Wie funktioniert Schule eigentlich ohne Schulgebäude? Diese Frage stellt sich Schülern und Lehrern im Kreis Unna nach den Schließungen wegen des Coronavirus. Im Vorteil ist, wer in der Digitalisierung voran geht.

Kreis Unna

, 25.03.2020, 04:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn Jugendliche nicht in die Schule müssen, dann scheren sie sich doch nicht um den Unterrichtsstoff! Wer das glaubt, liegt gehörig falsch. An Schulen, die die Digitalisierung schon lange ernst nehmen, finden die Schülerinnen und Schüler den Unterricht über das Internet nämlich durchaus spannend. Und sie beteiligen sich daran – wie das Beispiel der Fridtjof-Nansen-Realschule Kamen zeigt.

Gut vorbereitet auf die Schulschließung

Schulleiter Peter Wehlack ist froh, dass die Stadt Kamen die Digitalisierung in den Schulen nicht verschlafen hat. Im Gegenteil: „Kamen ist da vorbildlich unterwegs – sowohl was die Hardware Komponenten angeht, als auch was Software-Komponenten betrifft.“ Deswegen sei seine Schule gut vorbereitet gewesen auf das Szenario Schulschließung.

Viel Lob hat Peter Wehlack, Leiter der Friedtjof-Nansen-Realschule Kamen, für die Stadt Kamen. Die sei in Sachen Digiatlisierung schon vor der Corona-Krise vorbildlich unterwegs gewesen.

Lob hat Peter Wehlack, Leiter der Fridtjof-Nansen-Realschule Kamen, für die Stadt Kamen. Die sei in Sachen Digitalisierung schon vor der Corona-Krise vorbildlich unterwegs gewesen. © Stefan Milk

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel angedeutet habe, dass Schulen wegen des Coronavirus geschlossen werden könnten, habe die Realschule auch die Schülerinnen und Schüler an das „Office-365-Netz“ herangeführt. In den drei Computerräumen gab es freitags Schulungen, damit die Kinder und Jugendlichen das Programm „Teams“ von Microsoft nutzen können. Gerade rechtzeitig: Am Montag darauf war die Schule zu.

Datenschutz

Nur pädagogische Inhalte

Die Fridtjof-Nansen-Realschule Kamen nutzt das Programm „Teams“ von Microsoft nur für pädagogische Inhalte. Sie hält sich damit an die Regeln der Datenschutzgrundverordnung.

Knapp eineinhalb Wochen ist das jetzt her. Seitdem sitzen Schüler und Lehrer nicht mehr in einem Klassenzimmer, sie treffen sich in Chatrooms. „Jeden Tag von 8 bis 9 Uhr und von 12 bis 13 Uhr stehen dort alle Lehrkräfte zur Verfügung“, erklärt Wehlack.

Coronavirus holt Eltern ins Homeoffice

Längst nicht jeder Schüler kann diese Chance nutzen. „Die Voraussetzungen sind ja unterschiedlich. Manche können den PC erst abends nutzen, weil die Eltern vorher im Homeoffice sind. Und es gibt Familien mit mehreren Kindern, die aber nicht für jeden einen eigenen PC haben. Das haben wir durchaus im Blick“, erklärt Wehlack. Trotzdem erreicht die Schule 95 Prozent aller Schüler.

Mit dem Programm „Teams“ von Microsoft können auch Dateien (hier ein Arbeitsblatt) übertragen werden, ohne dass Menschen von außen Zugriff haben.

Mit dem Programm „Teams“ von Microsoft können auch Dateien (hier ein Arbeitsblatt) übertragen werden, ohne dass Menschen von außen Zugriff haben. © Stefan Milk

Ohnehin findet Unterricht jetzt zu ganz anderen Zeiten statt. Das weiß Mathematik-Lehrerin Juliane Hanko zu berichten. Sie sieht, wann ihr Aufgabe zur Korrektur zurückgesendet werden und weiß auch aus Chats, wann die Jugendlichen sich damit befassen. „Die nehmen das durchaus ernst. das ist natürliche eine besondere und spannende Situation“, sagt sie.

Ältere Schüler helfen sich gegenseitig

Immer mehr wird das Lernen mit digitalen Medien aber für alle Beteiligten zur Routine. „Für uns Lehrer war das zu Beginn natürlich auch ungewöhnlich“, sagt Hanko. Die Schülerinnen und Schüler kämen mit dieser Art des Lernens gut zurecht. Ob es Unterschiede zwischen ihrer sechsten und ihrer neunten Klasse gibt? „Vielleicht den, dass sich die Neuner mehr auch gegenseitig helfen“, sagt sie.

App auf dem Handy reicht

Wer digital lernen will, braucht streng genommen noch nicht mal einen Computer. Die App auf dem Handy reicht. „Die Schüler können die Aufgaben dann abschreiben, ihre Lösung fotografieren und zurückschicken. Das ist der rudimentäre Weg“, sagt Wehlack.

Karina Huxol kümmert sich um die Mädchen und Jungen mit besonderem Förderbedarf. Was ihr fehlt, ist die Körpersprache und Mimik ihrer Schülerinnen und Schüler.

Karina Huxol kümmert sich um die Mädchen und Jungen mit besonderem Förderbedarf. Was ihr fehlt, ist die Körpersprache und Mimik ihrer Schülerinnen und Schüler. © Stefan Milk

Und doch kann das Internet den persönlichen Kontakt nicht voll ersetzen. Das weiß Karina Huxol, die sich an der Realschule um die Schüler des Gemeinsamen Lernens kümmert. „Mir fehlt die Reaktion, wenn ich Fragen oder Aufgaben stelle. Oft kommt nur ein Ok. In der Schule sehe ich die Körpersprache und Mimik“, erläutert sie. Und sie gibt zu: „Das ist schon eine besondere Herausforderung.

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Lob von den Eltern

Eine Herausforderung, die die Pädagogen an der Realschule Kamen offenbar mit Bravour meistern. Erst am Montag bekam Juliane Hanko wieder den Dank einer Mutter zu hören. Diese freute sich über den Mut der Lehrer und dass sie die Kinder „mit neuen Technologien in die Welt der Zukunft führen“ würden.

Digitaler Crash-Test für Schulen

Diese Technologien allerdings müssen auch erstmal zur Verfügung stehen. „Ich weiß von Kollegen an Schulen in Dortmund, dass da zum Teil fast nichts geht“, sagt Wehlack. Der Corona-Schock ist so etwas wie ein digitaler Crash-Test für die Schulen. Wer über moderne Technik verfügt, kann seine Schülerinnen und Schüler in einer Art erzwungenem Feldversuch auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereiten. Andere hinken hinterher.

„Am Ende sind auch Lehrer Menschen, die gerne mit Menschen arbeiten möchten.“
Schulleiter Peter Wehlack

Und obwohl die Realschule Kamen zur ersten Art gehört, sehnen sich alle Lehrer auch wieder nach einem normalen Schulalltag. „Am Ende sind auch Lehrer Menschen, die gerne mit Menschen arbeiten möchten“, sagt Peter Wehlack. Und meint: am liebsten im ganz persönlichen Kontakt. Doch sicher ist aus: Die digitalen Möglichkeiten werden demnächst auch im „normalen“ Unterricht an der Realschule Kamen noch intensiver genutzt als bislang schon.

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