Gute Nachricht in der Corona-Krise: Keine Zunahme von häuslicher Gewalt

dzCoronavirus

Mehr Gewalt, weil sich Lagerkoller breit macht? Das ist im Kreis Unna erfreulicherweise nicht so. Das Frauenhaus in Unna rüstet sich aber für den Fall, dass Bewohnerinnen in Corona-Quarantäne müssen.

Kreis Unna

, 01.04.2020, 15:06 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dass die Corona-Krise zu einem Lagerkoller führt, der sich in einer Zunahme von häuslicher Gewalt entlädt, ist bisher nur eine Befürchtung. Im Bereich der Kreispolizeibehörde Unna seien derartige Tendenzen nicht festzustellen, sagte Polizeisprecher Christian Stein unserer Redaktion. Die Zahl der Polizei-Einsätze bewege sich in dem Rahmen, „den wir auch in Zeiten von Nicht-Corona hätten“. Stein gibt aber auch zu bedenken, dass gerade die erste Woche des Kontaktverbots überstanden sei.

Frauenforum in Unna: „Wir werden nicht überrannt“

Das Frauenforum im Kreis Unna, das in Unna unter anderem ein Frauenhaus und eine Übernachtungsstelle für wohnungslose Frauen betreibt, bestätigt die aktuelle Einschätzung der Polizei. „Wir werden nicht überrannt“, sagt Geschäftsführerin Birgit Unger.

Das könne freilich auch damit zusammenhängen, dass manche Frau es in Corona-Zeiten vielleicht länger in den eigenen vier Wände „aushalte“, oder auch damit, dass Räumungsverfahren von Wohnungen ausgesetzt seien.

Keine Neuzugänge wegen Vorbereitung auf Quarantäne-Fälle

Neuzugänge kann das Frauenhaus derzeit trotzdem nicht aufnehmen.

Sechs Frauen und vier Kinder leben aktuell (Stand: Montag, 30. März) in den Räumlichkeiten des Frauenforums. Es sind weniger als zu normalen Zeiten, weil drei Zimmer im Frauenhaus bewusst nicht belegt werden. Das Frauenforum rüstet sich für mögliche Corona-Fälle im Haus.

Birgit Unger erklärt: „Wenn jemand in Quarantäne müsste, wollen wir die Räume der Übernachtungsstelle umfunktionieren zur Quarantäne-Wohnung.“ Die Frauen aus der Übernachtungsstelle könnten dann in die zurzeit freien Zimmer im Frauenhaus umziehen.

Webseite bietet Übersicht über freie Plätze in Frauenhäusern

Anfragen verweist das Unnaer Frauenhaus daher aktuell auf andere Frauenhäuser. Landesweit haben gerade nicht mehr viele Einrichtungen Plätze frei, wobei die Lage rund um den Kreis Unna noch relativ gut ist. Die Frauenhäuser in Hamm und Dortmund werden auf einer Karte der Webseite frauen-info-netz.de noch als „grün“ geführt. Das heißt: Dort gibt es freie Plätze für Frauen mit Kinder und für Frauen ohne Kinder.

Auf der Webseite des Frauen-Info-Netzes gegen Gewalt (frauen-info-netz.de) können Betroffene nach Frauenhäusern in ihrer Nähe suchen und sehen auf einen Blick, ob dort gerade Plätze frei sind oder nicht. Vielerorts sind die Markierungen derzeit rot, so auch in Unna. Das heißt: Dort kann gerade leider niemand mehr aufgenommen werden.

Auf der Webseite des Frauen-Info-Netzes gegen Gewalt (frauen-info-netz.de) können Betroffene nach Frauenhäusern in ihrer Nähe suchen und sehen auf einen Blick, ob dort gerade Plätze frei sind oder nicht. Vielerorts sind die Markierungen derzeit rot, so auch in Unna. Das heißt: Dort kann gerade leider niemand mehr aufgenommen werden. © Screenshot: Kohues

Birgit Unger befürchtet freilich, dass sich die Situation in den nächsten Wochen eher verschlechtern als verbessern wird. „Weil die Wohnungssuche deutlich schwieriger geworden ist, bleiben die Frauen länger im Frauenhaus. Damit sind Plätze entsprechend länger blockiert“, so Unger.

Hotels und Ferienwohnungen als unkonventionelle Lösungen

Sie begrüßt daher eine aktuelle Mitteilung aus dem Bundesfamilienministerium. Demnach hat Familienministerin Franziska Giffey (SPD) mit den Bundesländern vereinbart, für Corona-bedingte Engpässe bei Frauenhauskapazitäten auch unkonventionelle Lösungen zu finden. Genannt wird in der Mitteilung beispielsweise die kurzfristige Anmietung von Hotels und Ferienwohnungen.

In den zurzeit leerstehenden Hotels sieht das Frauenforum im Kreis Unna auch eine Auffangmöglichkeit für die Täter von häuslicher Gewalt. Zur Erklärung: Die Polizei hat durch das Gewaltschutzgesetz die Möglichkeit, eine Wegweisung auszusprechen. Dann könnte das Opfer – meist die Frau – zuhause bleiben. Dem Täter – meist der Mann – würde ein Näherungsverbot auferlegt und der Wohnungsschlüssel abgenommen.

Auch die Täter müssten in Zeiten eines brach liegenden Wohnungsmarktes aber nicht auf der Straße stehen, betont Birgit Unger. Neben den Übernachtungsstellen für Männer in Unna und Lünen könnten auch für diese Menschen Zimmer in leerstehenden Hotels eine Option sein.

Die wichtigsten Hilfsangebote in der Übersicht

Von Gewalt Betroffene und Bezugspersonen sollten auch in diesen schwierigen Zeiten keinesfalls zögern, sich zu melden und Hilfe zu suchen. Angebote gibt es genug. Hier eine Auswahl der wichtigsten:

  • Die Frauen- und Mädchenberatungsstelle des Frauenforums in Unna hat die telefonischen Erreichbarkeitszeiten erweitert. Die Beraterinnen sind montags bis donnerstags von 9 bis 12 Uhr sowie von 14 bis 15 Uhr und freitags von 9 bis 12 Uhr unter Tel. (02303) 82202 erreichbar. Wer eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlässt, erhält in jedem Fall einen Rückruf.
  • Die Online-Beratung ist über www.frauenforum-unna.de erreichbar, Mail-Anfragen sind an frauenberatungsstelle@frauenforum-unna.de möglich.
  • Hilfe rund um die Uhr und in 18 Sprachen bietet das bundesweite Gewalttelefon unter der kostenfreien Hotline (08000) 116 016.
  • Weitere Hilfsangebote für Gewaltopfer bündelt die Webseite der Initiative #Stärker als Gewalt (www.staerker-als-gewalt.de) des Bundesministeriums für Familie, Frauen und Jugend.
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