Professionell ausrasierte Nacken oder doch selbst Hand angelegt? Kritiker stellen auch frisch gestylte Fußballprofis unter den Verdacht, trotz Lockdowns zum Friseur gegangen zu sein. Die Szene ist übrigens am 9. Januar beim Spiel des FC Schalke 04 gegen 1899 Hoffenheim aufgenommen worden. © picture alliance/dpa
Friseur packt aus

Lockdown-Haarschnitt beim Friseur: Empörung, Beifall und heiliger Zorn gegen eitle Kunden

Ein Friseur hatte kürzlich zugegeben: Ich schneide unter der Hand weiter Haare – trotz Corona-Lockdowns. Das Geständnis hat für eine Welle von Emotionen gesorgt, die sich nicht zuletzt gegen Kunden richtet.

Das Echo auf das Geständnis eines Friseurs, der in Zeiten des Lockdowns weiter seinem Geschäft nachgeht, ist gewaltig. Dem jungen Familienvater, der vor allem seinen finanziellen Notstand anführt, schlägt Empörung wie Beifall entgegen.

»Zum Kotzen, andere müssen ebenfalls schließen und wissen auch nicht wie es werden soll. Danke für Eure Solidarität!«

Monika Volmer auf Facebook

Neben Anrufern in der Redaktion, die ihren Emotionen Luft machen, schreiben etliche Leserinnen und Leser ihre Gedanken in den Sozialen Medien nieder.

„Ich lebe von meinen Ersparnissen“, ärgerte sich eine Friseurin aus Kamen am Telefon maßlos über die Schwarz-Schnitte ihres Berufskollegen. Sie habe große Angst, dass gerade diese Verstöße gegen Corona-Regeln den Lockdown verlängern könnten.

Kontakte werden unübersehbar groß

In dieselbe Kerbe schlägt auch Elli Mark. „Ich kann seine persönliche Situation verstehen, aber was bedeutet so ein Handeln konkret?“, fragt sie auf Facebook und macht eine Rechnung auf: Es komme zu unübersehbar vielen Kontakten, wenn viele Friseure ebenso handelten und womöglich auch andere vom Lockdown betroffene Berufsgruppen.

»Richtig so. Nicht unterkriegen lassen.«

Wilfried W. Heimann auf Facebook

„Was passiert, die Infektionszahlen gehen nicht runter, die Maßnahmen werden verschärft, und darunter müssen alle leiden“, schlussfolgert Elli Mark.

Das wird auch anders gesehen. „Verständlich… ich habe nirgends gelesen, dass sich Menschen beim Friseur angesteckt haben“, schlägt sich Udo Besing, ebenfalls auf Facebook, auf die Seite des Friseurs, der betont hatte, auch privat alle Hygieneregeln zu beachten.

Den Sinn dieser Maßnahmen stellt Besing aber auch grundsätzlich in Frage: Trotz aller Vorschriften in den vergangenen Monaten, so Besing, stiegen die Ansteckungszahlen ja weiterhin.

»Und sich dann wundern das die Zahlen nicht fallen.«

Christine Quardon auf Facebook

Dieser Einwand trifft postwendend auf Protest: „Ohne Restriktionen wären die Zahlen nicht höher als mit, oder was vertrittst du hier für eine These?“, verlangt Jon Taylor eine Antwort von Udo Besing.

Selbstständige müssen sich über Wasser halten

Martina Gimbel stimmt Udo Besing zwar bei der Zustandsbeschreibung zu, sieht in weniger Beschränkungen aber auch keine Alternative. Sie habe vor allem etwas gegen „unangemessenen Egoismus“, so Gimbel. „Ich muss mir jetzt nicht die Haare schneiden oder färben lassen! Mich regen eher die ,Kunden’ auf!“

Auch Ulli Ferner sieht es so und er konstatiert: „Wegen solcher selbstsüchtigen Zeitgenossen, sowohl Friseur als auch Kunden, werden wir alle noch lange mit Einschränkungen leben müssen.“

»Die Leute müssen doch leben von irgendetwas.«

Halina Tadla Podzorska auf Facebook

Eine Vielzahl von Kommentatoren zeigt allerdings großes Verständnis für den Friseur, der auch auf die Unsicherheit bei der staatlichen Unterstützung hingewiesen hatte, die ihn zu seinem Schritt nötige.

Zur Sache

Friseurverband kritisiert gestylte Profis

  • Der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks hat dem DFB am 12. Januar einen Brandbrief zukommen lassen. Auszüge daraus:
  • „Mit großer Verwunderung mussten wir daher an den vergangenen Spieltagen feststellen, dass ein Großteil der Fußballprofis sich mit frischgeschnittenen Haaren auf dem Platz präsentierte: Einrasierte Scheitel, auf wenige Millimeter getrimmtes Nacken- und Schläfenhaar, saubere Konturen. Frisuren, die nur professionelle Friseurinnen und Friseure mit Profi-Equipment schneiden können.
  • Frischfrisierte Fußball-Stars setzen eine gesamte Branche unter Druck: Viele Friseurbetriebe sind in ihrer Existenz bedroht, Beschäftigte […] und Betriebsinhaber müssen derzeit mit Kurzarbeitergeld oder ganz ohne Einkommen zurechtkommen. Der Unmut gegenüber topgestylten Fußballern, und in der Folge Kundenanrufen, die zu Schwarzarbeit und Regelverstößen wie Hausbesuchen überreden wollen, wächst.“

„Finde ich vollkommen ok. Die müssen sich auch irgendwie über Wasser halten.

Würden alle Betroffenen dagegen aufbegehren, wäre der ganze Pandemie-Schwachsinn von heute auf morgen vorbei“, meint Sven Mohrmann.

Und Jens Rikeit schreibt: „Mach weiter so. Einige Bereiche haben alles getan, was verlangt wurde und müssen trotzdem schließen. Kein Wunder, dass viele langsam genug haben.“

Kritik an frisch frisierten Fußballern und Politikern

Doch der Friseur steht nicht allein im Kreuzfeuer der Kritik. Der heilige Zorn gegen Menschen, die sich, zumindest vermutet, im Lockdown ihre Haare frisieren lassen, richtet sich besonders auch gegen Prominente.

So zitiert Frank Bowinkel den Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks, der die weiterhin gestylten Fußballprofis kritisiert hatte. Annegret Rade holt die Politik ins Boot und fragt: „Habt ihr je eine Dame während des Lockdowns mit ausgewachsenem Ansatz oder schlechtem Haarschnitt im Bundestag gesehen?“

Über den Autor
Redaktion Fröndenberg
Geboren 1972 in Schwerte. Leidenschaftlicher Ruhrtaler. Mag die bodenständigen Westfalen. Jurist mit vielen Interessen. Seit mehr als 25 Jahren begeistert an lokalen Themen.
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Marcus Land
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