworden und entsprechend auch keine Sanktionen eingeleitet worden.“

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In Schwerte wurden 218 Menschen zum Daheimbleiben aufgefordert (Stand: 31. März). Die Ordnungsbehörde kontrolliere die Einhaltung. „Es gab bisher eine Anzeige eines Bürgers zum Verstoß gegen die Absonderungsanordnung“, berichtete Sprecher Ingo Rous. Das Rechtsamt stellte Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft.

In Selm mussten 124 Menschen auf behördliche Anordnung in den eigenen vier Wände bleiben (Stand: 2. April). „Stichprobenartig wurden und werden Kontrollen gemacht. Verstöße sind nicht festgestellt worden“, erklärte Sprecher Malte Woestmann.

In Unna erhielten 121 Personen Menschen einen Bescheid über die abzuleistende Quarantäne (Stand: 2. April). „Bislang mussten wir keine Kontrollen durchführen. Es sind auch keine Verstöße gegen die häusliche Quarantäne bekannt geworden“, erklärte Sprecher Christoph Ueberfeld.

In Werne wurden 77 Menschen unter Quarantäne gestellt (Stand: 2. April). „Bislang gibt es in Werne keine bekannt gewordenen Verstöße gegen die angeordnete Quarantäne, so dass auch noch keine Sanktionen einzuleiten waren“, erklärte Dezernent Frank Gründken „Bislang gehen alle Betroffenen sehr diszipliniert und verantwortungsbewusst mit dem Thema um.“

Keine Kasernierung für Quarantäne-Brecher geplant

Eine Art „Quarantäne-Knast“ für Verweigerer gibt es bislang in keiner kreisangehörigen Kommune. Die Stadt Menden, wo bereits ein Lager für mögliche Quarantäne-Brecher eingerichtet wurde, ist offenbar kein Vorbild.

Die Stadt Kamen verweist darauf, dass Verweigerern ein Bußgeld von bis zu 25.000 Euro droht. In Lünen gibt es grundsätzliche Überlegungen zum Umgang mit Verweigerern, „aber absolut keinen Bedarf und keine Notwendigkeit, zu etwaigen Zwangsmaßnahmen zu greifen“.

In Unna heißt es: „Da sich bislang die Personen an die Quarantäne halten, ergibt sich auch nicht die Notwendigkeit zu überlegen, wie mit Störern zu verfahren ist.“ In Holzwickede lautet die Auskunft: „Wir sind in der Vorüberlegung, wie wir mit Quarantäne-Verweigerern umgehen.“

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