Reinhard Fehling will seinen Chor vor Ansteckungsgefahr beim Singen schützen, aber auch das Chorerlebnis und ein Konzert in der Corona-Krise retten. Wie er den Spagat schafft, erzählt der Dirigent im Interview.

Kamen

, 12.06.2020, 16:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mal entdeckt er ein unbekanntes Werk eines italienischen Barock-Komponisten, mal setzt er in Vergessenheit geratenen Schlagerdichtern ein musikalisches Denkmal: Reinhard Fehling ist äußerst vielseitig als Musikwissenschaftler, Chorleiter und Komponist unterwegs.

Der frühere Lehrer der Kamener Gesamtschule und ehemalige Leiter des Dortmunder Uni-Chors dirigiert den Chor „Die letzten Heuler“ und schildert, wie die Corona-Zwangspause die Zukunft von Chören bedroht – und das Projekt „Jung und Wild“ am 25. Oktober in Kamen.

Herr Fehling, wie riskant ist Chorsingen in Zeiten von Corona?

Elementar. Wir haben uns in unserem Chor „Die letzten Heuler“ zum letzten Mal im März leibhaftig gesehen. Durch den Chorverband haben wir seitdem die Ergebnisse von Studien zur Ansteckungsgefahr durch Aerosole zur Kenntnis genommen. Aus einer geht hervor, dass Proben nur unter Bedingungen stattfinden können, die wir in Kamen nicht oder schwer realisieren können: sechs Meter Abstand zwischen den Sängerinnen und Sängern. Empfehlungen des Chorverbands liefen darauf hinaus, dass Chorproben nicht möglich sind, obwohl es nach Vorgaben der Landesregierung möglich gewesen wäre.

Corona-Regeln

Was beim Singen zu beachten ist

  • Ob Berliner Domchor oder „Gemengd Koor“ in Amsterdam – zahlreiche Corona-Fälle unter Chormitgliedern deuten auf eine erhöhte Ansteckungsgefahr beim Singen durch Aerosole, also winzige Tröpfchen in der Luft, hin.
  • Der Chorverband NRW gibt auf seiner Internetseite cvnrw.de aktuelle Regeln und Empfehlungen für Chöre und Musikgruppen wieder.
  • Aufgrund des größeren Bewegungsradius und des größeren Aerosolausstoßes ist beim Singen und Musizieren ein Mindestabstand von 2 Meter einzuhalten.
  • Bei Proben sind geeignete Vorkehrungen zur Hygiene, zur ständigen guten Durchlüftung von Innenräumen und zur Gewährleistung eines Mindestabstands von zwei Metern zwischen Personen sicherzustellen sowie eine Raumgröße von mindestens zehn Quadratmetern pro Person.
  • Zuschauern ist der Zutritt zu den Proberäumen zu verwehren. Beim Singen ist ein Abstand von drei Metern zwischen Personen und von vier Metern in Ausstoßrichtung sicherzustellen.

Welche Form der Proben wäre denn erlaubt?

Alles was erlaubt ist, ist für uns nicht praktikabel. Zumal der Probenraum, der Giebelsaal der Musikschule, die Möglichkeiten nicht hergibt und die Musikschule strikt ist. Nach dem Motto: Singen ist Selbstmord, das ist aber nicht zitierfähig. Ich rechne nicht damit, dass wir in absehbarer Zeit unter praktikablen

Bedingungen irgendwo in Innenräumen proben können.

Welchen Ausweg haben sie gesucht und gefunden?

Wir machen „Homestudies“. Dazu habe ich habe alle Stücke, die ich für das neue Programm komponiert und arrangiert habe, selbst und mit Solisten eingesungen: Sopran, Alt, Tenor, Bass. Dies haben die Chormitglieder übers Internet nach Hause bekommen. Für viele Mitglieder, insbesondere die Amateure unter uns, besteht das Chorerlebnis aber aus dem realen Treffen. Und Chorerlebnis heißt zu hören, wie ihre Stimme im Umfeld mit anderen ist. Ich spüre, dass wenn das nicht stattfindet, peu à peu die Luft ausgeht. Dies betrifft ungefähr eine Hälfte des Chors. Dazu muss man wissen, dass unser Chor aus Amateuren, Semiprofis und Profis besteht.

Und wie verhindern Sie, dass das Chorerlebnis nicht zu sehr leidet?

Ich habe mittlerweile schon ungefähr acht Serenadenproben angeboten. Aus Mozarts Zeit kennt man ja Serenaden, also Konzerte im Freien. Je nachdem, welche Möglichkeiten es im Rahmen der Coronaschutzverordnung gab, haben wir uns in kleiner Runde draußen getroffen. Zuletzt waren wir vier bis sechs Sängerinnen und Sänger, insgesamt 20 Leute haben dies wahrgenommen. Es wird aber keiner dazu gedrängt. Vorigen Samstag mussten wir leider eine Probe, wo wir mit bis zu zehn Personen draußen sein wollten, wegen Regen absagen.

Statt großer Runde nur kleine „Serenadenprobe“ im Garten: Reinhard Fehling mit Mitgliedern des Chors „Die letzten Heuler“.

Statt großer Runde nur kleine „Serenadenprobe“ mit Abstand im Garten: Reinhard Fehling mit Mitgliedern des Chors „Die letzten Heuler“. © privat

Sind Homestudies und Serenaden-Proben ein vollwertiger Ersatz für die Proben?

Nein. Es läuft darauf hinaus, dass wir einen Chor der zwei Geschwindigkeiten haben. Serenadenproben sind aber wunderbar: Ich kann mich um jeden Einzelnen kümmern, aber für mich ist die Form viermal so arbeitsintensiv.

Halten Sie Ausschau nach geeigneten großen Probenräumen, etwa die Stadthalle?

Ich habe schon mal Kontakt mit der katholischen Kirche aufgenommen. Der Pfarrsaal ist viel größer als der Giebelsaal und hat bessere Belüftungsmöglichkeiten. Aber so lange die Gemeinde selbst das nicht praktiziert, kommt das für uns nicht in Frage. Auch die Remise der Ökostation in Heil haben wir in Betracht gezogen.

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Das nächste große Konzert heißt „Jung und Wild“. Steht es auf der Kippe?

Wir bereiten uns auf alle Möglichkeiten vor. Die Neue Philharmonie Westfalen soll ja ab September dort schon wieder in der Konzertaula spielen, wir planen für 25. Oktober. Nehmen wir an, es dürfen dann 200 statt über 700 Zuhörer rein. Dann kommen wir bei nur einer Aufführung in die Bredouille mit den Kosten. Wir würden dann zwei Aufführungen am selben Tag anbieten.

? Sie sprechen die Gage für die Musiker und Solisten an...

Fast alle sind freischaffend und befinden sich wegen der Corona-Krise in unterschiedlich schwierigen Situationen. Mit den Musikern habe ich die Stücke schon im Studio eingespielt: Trompete, Posaune, Geigen, Akkordeon. Das entstandene Instrumental-Playback ist nicht nur für die Homestudies von Vorteil: Wenn die Corona-Regeln gelockert werden, werden wir vielleicht in einem Kamener Raum dieses Playback laufen lassen und der Chor singt dazu.

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Was erwartet die Konzertbesucher?

Wir bringen einen theatralischen Mix mit Musik. Die Liedtexte sind von Jura Soyfer, einem im KZ Buchenwald umgekommenen hochbegabten Autor. Seine Gedichte klingen, als wären sie heute entstanden. Eine Zeile lautet: „Die Faust, die Phrase und das Geld, wir drei erobern die Welt“. Wenn das zusammenkommt, haben wir eine unheilige Allianz.

Steht die Zukunft von Chören auf dem Spiel?

Die wird stark gestört. Der Dreh- und Angelpunkt sind die Chorleiter. Wenn es denen gelingt, den Chor phantasievoll durch die Krise zu führen, und der Chor das Gefühl hat, dass er zu einem sinnvollen Ziel geführt wird, dann könnte das klappen. Aber es wird eine Delle bei der Entwicklung geben, denn viele Chöre sind Geselligkeitsunternehmen. Als Gesamtschullehrer habe ich gelegentlich zu meinen Schülern gesagt: „Wisst ihr was? Die Musik ist für mich das Wichtigste. Es gibt nur eines, was wichtiger ist. Das seid ihr!“

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