Aktionsbündnis blockiert den Parkplatz am Kreishaus

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Wohnwagen, Bierzeltgarnitur, kleine Zelte und ein Grill – was auf den ersten Blick wie ein Campingausflug aussieht, weist auf ein Problem hin: Manche Menschen haben nicht einmal ein Zelt.

von Gabriele Hoffmann

Kreis Unna

, 08.10.2018, 17:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist kein über soziale Medien angezettelter Flashmob, der am Montag erstaunte Blicke am Kreishaus auf sich zog. Der „Smartmob“ war angemeldet bei der Stadt und beim Kreis. Er blockierte zwar einen Teil des Parkplatzes, doch Ärger gab es deswegen nicht. Urheber der Kampagne „Nur eine Wohnung“ ist ein Bündnis von Caritasverband im Kreis Unna, Diakonisches Werk Dortmund und Lünen sowie Frauenforum im Kreis Unna.

Ärger weicht Verständnis

Die Akteure waren um 6.30 Uhr angerückt, um die Kulisse aufzubauen. Dafür benötigten sie eine komplette Reihe von Stellplätzen. Die fehlte natürlich im Laufe des Tages den Besucherinnen und Besuchern des Kreishauses. Gegen 8 Uhr setzte der Park-Suchverkehr ein. Die ersten Termine, zum Beispiel in Straßenverkehrsamt, drängten. Das führte anfangs zu verärgerten Blicken und einigen zunächst verständnislosen Beschwerden. Im Gespräch schlug die Stimmung aber schnell um. Jan Wandschneider, Pressesprecher der Caritas, hat letztlich nur positive Reaktionen auf die Aktion erlebt. „Wir wollten Aufmerksamkeit erregen, und das haben wir geschafft“, resümiert er einige Stunden später. Egal ob ein junger Mann oder ein Senior – in den Gesprächen über die im Kreis Unna herrschende Wohnungsnot war das Verständnis groß – und der Ärger über den belegten Parkplatz wie weggeblasen.

Aktionsbündnis blockiert den Parkplatz am Kreishaus

Auf dem Parkplatz am Kreishaus schlugen Aktive von Caritas, Diakonie und Frauenforum ihre Zelte auf, um auf den Mangel an bezahlbarem Wohnraum aufmerksam zu machen. © UDO HENNES

Verkettung unglücklicher Umstände

Wie groß das Problem tatsächlich ist, belegen zwei Zahlen: Im vergangenen Jahr leistete die Wohnungslosenhilfe in Unna 360 Beratungen, in Lünen 380. Und es werden immer mehr. Aus unterschiedlichen Gründen werden Menschen wohnungslos. Oft geht eine Verkettung unglücklicher Umstände voraus. Scheidung oder Jobverlust können nicht alle wegstecken. Manche rutschen ab, landen in der Isolierung, schlimmstenfalls beim Alkohol oder bei Drogen, entwickeln Ängste oder psychische Störungen. Ohne Geld und sozialen Halt ist die Wohnung schnell weg. Das kann Männer und Frauen gleichermaßen treffen. Wer in einer der aus den sprichwörtlichen Nähten platzenden Übernachtungsstelle unterkommt, hat Glück, muss sich dort aber auch an die Regeln halten. Die sind wichtig für das Zusammenleben, betont Ulrike Thierfeld vom Diakonischen Werk, das die Wohnungslosenhilfe in Lünen betreibt. Sie beklagt ebenso wie Wandschneider, dass es viel zu wenig Sozialwohnungen gibt. Und sie kennt Fälle von Menschen, die im Auto schlafen – obwohl sie eine Arbeitsstelle haben. Bezahlbarer Wohnraum fehlt nicht nur für Alleinstehende. Stark betroffen sind große Familien mit mehreren Kindern und dem Bedarf an mindestens fünf Zimmern. Wandschneider berichtet von Familien, meistens Migranten, die mit acht oder zehn Personen in einem Zimmer leben.

Kein Job, kein Geld, keine Wohnung

Kein, Job, kein Geld – wenn die Wohnungslosigkeit droht oder die Wohnung gekündigt ist, schlüpfen viele auch bei Freunden oder Familien unter. Das nennt man dann verdeckte Wohnungslosigkeit. Aus der Frauenarbeit weiß Thierfeld, dass Frauen in solchen Fällen nicht selten vorübergehend bei irgendwelchen Männerbekanntschaften landen.

Mit der Aktion „“Nur eine Wohnung“ wollen die Initiatoren „dauerhaft Dampf machen“, kündigt Wandschneider noch ähnliche Aktionen mindestens bis zum Jahresende an. Dass die Öffentlichkeit wichtig ist, beweisen zwei Vorfälle. Nach der Berichterstattung dieser Zeitung über die Aktion auf dem Alten Markt in Unna im Juni meldete sich ein Vermieter und am Montagvormittag kam ein Mann zu Wandschneider, der einen Kontakt zu einem Bekannten mit mehreren Mietwohnungen herstellen wollte. Das lässt hoffen. Wenngleich manche Vermieter durchaus Vorbehalte haben. In Lünen führt die Diakonie ein Wohntraining durch. Dort lernen Betroffene wieder auf eigenen Beinen zu stehen und so alltägliche Dinge wie Putzen, Einkaufen, die Wohnung lüften. Auch nach einer Vermietung stehen die Einrichtungen als Ansprechpartner bei Problemen zur Verfügung.

Aktionsbündnis blockiert den Parkplatz am Kreishaus

Im Juni setzten Aktivisten in der Unnaer Fußgängerzone bereits ein Zeichen für das Recht zu wohnen. Sie wiesen darauf hin, dass mehr bezahlbarer Wohnraum entstehen muss. © UDO HENNES

Appell an die Politik

Aufmerksamkeit bekommt das Bündnis auch von Seiten der Politik. Kam am Montagmorgen schon Landrat Michael Makiolla auf den Platz – wo mittlerweile einige der Klienten der Beratungsstellen mit Imbiss und Getränken bewirtet wurden – so mussten am Nachmittag die Teilnehmer an der Kreisausschusssitzung zwangsläufig an der Szene vorbei gehen. Oder auf der Suche nach einem Parkplatz vorbeifahren. In der Sitzung selbst wollte Makiolla die Wohnungsnot im Kreis Unna thematisieren.

Die Forderung nach mehr bezahlbarem und sozialem Wohnungsbau geht eindeutig in Richtung Politik – und Verwaltung. Denn die Bürokratie ist eine weitere Hemmschwelle, wenn sich Betroffene erst einmal überwunden haben, um Hilfe zu bitten. Ulrike Thierfeld beklagt, dass es manchmal zu lange dauert, bis alle behördlichen Voraussetzungen erfüllt und notwendige Bescheinigungen herbeigeschafft sind. Dann kann es sein, dass die in Aussicht gestellte Wohnung weg ist, weil der Vermieter nicht so lange warten wollte.

Aber immerhin, die Bündnispartner geben sich zuversichtlich. „Viele kleine Schritte sind notwendig. Aber es bewegt sich was“, stimmen Wandschneider und Thierfeld überein und freuen sich über das große Interesse an ihrer Aktion auf dem Parkplatz am Kreishaus.

Mehr Informationen zum Aktionsbündnis, seinen Forderungen und Beteiligungsmöglichkeiten gibt es hier.
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