Es war am 4. Oktober vor 50 Jahren, als der damalige Ministerpräsident Heinz Kühn mit dem Hubschrauber in Brambauer landete. Ein Besuch des Landesvaters, den sich der Stadtteil gern erspart hätte.

Lünen

, 02.10.2018, 05:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Anlass, der den NRW-Ministerpräsidenten nach Brambauer führte, war ein trauriger. Heinz Kühn (SPD) wollte sich über den Stand der Rettungsarbeiten nach dem schweren Grubenunglück informieren. Denn am 4. Oktober 1968, es war ein Freitag, hatte gegen 5 Uhr morgens eine Explosion in circa 800 Meter Tiefe (die Bergleute sagen Teufe) das Bergwerk erschüttert.

Zwei Hauer zunächst lebend geborgen

Die Katastrophe ereignete sich im Flöz „Ida“, in der 5. westlichen Abteilung der Schachtanlage 1/2 des Bergwerks. „Die sofort eingeleiteten Rettungsarbeiten der Grubenwehr Minister Achenbach sowie der Grubenwehren aller benachbarten Schachtanlagen zogen sich bis zum Morgen des 6. Oktobers hin. In ihrem Verlauf konnten 15 Bergleute nur tot geborgen werden. Zwei noch lebend geborgene Hauer verstarben an ihren Verletzungen am 5. Oktober und am 7. Oktober“, heißt es in dem Buch „Die Zeche Minister Achenbach“ von Wolfgang Schubert (Herausgeber Friedhelm Wessel). Das jüngste Opfer war erst 27 Jahre alt.

17 Bergleute sterben auf Achenbach nach Explosion in Flöz „Ida“

Theodor Schröder besitzt viele Bücher über den Bergbau. Als Truppführer der Grubenwehr hatte er vor 50 Jahren die traurige Augabe, tote Kameraden zu bergen. © Peter Fiedler

Einer, der am Einsatz vor 50 Jahren beteiligt war, ist Theodor Schröder. Der heute 78-jährige Lüner hatte, wie so viele andere, mit 14 Jahren als Berglehrling angefangen. 1954 war das. Schröder brachte es bis zum stellvertretenden Obersteiger. Er gehörte der Grubenwehr der Zeche Victoria an. „1964 wurde die Grubenwehr wegen der Stilllegung von Victoria aufgelöst und der Grubenwehr der Dortmunder Zeche Gneisenau zugeordnet“, berichtet Schröder.

„Erschreckender, bleibender Eindruck“

Vier Jahre später wird die Grubenwehr nach Brambauer gerufen. Die Aufgabe von Truppführer Schröder und seinen Männern: Bergung der Opfer. „Wir gingen mit einem Trupp von fünf Leuten, alle mit Atemschutzgeräten, hinein und trugen jeweils zwei Tote hinaus“, erinnert sich Schröder. Für ihn ist es das erste Mal, dass er tote Kameraden bergen muss. „Die Menschen hatten aschfahle Gesichter, manche leicht gelblich“, erzählt er. Schröder sagt, dass die meisten Opfer der Explosion erstickt sind. „So eine Explosion zieht den vorhandenen Sauerstoff weg. Hinzu kommen die giftigen Gase, die sich entwickeln.“ Schröder spricht von einem „erschreckenden, bleibenden Eindruck“ nach dem Bergungseinsatz.

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Grubenunglück auf dem Bergwerk Minister Achenbach vor 50 Jahren

Das Grubenunglück mit 17 Toten erschütterte 1968 ganz Brambauer. Die meisten Opfer haben ihre letzte Ruhestätte auf dem alten Friedhof gefunden.
30.09.2018
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Einsatzfahrzeuge am Unglückstag vor dem Bergwerk.© Stadtarchiv Lünen/Liindenborn
Ein Grubenwehr-Trupp kommt vom Einsatz zurück.© Stadtarchiv Lünen/Lindenborn
Theodor Schröder war beim Unglück in Brambauer im Oktober 1968 als Grubenwehr-Truppführer im Einsatz. Der heute 78-jährige besitzt viele Bücher und Broschüren, die an Lünens Bergbau-Geschichte erinnern.© Peter Fiedler
NRW-Ministerpräsident Heinz Kühn (l.) wird über das Ausmaß des Grubenunglücks informiert. Er ließ sich am Unglückstag mit dem Hubschrauber nach Brambauer fliegen.© Stadtarchiv Lünen
Trauerfeier für die Opfer des Unglücks 1968 am 9. Oktober in der Aula der Realschule Brambauer.© Stadtarchiv Lünen/Lindenborn
12 der 17 Opfer wurden am 9. Oktober 1968 in einem Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof in Brambauer beigesetzt.© Stadtarchiv Lünen
Traueranzeige der Bergwerksgesellschaft Gebrüder Stumm für die Opfer des Unglücks. Die Anzeige nennt nur die Namen von 16. Bergleuten. Das 17. Opfer, Gerhard Parthum, starb am 7. Oktober 1968, nach Veröffentlichung der Anzeige.© Aus: Die Zeche Minister Achenbach/Regio-Verlag
Das Gräberfeld heute. 12 der 17 Opfer sind auf dem "Alten Friedhof" an der Friedhofstraße in Brambauer bestattet.© Peter Fiedler
Grabstein für das jüngste Opfer: Karl-Heinz Dally war 27 Jahre alt, als er im Bergwerk starb.© Peter Fiedler
Emil Bauer wurde lebend geborgen, starb aber einen Tag nach dem Unglück.© Peter Fiedler
Gerhard Parthum erlag zwei Tage nach dem Grubenunglück seinen schweren Verletzungen.© Peter Fiedler
Das Ehrenmal auf dem "Alten Friedhof" in Brambauer für die Opfer der Unglücke von 1912 und 1914. Auf dem davorliegenden Ehrenfeld wurden Opfer der Unglücke von 1917 und 1968 beigesetzt. © Michael Blandowski

Am Tag des Unglücks lässt sich Ministerpräsident Heinz Kühn gegen Mittag mit dem Hubschrauber nach Brambauer fliegen. Die Werksleitung informiert ihn über den Stand der Dinge. Es sind traurige Nachrichten, die die Politiker hört.

Tausende bei Trauerfeier

Fünf Tage später, am 9. Oktober, findet die Trauerfeier in der Realschule Brambauer statt. Im Buch über die Geschichte des Bergwerks heißt es dazu: „Am Tag der Beisetzung waren trotz strömenden Regens hunderte Vertreter von Knappenvereinen aus ganz Deutschland nach Brambauer gekommen. Die Landesregierung von NRW war durch den damaligen Arbeitsminister Werner Figgen vertreten, die IG Bergbau schickte ihren Vorsitzenden Walter Arendt (...) Mehrere tausend Bergleute von Minister Achenbach, aber auch anderen Zechen, waren ebenfalls nach Brambauer gekommen, um den Kameraden das letzte Geleit zu geben. Über Lautsprecher wurde die Trauerfeier aus der Aula der Realschule Brambauer in die hoffnungslos überfüllten Klassenräume und auf die Straße übertragen. Sämtliche Geschäfte in Brambauer waren an diesem Tag geschlossen.“

In die Heimat nach Italien überführt

Von den 17 Todesopfern waren 16 verheiratet. Sie hinterließen 24 minderjährige Kinder, heißt es im Buch. Die Internetseite zur Geschichte des Bergwerks berichtet von 23 Minderjährigen. 12 Bergleute fanden ihre letzte Ruhestätte in einem Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof in Brambauer, vier in Familiengräbern. Ein italienischer Bergmann wurde in seine Heimat überführt.

Die Unglücksursache habe nicht zweifelsfrei geklärt werden können. „Dennoch galt es als fast sicher, dass unvorhersehbar große Mengen an Methan durch Funken von gegeneinanderschlagenden geraubten Grubenstempeln gezündet wurden und damit dieses große Unglück auslösten“. Mit diesem Satz endet der Bericht im Buch zur Katastrophe von 1968.

In der über 90-jährigen Geschichte des Bergwerks gab es weitere folgenschwere Unglücke mit mehreren Todesopfern.
  • 7. April 1906, Schlagwetter-Explosion, 2 Tote
  • 18. Dezember 1912: Schlagwetter-Explosion, 49 Tote
  • 30. Januar 1914: Schlagwetter-Explosion, 24 Tote
  • 15. Oktober 1917: Schlagwetter-Explosion, 17 Tote
  • 28. März 1923: Schlagwetter-Explosion, 5 Tote, 4 Vermisste
  • 28. Juni 1947: Schlagwetter-Explosion und Grubenbrand, 10 Tote
  • 10. Oktober 1982: Streb-Streckenbruch, 3 Tote
(Quelle: www.minister-achenbach.de)
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