Ein Tempolimit auf Autobahnen ist überfällig, meint unser Autor. © picture-alliance/ dpa
Meinung

Tempolimit auf Autobahnen: Das Recht auf Raserei gehört endlich abgeschafft

Tempo 100 in den Niederlanden, 112 in Großbritannien, 130 in Frankreich und Österreich: Tempolimits auf Autobahnen gibt es überall in Europa. Nur in Deutschland nicht. Das ist wider jede Vernunft, findet unser Autor.

Ich erinnere mich noch gut an unseren Sommerurlaub an der niederländischen Nordseeküste 2019.

Erst die Baustellen und Staus im Ruhrgebiet, der übliche Wahnsinn. Dann der Kontrast, die vergleichsweise wenig befahrene Route über die niederrheinische A3, ein Paradies für Hobby-Rennfahrer – ganz gleich, ob sie mit dem tiefergelegten Kleinwagen oder dem übermotorisierten SUV über die Piste donnern.

Und dann kommt Holland. Tempolimit. Entschleunigung. Weil alle gleich schnell fahren (müssen), fließt der Verkehr. Staus? Fehlanzeige. Stress? Auch nicht. Keine Lichthupe, kein Hupen oder Drängeln von hinten. Wir kommen entspannt an – und fragen uns wieder einmal, warum das nicht auch in Deutschland möglich ist.

Am Recht auf Raserei ist in Deutschland nicht zu rütteln

Die Antwort kennen wir. Weil es in Deutschland kein allgemeines Tempolimit auf den Autobahnen gibt. Weil das hierzulande im Jahre 2021 politisch immer noch nicht mehrheitsfähig ist. Am Recht auf Raserei ist im Autoland Deutschland offenbar nicht zu rütteln. Wider jede Vernunft und gegen jedes noch so gute Argument. Hier nur drei davon:

  • Mehr Sicherheit: Die Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit senkt die Zahl schwerer und tödlicher Unfälle, wie Studien zeigen.
  • Mehr Klimaschutz: „Wir müssen jetzt handeln“, heißt es nach jeder Naturkatastrophe aufs Neue von Politikern. Es könnte so einfach sein: Mit der Einführung eines Tempolimits von 120 km/h auf Autobahnen bräuchte es nicht mehr als ein paar Schilder, um sofort 2,6 Tonnen Kohlendioxid (CO2) jährlich einzusparen, wie das Umweltbundesamt vorrechnet.
  • Weniger Staus: Durch angepasste Geschwindigkeiten verbessert sich der Verkehrsfluss, ein ständiges Beschleunigen und Abbremsen entfällt.

Keines dieser Argumente ist übrigens neu, ebenso wenig wie die Reflexe der Tempolimit-Gegner. „Nur ein Tropfen auf den heißen Stein“ sei die CO2-Einsparung, oder gerne auch: Autobahnen seien doch viel sicherer als Landstraßen. Die meisten Gegenargumente lassen sich zusammenfassen unter dem Motto: Bringt doch alles nichts, also lassen wir besser alles so, wie es ist.

Aber so kommen wir nicht weiter.

Und jetzt mal ganz ehrlich: Ich fahre auch gerne mal schneller als 130. Aber mir würde auch nicht wirklich etwas fehlen, wenn ich es nicht mehr dürfte. Die Vorteile eines Tempolimits überwiegen die vermeintlichen Nachteile doch überdeutlich. Das sieht, liebe Politiker, übrigens längst die Mehrheit der Bevölkerung so, deren Interessen ihr im Parlament vertretet. Ignoriert sie bitte nicht länger.

Über den Autor
Chef vom Dienst
Jahrgang 1982. Aufgewachsen im Münsterland. Nach dem Politik-Studium in Münster über Dortmund ins schöne Holzwickede. Verheiratet, Familienvater. Seit 2000 Journalist, seit 2010 beim Hellweger. Mag das Ruhrgebiet, Currywurst und gut gemachte Nachrichten – digital und gedruckt.
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Kevin Kohues

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