Das Brieftaubenwesen soll auch auf Bundesebene als immaterielles Kulturerbe anerkannt werden. Die Züchter im Kreis Unna würden sich freuen. Tierschützer wollen das verhindern.

Kreis Unna

, 10.11.2018, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Für die einen sind sie die „Ratten der Lüfte“, für die anderen die „Rennpferde des kleinen Mannes“, und wiederum andere halten sie für eine schützenswerte Tierart: Um Tauben tobt in Deutschland seit Jahren ein erbitterter Kampf. Nun ist er neu entfacht. Denn das Brieftaubenwesen soll bundesweit als immaterielles Kulturerbe anerkannt werden. Die Züchter im Kreis würden sich freuen, die Tierschützer aber sind gar nicht begeistert.

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Sollen Brieftauben als nationales Kulturerbe anerkannt werden?

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Die Idee, das Brieftaubenwesen als nationales Kulturerbe anerkennen zu lassen, gibt es schon länger. Auf Landesebene ist dieser Schritt bereits geschafft. Schließlich ist der Brieftaubensport in Nordrhein-Westfalen sehr beliebt, gerade im Ruhrgebiet. Doch der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter mit Sitz in Essen will mehr: die Eintragung als schützenswerte bundestypische Tradition und vielleicht irgendwann als Weltkulturerbe – vergleichbar mit der traditionsreichen Falknerei.

Immaterielles Kulturerbe

  • Deutschland setzt mit dem bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes die Unesco-Konvention zur Erhaltung solcher Kulturformen um.
  • Die Welterbekonvention der Unesco ist das wichtigste Instrument der Völkergemeinschaft zum Schutz des weltweiten Kultur- und Naturerbes.
  • 2006 trat das Abkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes in Kraft.
  • Dabei geht es um Tanz, Theater und Musik, aber auch um Handwerk, Traditionen und Bräuche aus allen Weltreligionen. Dazu zählen zum Beispiel die Heilig-Blut-Prozession in Brügge, die Mittelmeerküche oder die deutsche Brotkultur.
  • 178 Staaten sind dem Übereinkommen bis heute beigetreten, Deutschland im Juli 2013.
  • Die meisten Einträge verzeichnen China, Japan und Südkorea.
  • Das deutsche Verzeichnis wird in einem mehrstufigen Verfahren von der Deutschen Unesco-Kommission und verschiedenen deutschen staatlichen Akteuren erstellt. Es handelt sich also um kein Unesco-Verzeichnis.
  • Die Aufnahme ins nationale Verzeichnis ist aber die Voraussetzung dafür, an die Unesco weitergemeldet zu werden, um auf eine internationale Liste zu kommen.

„Schlag ins Gesicht des Tierschutzes“

Der Deutsche Tierschutzbund will diese Adelung unbedingt verhindern. Jedes Jahr kämen Hunderttausende Tauben bei Wettkämpfen zu Tode, entweder weil sie Opfer von Greifvögeln würden oder gegen Windräder und Strommasten flögen. Außerdem würden die Tiere bei den teilweise hunderte Kilometer langen Strecken, die sie zurücklegen, an ihre Leistungsgrenzen stoßen. Eine derartige Tierquälerei dürfte nicht auch noch durch eine Anerkennung als immaterielles Kulturerbe gefördert werden.

Dem kann sich Ursula Horn, Vorsitzende des Tierschutzvereins Unna nur anschließen. „Es wäre ein Schlag ins Gesicht des Tierschutzes, wenn Brieftauben als Kulturerbe anerkannt werden“, kritisiert sie. Jedes Jahr, insbesondere in den warmen Sommermonaten der Wettkampfsaison, würden etliche kranke und erschöpfte Tauben in der Tierstation landen. „Wir versuchen dann, sie aufzupäppeln und den Züchter ausfindig zu machen. Aber viele wollen die Tiere gar nicht zurückhaben“, ärgert sich Horn. Der Brieftaubensport sei nichts anderes als Tierquälerei.

„Alles Quatsch“, sagt hingegen Lore Reiche, Geschäftsführerin der Brieftauben-Reisevereinigung Unna-Haarstrang. Brieftauben würden grundsätzlich nur das beste Futter bekommen, damit sie gesund und fit für die Wettkämpfe seien. „Und auf dem Weg dorthin werden sie in klimatisierten Wagen transportiert“, betont Reiche. Die Flugleiter würden zudem darauf achten, dass die Wettkämpfe nur bei guten Wetterbedingungen stattfänden.

Brieftauben: Tierquälerei oder Kulturerbe?

Ian und Silke Fletcher sind seit Jahren passionierte Brieftaubenzüchter. Sie sind begeistert von der Idee, dass ihr Hobby als immaterielles Kulturerbe anerkannt werden soll. © Stefan Milk

Werbung dringend notwendig

Ähnlich sieht das Ian Fletcher. Er ist Mitglied der Reisevereinigung Nordberg in Bergkamen und züchtet seit 40 Jahren Brieftauben. 200 hat er insgesamt im Bestand, etwa 100 schickt er in der Saison regelmäßig auf die Reise. „Und die werden nie schlecht behandelt. Die Tauben gewinnen ja auch nur, wenn sie gesund und topfit sind“, betont der 50-Jährige.

Das Brieftaubenwesen

  • Brieftauben werden von April bis September auf Wettflüge geschickt.
  • Dabei legen sie Entfernungen von bis zu 700 Kilometern zurück und fliegen bis zu 120 Stundenkilometer schnell.
  • Die Glanzzeiten der Brieftaubenzucht sind vorüber. Gab es Mitte des 20. Jahrhunderts noch mehr als 80.000 Züchter deutschlandweit, hat sich die Zahl heute etwa halbiert.
  • Organisiert sind die Züchter in 7000 Vereinen – gemeinsam besitzen sie etwa 3,5 Millionen Brieftauben.
  • Einen wahren Boom erlebt der Brieftaubensport dagegen seit einem Jahrzehnt in China: Dort gibt es mittlerweile 300.000 Züchter.

Dass das Brieftaubenwesen als Kulturerbe anerkannt werden soll, ist für Fletcher höchste Zeit: „Wir brauchen jede Werbung, die wir bekommen können.“ Denn der Sport ist auf dem absteigenden Ast: Die Züchter werden immer älter, der Nachwuchs bleibt aus. In den 80er-Jahren habe es teilweise 400 Taubenzüchter pro Club gegeben. In Nordberg sind es heute nur noch acht. „In vier, fünf Jahren wird es kaum noch welche geben“, glaubt Fletcher.

Ein Grund dafür seien die relativ hohen Kosten für Futter, Tierarzt, Wettkämpfe und Reisen, sind sich die Taubenzüchter aus dem Kreis einig. Noch dazu sei das Hobby sehr zeitaufwendig und in den meisten Wohngegenden nicht unbedingt beliebt. „Und die Jugendlichen haben heute einfach ganz andere Interessen“, sagt Fletcher.

Züchter begrüßen Antrag

Harald Köhnemann, Vorsitzender des Rassetaubenzuchtvereins Rote Erde mit Sitz in Unna, kennt dieses Problem. Auch wenn die reine Taubenzucht nicht Teil des Kulturerbe-Antrags ist, begrüßt er die Initiative. Ob Taubenzucht oder Brieftauben: „Diese Hobbys sind Teil der Gesellschaft und gehören zu unserem Kulturgut“, ist Köhnemann überzeugt.

Das sieht selbst Rudolf Leismann, Vorsitzender des NABU Kreis Unna, so. Zwar teilt er die Bedenken der Tierschützer. „Aber ich persönlich hätte keine großen Probleme damit, wenn das Brieftaubenwesen zum Kulturerbe wird. Gerade hier in der Bergbauregion hat das einfach Tradition“.

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