Anteil der weiblichen Flüchtlinge steigt deutlich

dzFlüchtlingskrise

Lange Zeit waren Flüchtlinge vor allem Männer, die Infrastruktur der Flüchtlingsunterbringung in Deutschland ist nicht ausgelegt auf einen gegenläufigen Trend. Doch zuletzt nahmen erstmals mehr Frauen und Kinder als Männer die oft lebensgefährliche Reise auf sich.

Kreis Unna

, 12.02.2016, 12:03 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wer mit Flüchtlingen zu tun hat, hat in aller Regel mit Männern zu tun. Nicht Johanna Kurth. Sie ist Leiterin des „Porto Amãl“, des Hafens der Hoffnung mit Sitz in Bielefeld – und führt damit die nach eigenen Angaben bundesweit einzige Einrichtung für unbegleitete, minderjährige Frauen und Mädchen, die auf der Flucht vor Krieg, aber auch spezifischer Gewalt sind. Zwangsheirat und Genitalbeschneidungen, sexueller Missbrauch und Zwangsprostitution bedrohen sie in ihren Heimatländern. Aber auch während und nach der Flucht sind sie nicht immer davor gefeit. Die Flüchtlingsarbeit mit Frauen bringe deshalb besondere Herausforderungen mit sich, sagt die Expertin. Sicherheit, ein stabiles Umfeld und ein Vertrauensverhältnis seien deshalb unabdingbar. Vor diesem Hintergrund plädiert Johanna Kurth für reine Frauenunterkünfte. Nicht für die strikte und immerwährende Geschlechtertrennung. Aber zumindest als Option für diejenigen Frauen und Mädchen unter den Flüchtlingen, die sich danach sehnten.

Hintergrund

Ein Hafen der Hoffnung

Das Mädchenhaus Bielefeld hat mit seinem „Porto Amãl“ (Hafen der Hoffnung) eine Facheinrichtung für die Aufnahme von Flüchtlingsmädchen aufgebaut. Die Mädchen erhalten bereits in den ersten Tagen Sprachunterricht. Der gesundheitlich und psychische Zustand werden erhoben und gegebenenfalls auch therapiert. Die Arbeit setzt an der bisherigen Lebensweise der Mädchen an und umfasst zum Beispiel auch Sport und Spiele, einkaufen und kochen.

Dass der „Porto Amãl“ in Bielefeld bislang offenbar eine rühmliche Ausnahme in Deutschland ist, ist nach Einschätzung von Jae-Soon Joo-Schauen systembedingt. Die Geschäftsführerin der Kölner Arbeitsgemeinschaft gegen internationale sexuelle und rassistische Ausbeutung ist überzeugt: Der Gesetzgeber will keine Flüchtlingsunterkünfte allein für Frauen und Mädchen. Zwar aus vermeintlich ehrbaren Gründen – nämlich um Fluchtgemeinschaften „und sogenannte Ehen“, wie sie sagt, nicht auseinanderzureißen. Weil geflüchtete Frauen und Mädchen Gewalt jedoch nicht nur erlebt hätten, sondern in den Unterkünften teilweise nach wie vor von Gewalt bedroht seien, gebe es dringenden Handlungsbedarf.

Dieser erscheint angesichts jüngster Zahlen umso dringlicher. Denn inzwischen wendet sich das Blatt, zuletzt begaben sich mehr Frauen und Kinder als Männer auf die oft lebensgefährliche Reise. So teilte das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) erst vor wenigen Tagen mit, dass aktuell zu 60 Prozent Frauen und Kinder auf dem Weg nach Europa seien – und ihr Anteil damit erstmals seit Beginn der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 den der Männer übersteigt. Im Juni 2015 waren demnach noch zu 73 Prozent Männer unterwegs nach Europa.

Mit dem Anteil der Frauen und Mädchen unter den Flüchtlingen steigen nach Ansicht von Johanna Kurth und Jae-Soon Joo-Schauen auch die Anforderungen an ehrenamtliche Helfer – wobei die beiden Expertinnen betonen, dass Ehrenamt immer auch professionell begleitet werden müsse und vor diesem Hintergrund eine bessere personelle Ausstattung in den Unterkünften erforderlich sei. „Man ist häufig mit Schicksalen konfrontiert“, weiß Kurth, dass es ehrenamtlichen Helfern nicht immer einfach falle, die Waage zwischen Nähe und Distanz zu halten. Bei professioneller und guter Begleitung gebe es jedoch viele Möglichkeiten, sich zu engagieren. Das beginne bei einer Hilfestellung beim Einkaufen und könne in einer Begleitung etwa in einen Tanzverein münden. Vor allem aber brauche es auch in gemischten Unterkünften Rückzugsorte, Räume nur für Frauen, betont Johanna Kurth. Ein guter Anfang können ihrer Ansicht nach Handarbeits- oder Sprachkurse sein – aber eben speziell für Frauen und Mädchen.

Kurth und Joo-Schauen waren gestern auf Einladung des Kommunalen Integrationszentrums und der Gleichstellungsbeauftragten des Kreises, Heidi Bierkämper-Braun zu Gast im Kreishaus. Das Netzwerk „Wegen der Ehre“, dem inzwischen alle Gleichstellungsstellen im Kreis Unna angehören, hatte zu einer Informationsveranstaltung über den Umgang mit geflüchteten Frauen eingeladen. Das Interesse daran war groß.

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