Ein ÖPNV-Jahresabo für nur 365 Euro: Das klingt nach dem Durchbruch für die Verkehrswende. Die Frage, wie realistisch das für den Kreis Unna ist, beantwortet jetzt ein Gutachten. Das fällt verhalten aus.

Kreis Unna

, 12.11.2019, 12:59 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es klingt so einfach wie vielversprechend. Mit dem 365-Euro-Ticket für nur einen Euro pro Tag Bus und Bahn fahren – könnte das der Durchbruch für die Verkehrswende sein? Dem Kreis liegt jetzt ein Gutachten zu der Frage vor. Und das sagt: Ja und Nein.

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Es ist ein symbolträchtiges Projekt, das Sozialdemokraten landauf, landab in die politische Debatte tragen. Den ganz großen Wurf plant die SPD-Bundestagsfraktion: Sie liebäugelt mit der Idee, Kommunen bei der Einführung eines 365-Euro-Tickets zu unterstützen, damit Bürger in Deutschland eines Tages flächendeckend für umgerechnet einen Euro pro Tag den öffentlichen Personennahverkehr nutzen können.

Bundesweit würde das für Verkehrsunternehmen Milliarden an Einnahmeausfällen bedeuten – dabei ist nicht mal klar, ob die Preisschraube allein überhaupt ausreicht, um mehr Menschen in Busse und Bahnen zu bringen.

Wiener Modell ist auch für den Kreis Unna Vorbild

Der Kreis Unna befasst sich gleichwohl schon mit der Idee. Die SPD-Kreistagsfraktion hatte den Ball bereits Anfang des Jahres ins Rollen gebracht und um Klärung gebeten, welche Chancen und Risiken die Einführung eines Jahrestickets für einen Euro pro Tag im Kreis Unna bestehen. Vorbild: Das sogenannte Wiener Modell – in der Hauptstadt Österreichs wurde als eine von vielen Maßnahmen unter anderem der Preis für eine ÖPNV-Jahreskarte um knapp ein Fünftel auf 365 Euro gesenkt.

Gutachten: 365-Euro-Ticket nicht für Berufspendler

Dem Antrag der SPD-Kreistagsfraktion ist inzwischen ein Gutachten gefolgt. Dessen Kernbotschaft lautet: Wenn die Finanzierung gesichert ist, kann ein 365-Euro-Ticket Sinn machen – aber nur, wenn es erst ab 8 Uhr gültig ist. Einerseits wären die Auswirkungen auf die ohnehin schon gut ausgelasteten Morgenstunden zu groß, andererseits hätte die ganztägige Gültigkeit weitere Folgen. So müssen Tickets für Schüler grundsätzlich 20 Prozent unter dem normalen Preisniveau liegen, für sie müsste es also eine Jahreskarte für 292 Euro geben, die noch dazu von den Schulträgern bezahlt werden müsste.

„Viele Gutachter bleiben skeptisch, dass die Preissenkung allein zu der Verkehrswende führt, die wir uns alle wünschen.“
Dr. Uwe Rennspieß (WVG)

„Viele Gutachter bleiben skeptisch, dass die Preissenkung allein zu der Verkehrswende führt, die wir uns alle wünschen“, sagte Dr. Uwe Rennspieß von der westfälischen Verkehrsgesellschaft (WVG) bei der Präsentation des Gutachtens im zuständigen Fachausschuss des Kreises. Er nannte die Annahme, allein durch eine Preissenkung könne man viele Neukunden gewinnen, ein Missverständnis: „Das Wiener Modell ist in Wahrheit viel umfangreicher.“ So habe man nicht nur den Preis für die Jahreskarte auf 365 Euro reduziert, sondern auch das ÖPNV-Angebot insgesamt deutlich verbessert und darüber hinaus unter anderem hohe Parkgebühren eingeführt.

VKU müsste enorme Einnahmeausfälle kompensieren

Zur Sache

Drei Szenarien fürs 365-Euro-Ticket

  • Szenario 1: 365-Euro-Ticket nur im Abonnement mit einem deutlichen Preisunterschied zu den übrigen Angeboten (vor allem Bartarife). Kunden aus heute teureren Abo-Angeboten wechseln vollständig ins 365-Euro-Angebot, die übrigen Kunden je nach Veränderung des Preisverhältnisses.
  • Szenario 2: Das Gesamtsortiment wird günstiger, das Tarifangebot vereinfacht. Produktauswahlverhalten der Kunden bleibt unverändert, durch die insgesamt günstigeren Preise können neue Kunden gewonnen werden.
  • Szenario 3: 365-Euro-Ticket als 8 Uhr-Variante. Überschaubare Nutzerwanderung vom Vollzeitabo zum 365-Euro-Angebot.

Für das kommunale Verkehrsunternehmen im Kreis Unna wäre die Einführung eines 365-Euro-Tickets jedenfalls mit eklatanten Einnahmeausfällen verbunden, die freilich irgendwie kompensiert werden müssten. Das Gutachten aus dem Hause „Probst & Consorten“ geht je nach Szenario von bis zu 42,5 Prozent an Einnahmeausfällen aus, im Gegenzug aber nur von einer geringen Steigerung der Beförderungszahlen.

Das hehre Ziel, über die Preisschraube den großen Wurf in Richtung Verkehrswende zu schaffen, wird am Ende also vor allem eine Frage der Finanzierung sein. Auch die Einschätzung der Verkehrsexperten lautet: „Eine Absenkung auf 365 Euro ist nur dann sinnvoll, wenn die dafür notwendigen Mittel vorhanden sind oder durch flankierende Maßnahmen gewonnen werden.“

Bonn: Verhaltene Resonanz auf das 365-Euro-Ticket

Übrigens: In Bonn ist Anfang des Jahres bereits ein 365-Euro-Ticket eingeführt worden, die Resonanz auf das allein für Neukunden zugängliche Angebot war allerdings eher verhalten; rund 6000 der 17.000 verfügbaren Jahrestickets sind verkauft worden. Die ehemalige Bundeshauptstadt ist neben Essen, Reutlingen Herrenberg und Mannheim eine von fünf ausgewählten Modellstädten, in denen verschiedene Projekte Menschen dazu bewegen sollen, vom Auto auf umweltfreundlichere Alternativen umzusteigen.

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