Nach der Katastrophe von Genua fragen viele: Wie sicher sind unsere Brücken? Keinen Anlass zu Extra-Kontrollen sieht das NRW-Verkehrsministerium. Aber viele Brücken im Kreis Unna sind marode.

Kreis Unna

, 16.08.2018 / Lesedauer: 5 min

Brücken sind neuralgische Punkte im Straßenverkehr, besonders auf Autobahnen und Bundesstraßen. Sie müssen große Mengen an Verkehr verkraften. Im Transitland NRW sind viele Brücken in einem schlechten Zustand. Sperrungen und Einschränkungen des Lkw-Verkehrs sind die Folge, wie an der Leverkusener Rheinbrücke. Auch im Kreis Unna erhalten viele Brücken schlechte Noten. So bekommt die A2-Brücke über die B233 in Kamen eine 3,3 – gleichbedeutend mit nicht ausreichend. Sie stammt aus dem Jahr 1946. Die A44-Brücke in Unna über die Bornekampstraße (Baujahr 1972) hat eine Zustandsnote von 3,0 – ebenfalls nicht ausreichend. Und die A1-Brücke im Liedbachtal (Baujahr 1961) steht mit der Bewertung von 3,2 auch schlecht da. Die Liste ließe sich problemlos fortsetzen – und sie zeigt deutlich: Viele Brücken sind auch im Kreisgebiet alt und sanierungsbedürftig.

Zwar hat sich der Anteil der Brücken landesweit mit einer nicht ausreichenden und ungenügenden Zustandsnote von 10,3 Prozent in 2014 auf 8,7 Prozent (2018) verbessert – dank gestiegener Aufwendungen für die Unterhaltung. Doch lediglich 11,3 Prozent der Brücken konnten eine sehr gute und gute Zustandsnote erreichen. Diese Zahl lag 2014 noch bei 11,9 Prozent. Der Anteil der Brücken mit einer befriedigenden Zustandsnote ist um 2 Prozentpunkte auf 42,4 Prozent gestiegen.

Untersuchungen des Bundesverkehrsministeriums (BMVI) und der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) zu den Auswirkungen des überdurchschnittlich angestiegenen Schwerverkehrs haben gezeigt, dass insbesondere bei älteren Brücken die Tragfähigkeitsreserven allmählich erschöpft sind.

Zum Zeitpunkt des Brückenbaus war das hohe Verkehrsaufkommen nicht absehbar. Die Bauwerke müssen repariert oder sogar neu gebaut werden. Das mittlere Alter der Brücken an Autobahnen und Bundesstraßen liegt bei 38 Jahren. Brücken an Landesstraßen sind im Mittel 42 Jahre alt. Viele Brücken haben damit die Hälfte ihrer Nutzungsdauer erreicht, die auf 80 bis 100 Jahre angelegt ist.

Brücken im Kreis Unna sind marode – aber keine Extra-Kontrollen nach Genua

Während die Brücken etwa im Münsterland in gutem Zustand sind, gilt das für viele Brücken im Kreis Unna nicht.

Belastung vervielfacht

Die Dauerbelastung hat Spuren an den Konstruktionen hinterlassen, die zu einem großen Teil aus den 1960er- bis 1980er-Jahren stammen. Seit 1980 verfünffachte sich die Gütertransportleistung auf der Straße und soll noch weiter steigen, prognostisch um 80 Prozent bis zum Jahr 2050. Zugleich werden Lkw immer schwerer. „Heute sind 44 Tonnen Gesamtgewicht erlaubt“, sagt Susanne Schlenga von Landesbetrieb Straßen.NRW. In den 1950er-Jahren war es lediglich die Hälfte.

Dazu kommen Schwertransporte. Im Vergleich dazu nutzen die vielen leichteren Autos die Fahrbahnen längst nicht so stark ab. Ein Lkw mit zweimal zehn Tonnen Achslast entfaltet auf der Autobahn die gleiche Zerstörungswirkung wie 60.000 Pkw.

Jede Brücke wird gemäß DIN-Norm 1076 in genau vorgegebenen Zeitabständen von Mitarbeitern des Landesbetriebes Straßen.NRW untersucht. Alle sechs Jahre wird eine umfassende Hauptprüfung durchgeführt. Dabei rücken die Experten den Bauwerken mit Spezialgeräten zu Leibe. Drei Jahre später folgt eine einfachere Prüfung. Zweimal im Jahr stehen systematische Beobachtungen durch Straßenwärter an. Zusätzlich gibt es bei besonderen Anlässen – etwa nach schweren Verkehrsunfällen oder Hochwasser – Sonderprüfungen.

So entstehen die Noten

Die Brückenprüfer erfassen alle festgestellten Schäden. Nach einem festen Algorithmus wird dann die Zustandsnote ermittelt und in ein sogenanntes elektronisches Brückenbuch eingetragen. Diese reichen von 1,0 (sehr gut) bis 4,0 (ungenügend). Die Zustandsnote bildet nach BASt-Angaben die Grundlage für die weitere Erhaltungsplanung.

Eine Zustandsnote „nicht ausreichend“ bedeutet aber nicht zwangsläufig eine Nutzungseinschränkung des Bauwerkes, sondern sei vielmehr ein Indikator dafür, dass in näherer Zukunft eine Instandsetzungsmaßnahme zu planen sei, heißt es vom BASt. Ein „ungenügender“ Zustand weist zwar auf eine beeinträchtigte oder nicht mehr gegebene Stand- oder Verkehrssicherheit hin, kann aber laut BASt auch lediglich auf Schäden an den Gitterstäben des Geländers zurückzuführen sein. Wenn bei der Bauwerksprüfung eine Sicherheitsbeeinträchtigung festgestellt wird, werden der BASt zufolge sofort entsprechende Maßnahmen getroffen. Bei einer Zustandsnote von 3,4 bis 4 ist eine umgehende Instandsetzung beziehungsweise Erneuerung erforderlich.

In Nordrhein-Westfalen kommen 375 Brücken auf Fernstraßen aufgrund ihres Alters, ihrer Bauweise oder der besonders hohen Verkehrsbelastung mittlerweile an ihre Grenzen, so dass sie als sanierungsbedürftig eingestuft worden sind. Davon müssen laut aktuellen Berechnungen 198 (52,2 Prozent) neu gebaut werden, 96 (25,6 Prozent) repariert. Das geht aus einer Antwort des BMVI auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion Mitte Juli hervor. 3,9 Milliarden Euro wird das kosten.

Brücken im Kreis Unna sind marode – aber keine Extra-Kontrollen nach Genua

Hält maximal bis 2023: Die A1-Brücke Liedbachtal in der Massener Heide. © UDO HENNES

Masterplan für Brücken

Um die notwendigen Reparaturen im Netz der Bundesfernstraßen zu beschleunigen, wurde 2015 ein deutschlandweites Programm zur Brückenmodernisierung aufgelegt. In den Jahren 2017 bis 2020 stehen in diesem Programm, das auch danach fortgeführt wird, rund 2,9 Milliarden Euro zur Verfügung. 101,6 Millionen Euro bekam Nordrhein-Westfalen 2016 aus diesem Topf für die Erneuerungsarbeiten.

Für das NRW-Verkehrsministerium ist die Brückenerneuerung Teil des Masterplans zur Umsetzung des Fernstraßenbedarfsplans 2030, darunter fällt auch der Ausbau der A 45 mit ihren großen Talbrücken, von denen viele ersetzt werden müssen. Auf dem Streckenzug A45 Haiger Burbach bis zum Westhofener Kreuz müssen auf der gesamten Strecke die Brücken erneuert werden.

Ebenfalls weichen muss die Talbrücke Block Heide bei Schwerte über die A1. Baubeginn soll laut Straßen.NRW 2020 sein. Die etwa 230 Meter lange Talbrücke überquert zwei Bahnstrecken und einen Bach. Die 1961 fertiggestellte Brücke weise erhebliche bauliche Schäden auf, trotz Reparaturmaßnahmen und einer zeitweiligen Reduzierung des Schwerlastverkehrs, heißt es von Straßen.NRW. Mehr als 20 Millionen Euro sind für den Neubau veranschlagt. Ebenfalls ohne Alternative ist ein Neubau der Liedbachtalbrücke südlich des Autobahnkreuzes Dortmund/Unna an der A1. Schwertransporte sind über sie bereits nicht mehr zugelassen. Insgesamt gibt es in NRW auf 14 Bundesautobahnen Lastbeschränkungen für Lkw.

Zwischen Dortmund und Unna ist in diesem Jahr mit dem Ausbau der vierspurigen B1 zur sechsspurigen Autobahn 40 begonnen worden. Für 105 Millionen Euro werden bis 2023 auf einer Strecke von rund zehn Kilometern 14 Brücken ersetzt, saniert oder verbreitert. Darunter allein in Holzwickede die Brücke über die Nordstraße und über den Oelpfad sowie die Brücke im Zuge der Kurzen Straße über die künftige A40 und die Talbrücke Massener Heide.

An Baustellen wird es also auch in den nächsten Jahren nicht mangeln, zumal auch der Kreis Unna im Zuge seines Kreisstraßenbauprogramms einige Brückenbauwerke an Kreisstraßen erneuern wird.

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