Hier wollen viele rein, die um einen vorgezogenen Platz in der Impfreihenfolge kämpfen. Voraussichtlich kann das Impfzentrum erst im April Termine vergeben, die einen Priorisierungsantrag stellen. © Udo Hennes
Corona-Impfung

Kritik aus dem Impfzentrum: „Könnten unsere Schlagzahl verdoppeln“

Um die Taktzahl in den Impfzentren zu erhöhen, gab es eine neue Impfverordnung des Landes. Für den Kreis Unna, hieß es, bringe das nichts. Man sei an der Kapazitätsgrenze. Wirklich?

Die einen sprechen von Kapazitätsgrenzen, andere klagen über heftige Langweile. Was in diesen Tagen tatsächlich im Impfzentrum des Kreises Unna an der Platanenallee läuft, wissen nur wenige. Rein darf nur, wer einen Termin für seine Impfung hat – eventuell noch eine Begleitperson.

Vor Ort sind aber auch Helfer, die in den logistischen Prozess des Impfstraßensystems eingebunden sind: Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger, Pharmazeuten. Letztere bereiten die Spritzen vor, die dann von den Ärzten verabreicht werden. Von Kapazitätsgrenzen mag in diesem Bereich niemand sprechen, im Gegenteil. „Wir könnten unsere Schlagzahl verdoppeln“, sagt eine Pharmazeutin, deren Name der Redaktion bekannt ist.

Mehr Impfstoff vorhanden als Termine am Tag

Tatsächlich sei es so, dass mehr Impfstoff vorrätig ist, als es an einem Tag Termine gäbe. Vor allem vom Stoff der Firma Biontech, der nur an die ältere Zielgruppe verimpft werden dürfe, gäbe es genügend. „Da haben wir abends auch viel Überschuss“, sagt die Pharmazeutin. Als sie zuletzt Dienst im Impfzentrum hatte, seien über 20 Ampullen des Biontech-Impfstoffs übrig geblieben – aus jeder hätten sechs-, manchmal auch sieben Impfdosen erstellt werden können. Doch es fehlte an Menschen, die hätten geimpft werden können.

„Der Impfleiter hat daher in der vergangenen Woche die Bestellmenge runtergesetzt, damit die Ampullen am Ende nicht verfallen“, weiß die Pharmazeutin. „Was ist das für ein Signal, auch an das Land?“, fragt sie sich, und schildert, dass sie sich nicht allein darüber ärgert. Das sei ein Thema bei nahezu allen Helfern im Impfzentrum.

Terminausfälle Grund für Abbestellungen

Der Kreis Unna hat dafür eine einfache Erklärung: Zum einen habe man wegen des Rückrufs von Astrazeneca einen Impftag lang ausgesetzt, was die Vorräte anwachsen ließ, zum anderen wären bei der Terminvergabe aufgrund technischer Pannen täglich rund zehn bis 20 Prozent der Impfwilligen nicht dazu berechtigt gewesen, die Impfung auch wirklich zu empfangen. Die schickte man wieder nach Hause. „Diese ausgesetzten Termine sind für unser Impfzentrum nicht vorab kalkulierbar gewesen“, sagt Volker Meier, Sprecher des Kreises Unna.

Auch in einer Impfstraße nimmt die Impfung Zeit in Anspruch. © dpa © dpa

„Auf dieser Grundlage hat der Kreis am Ende der vergangenen Woche entschieden, eine Impfstoffbestellung für einen der Folgetage auszusetzen, um einen Verfall des nur sehr kurz haltbaren Impfstoffs der Firma Biontech zu verhindern. Die nicht abgerufenen Einheiten können so zu einem späteren Zeitpunkt abgerufen und an impfberechtigte Personen verimpft werden. Hierbei kommt es lediglich – zugunsten eines geregelten Impfbetriebs – zu einer sehr kurzfristigen Verzögerung in der Verimpfung des Impfstoffs.“

In den Impfstraßen gibt es neben Staus auch Leerlauf

Dabei warten viele Menschen händeringend auf ihren Impftermin. Woran es aber tatsächlich liegt, dass die Schlagzahl nicht höher ist, kann die ehrenamtliche Helferin nicht sagen. „Manchmal läuft es gut, doch dann stockt es. Dann bekommen wir zu hören, dass wir langsam machen sollen“, sagt sie mit Blick auf ihre Aufgabe, die einzelnen Impfdosen aufzuziehen.

Gearbeitet wird dabei in drei Zweier-Teams für die fünf Impfstraßen. Das sei durchaus personalintensiv und für einige vielleicht langweilig, „aber dadurch auch stressfrei“, erklärt Sarah Doll, Leiterin dieses Bereichs. Gerade für ungeübtere Helfer beim Aufziehen sei das wichtig, damit kein Impfstoff wegen eines Zeitdrucks verschwendet werde.

Doch es gibt weitere Kritik: „Biontech bekommen nur die Älteren, Astrazeneca ist für Lehrer, Erzieher und andere Berufsgruppen bestimmt. Von Astra haben wir weniger, von Biontech massig. Aber das darf nicht jeder bekommen. Am Ende ist das alles total frustrierend“, sagt die Pharmazeutin, die sicher ist, dass das Pharmazeutenteam die Schlagzahl verdoppeln könnte.

Die Impfungen selbst ziehen

„Wir sehen die Schlange, die dann um die Halle geht, ja auch“, sagt die Apothekerin. „Aber uns erschließt sich nicht, warum es in der Halle stockt.“ Manchmal schaue man raus und sehe, dass der Wartebereich, in dem die Nachkontrolle stattfinde, voll belegt sei, dann seien wieder Plätze frei.

Trotz des Terminausfalls sei es oft sogar so, dass mehr Personen an einem Tag geimpft würden als überhaupt auf dem Plan gestanden hätten. Damit angefangene Ampullen aufgebraucht werden können, griff bislang eine Reserveliste.

Mit geübten Handgriffen schiebt die FSJ-lerin Michelle Gros vom DRK-Kreisverband Unna ihren Fahrgast Gerhard Reismann in den kleinen Transporter. Das Impfzentrum in Unna ist das Ziel der beiden.
Mit geübten Handgriffen schiebt die FSJ-lerin Michelle Gros vom DRK-Kreisverband Unna ihren Fahrgast Gerhard Reismann am Impfzentrum in Unna in den kleinen Transporter. © DRK-KV Unna / Julia Schmidt © DRK-KV Unna / Julia Schmidt

„Aber die Polizisten, Rettungswagenbesatzungen und Feuerwehrleute, die dann angefunkt werden, sind ja inzwischen fast alle durchgeimpft, auch die meisten Helfer sind geimpft. Da muss man doch jetzt mal überlegen, wie es weitergeht“, sagt die Pharmazeutin. „Da muss man Regeln auch mal aufweichen.“

Abhilfe durch neue Impfverordnung

Das hat das Land mit der neuen Impfverordnung getan. Die Zielgruppe wurde erweitert, auch 79-Jährige dürfen jetzt schon geimpft werden. Zudem sollen nach Ostern auch die Hausärzte impfen dürfen. „Wir setzen darauf, dass die impfberechtigten Leute mit Vorerkrankung die Impfung von den Hausärzten bekommen, so dass im Impfzentrum wieder Kapazitäten für die eigentliche Zielgruppe ist“, so Meier. Das sind nach derzeitigem Stand der Dinge alle Über-79-Jährigen. „Aktuell ist durch die veränderte Erlasslage und die Terminvergabe sichergestellt, dass die Fehlerquote bei den Terminen minimiert ist“, erklärt Meier, dass es künftig nicht mehr zu fehlerhaften Terminvergaben und einem Stocken in den Impfstraßen kommen soll.

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