Trotz Corona: Beim Einkaufen fehlt die Distanz nicht nur an der Kasse

dzDistanz wahren

Eineinhalb bis zwei Meter Abstand soll jeder einhalten, um eine Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. In der Praxis sieht die Sache oft anders aus – vor allem beim Einkaufen.

Unna

, 20.03.2020, 17:42 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es ist Donnerstag. Gäbe es nicht das Coronavirus, wäre es ein ganz normaler Tag. Der Discounter Aldi wirbt mit neuen Angeboten – „solange der Vorrat reicht“. Das bedeutet für viele Interessierte Kunden: Früh aufstehen!

Wer selbst schon einmal ein solches Angebot ergattern wollte und schon vor Ladenöffnung am Eingang gestanden hat, weiß, was dann kommt: Hetzen zu den Körben mit den Sonderartikeln, Schieben, Drängeln, der Erste sein. Das ist an diesem Corona-Donnerstag nicht anders – obwohl immer und überall dazu aufgerufen wird, Distanz zu wahren.

Ein Einzelfall? „Nein“, sagt Gabriele Arndt. Im Alter von 68 Jahren und durch eine Vorerkrankung belastet, gehört sie zur Risikogruppe. Deswegen verlässt sie ihr Haus nur, wenn sie es unbedingt muss – vor allem zum Einkaufen.

Dabei erlebt sie nicht erst seit dem Coronavirus, dass die Menschen jegliches Distanzgefühl vermissen lassen. „Im Supermarkt fragte mich eine junge Frau, ob ich ihr Joghurtbecher oben aus dem Regal herüberreichen kann. Spontan habe ich es gemacht – mit dem Hinweis, ich sei distanzbedürftig. Die Distanz war hier aber gleich null“, berichtet die Frau von einem Erlebnis in Unna.

Einkaufen mit Mundschutz und Handschuhen

Ihre Einkäufe erledigt sie schon länger mit Mundschutz und Latexhandschuhen. Allein das sollte anderen Kunden eigentlich zeigen, dass sie Distanz braucht. Doch weit gefehlt: Auch an der Kasse wird gedrängelt. Junge Männer berühren die Frau sogar – offenbar, um Druck zu machen.

Wer an den Supermarktkassen eineinhalb Meter Platz lässt, muss sich auch in diesen Zeiten noch zu oft blöde Sprüche anhören. „Bist du eingeschlafen?“, ist da noch eine der harmloseren Varianten. Und nicht selten nutzen andere Kunden die gewollten Lücken, um sich dazwischen zu quetschen.

Fehlende Rücksicht auf Kassenpersonal

„Wer nimmt eigentlich Rücksicht auf Kassierinnen und Kassierer in Supermärkten?“, sieht Gabriele Arndt die besondere Gefährdung, wenn dann auch noch kurz vor dem Bezahlen geniest wird – und längst nicht immer in die Armbeuge. Schutzscheiben, wie sie jetzt etwa in Kamener Apotheken zu sehen sind, gibt es an den Kassen nicht. Immerhin würde es schon helfen, wenn möglichst viele Kunden bargeldlos bezahlen, wie es Händler im Kreis Unna fordern.

„Deutschland hat ein massives Hygieneproblem.“
Gabriele Arndt

„Deutschland hat ein massives Hygieneproblem“, sagt Gabriele Arndt. „Während ich meine Chemo hatte, starb mein Bruder an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Unsere Enkelkinder durften uns besuchen – das geht unter Einhaltung gewisser Regeln. Mundschutz und Händewaschen gehörten dazu. Wer allerdings richtig rotzt und sprüht, ist draußen. In der breiten Gesellschaft ist das nicht präsent. Und in Arztpraxen wird das nicht vermittelt“, kritisiert die 68-Jährige das fehlende Verständnis der Allgemeinheit.

Letzter Ausweg Ausgangssperre?

Auch deswegen geht Gabriele Arndt davon aus, dass es allgemeine Ausgangssperren geben muss. Freiwillig – das ist ihre Erfahrung – sind viele Menschen offenbar nicht bereit, Distanz zu wahren und Verzicht zugunsten der Allgemeinheit zu üben.

Unnas Landrat Michael Makiolla spricht ihr aus der Seele, wenn er in einer neuen Videobotschaft an die Bürger im Kreis appelliert, sich an die getroffenen Regelungen zu halten. Es sei nicht die Zeit für Grillfeste im Garten und größere Zusammenkünfte in Parks, forderte er jeden Einzelnen zum Handeln auf.

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