„Lasst wachsen“: Appell eines Friseurs an Solidarität und Vernunft seiner Kunden

dzCorona-Krise

Unvermindert wachsen sie weiter: unsere Haare. Derweil dürfen Friseure ihre Salons seit dem 23. März nicht mehr öffnen. Trotz drohender Struwwelköpfe – ein Friseur-Obermeister appelliert an die Vernunft.

Fröndenberg, Unna

, 04.04.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein Haarschnitt kann zwar nachgeholt, eine Dauerwelle auch im Sommer gelegt werden – der Kopf unter der Frisur ist allenfalls ein wenig in seiner Eitelkeit getroffen. Friseuren jedoch entgeht landesweit seit mittlerweile zwei Wochen das Geschäft mit dem Schneiden, Legen, Fönen.

Björn Barthold

Björn Barthold © privat

„Unterstützt das Friseurhandwerk in seiner tiefsten Krise.“
Friseur-Obermeister Björn Barthold

Das Frisiergeschäft, das jetzt gerade vor Ostern – mit Wartezeit! – angestanden hätte, können die Coiffeure eben nicht mehr nachholen – die Umsätze fallen ersatzlos weg. Da dürfte ein bisschen erlaubter Außer-Haus-Verkauf mit Haarpflegeartikeln nur ein schwacher Trost sein.

Do-it-yourself-Videos im Internet

Dennoch gibt es Alternativen: Seit Tagen kursieren Do-it-yourself-Videos auf vielen Kanälen – geschnitten sogar von Friseuren selbst, die ihren Kunden zeigen, wie easy jeder halbwegs geschickte Mann einen modischen Faconschnitt mit dem eigenen Kurzhaarschneider vor dem Badezimmerspiegel hinbekommt.

Genial – die Herren sind gerettet. Für die Dame wird‘s schon schwieriger. Vielleicht doch den Friseur des Vertrauens zu sich nach Hause einladen? Da ist man unter sich und zum Osterfest – auch wenn diesmal ja eh nur im trauten Familienkreis gefeiert wird – ist man top gestylt.

Zur SacheBundes- und Landeshilfe für Kleinstunternehmer

  • Dienstleistungen, bei denen ein Mindestabstand von 1,5 Metern von Mensch zu Mensch nicht eingehalten werden kann (insbesondere von Friseuren, Nagelstudios, Tätowierern, Massagesalons), sind laut einer Rechtsverordnung des Landes vom 23. März untersagt.
  • Verstöße werden als Ordnungswidrigkeiten mit einer Geldbuße bis zu 25.000 Euro und als Straftaten mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren verfolgt. Die zuständigen Behörden sind gehalten, Geldbußen auf mindestens 200 Euro festzusetzen.
  • Für Kleinstunternehmen bis zehn Mitarbeiter und Soloselbständige gibt es ein bundesweites Soforthilfe-Programm. Soloselbständige und Friseurenternehmen mit bis zu fünf Beschäftigten (Vollzeitäquivalente) können bis zu 9000 Euro als nicht rückzahlbaren Zuschuss erhalten.
  • Friseure mit bis zu zehn Beschäftigten (Vollzeitäquivalente) können bis zu 15.000 Euro Zuschuss erhalten. Manche Bundesländer stocken die Hilfen auf, zum Beispiel NRW auf 25.000 Euro.

Björn Barthold hält von beiden Varianten nicht viel. Was die Corona-Krise stoppen könne, müsse doch eigentlich mittlerweile jeder wissen: Abstand halten. „Wir können aber nicht auf eineinhalb Meter Entfernung Haare schneiden“, sagt der Obermeister der Friseur-Innung Unna.

Der Fröndenberger setzt auf die Vernunft seiner Berufskollegen. Ordnungsämter hätten Friseure, die immer noch Haare schnitten, schon zu Bußgeldern von 2500 Euro verdonnert, hat er gehört. „Ein teurer Haarschnitt.“

Für Kundinnen und Kunden zeigt er Verständnis, hofft aber auf die Solidarität mit dem Handwerk. „Lasst wachsen“, appelliert Barthold. Klar ist dabei: Die Natur hindert manchen Mann an dieser Obliegenheit.

Ruf der Branche steht auf dem Spiel

Es geht um nichts weniger als den Ruf seiner Zunft. Björn Barthold: „Jeder frisch frisierte Kopf, den man beim Einkaufen oder Spaziergang sieht, könnte die Menschen misstrauisch machen und ein falsches Bild unserer Branche darstellen.“

Einmal am Tag die Haare waschen, Hut oder Mütze aufsetzen, empfiehlt er – der Friseurmeister hat auch in der Krise seinen Humor nicht ganz verloren, auch wenn er den Rat durchaus ernst meint.

Zum Lachen ist ihm auch nicht zumute. Seine Eltern, die vor 55 Jahren den Salon in Fröndenberg gründeten, kennen einige Stammkunden seit Jahrzehnten. Für sie ist der regelmäßige Gang zu ihrem Friseur, das Plaudern, das Aus-dem-Haus-Kommen Teil ihres Lebens.

In diesen Tagen gehören die Senior-Bartholds und ihre Kunden zur sogenannten Risikogruppe – und können sich vorerst nicht verabreden. Björn Barthold: „Für die bricht jetzt eine Welt zusammen.“

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