Heinz Fleck, Geschäftsführer des Schmallenbach-Hauses, spricht sich gegen die Lockerungen nach den Impfungen aus. Er sieht mit Sorge auf die steigenden Zahlen. © Lisa Dröttboom
Ausnahme von Kontaktbeschränkungen

Geimpfte und Genesene sind frei – doch wer denkt an die „vierte Welle“?

Geimpfte und Genesene genießen wieder mehr Freiheiten. Die wecken in der Pflege im Kreis Unna zugleich Sorgen vor einer „vierten Welle“. Die Immunität sei ja nicht von Dauer, mahnt man im Schmallenbach-Haus.

Seit Mitternacht (9. Mai) erhalten Menschen, die gegen Covid-19 geimpft oder von einer nachgewiesenen Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus genesen sind, bestimmte Erleichterungen. Das beschwert zugleich den Pflegebereich.

Ombudsmann Norbert Zimmering kümmert sich nicht nur um die Menschen in den Heimen, sondern auch um diejenigen, die ambulant gepflegt werden. © Udo Hennes © Udo Hennes

»Ich will nicht Schuld daran sein, dass meine Mutter an Corona stirbt.«

Norbert Zimmering, Ombudsmann für Pflege, zitiert eine Tochter

Die Bundesregierung listet die Freiheiten, die ihre Verordnung zurückgibt, plakativ auf: Geimpfte und Genesene sind von Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen ausgenommen, kontaktloser Individualsport ist für sie nicht mehr eingeschränkt und Geschäfte, Zoos oder Friseure können ohne negativen Corona-Test aufgesucht werden.

Pflegeheime wie das in der ersten Welle der Pandemie stark betroffene Schmallenbach-Haus in Fröndenberg, das bundesweit mit die meisten Infektions- und Todesfälle einer Einrichtung zu beklagen hatte, sehen diese Lockerungen bei aller Freude mit gewisser Sorge.

Treffen „ausschließlich“ von Geimpften oder Genesenen

Gemäß der Bundesnotbremse darf sich aktuell im Kreis Unna ein Haushalt im öffentlichen und privaten Raum maximal mit einer weiteren Person treffen, weil der Inzidenzwert noch über 100 liegt.

Im Schmallenbach-Haus galt bislang eine noch strengere Regel: pro Bewohner sind maximal zwei Besuche pro Tag möglich. Hierbei ist die Anzahl der Besucher auf maximal zwei Personen beschränkt.

Genesene und Geimpfte werden neuerdings bei privaten Treffen nicht mehr mitgezählt, „wenn an der Zusammenkunft ausschließlich geimpfte Personen oder genesene Personen teilnehmen“, wie es in Paragraf 8 heißt.

Medizinische Fachangestellte der Praxis von Volker Farfsing verabreichten die Corona-Impfung in einem von vier Impfräumen auf dem Hirschberg.
Medizinische Fachangestellte der Praxis von Volker Farfsing verabreichten die Corona-Impfung in einem von vier Impfräumen auf dem Hirschberg. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Dasselbe gilt für „ähnliche soziale Kontakte“ wie in stationären Pflegeeinrichtungen oder bei Beerdigungen, wie es im Begründungstext der Covid-19-Schutzmaßnahmen-Ausnahmenverordnung heißt.

Praktisch fällt also für Geimpfte und Genesene nicht nur die Testpflicht bei Besuchen von – geimpften oder genesenen – Bewohnern im Seniorenheim weg, es könnten auch wieder mehr Angehörige oder Bekannte gemeinsam erscheinen, wenn sie eben genesen oder geimpft sind. Für alle anderen Besucher gelten Vorlage eines negativen Testergebnisses und Kontaktbeschränkung weiter.

Zur Sache

14 Tage nach letzter Impfung frei

  • Geimpfte müssen einen Nachweis für einen vollständigen Impfschutz vorlegen – zum Beispiel den gelben Impfpass. Je nach Impfstoff bedarf es ein oder zwei Impfungen für einen vollständigen Schutz.
  • Seit der letzten erforderlichen Einzelimpfung müssen mindestens 14 Tage vergangen sein. Zusätzlich darf man keine Symptome einer möglichen Covid-19-Infektion aufweisen. Dazu gehören Atemnot, neu auftretender Husten, Fieber und Geruchs- oder Geschmacksverlust.
  • Genesene benötigen den Nachweis für einen positiven PCR-Test (oder einen anderen Nukleinsäurenachweis), der mindestens 28 Tage und maximal sechs Monate zurückliegt. Auch hier gilt zusätzlich, dass die Freiheiten nur für Menschen ohne Covid-19-typische Krankheits-Symptome gelten.

(Quelle: bundesregierung.de)

Werden diese Freiheiten nun zum Risiko für Bewohner und Beschäftigte in den Pflegeinrichtungen? „Ich bin sehr dafür, dass nicht mehr so viel getestet werden müsste“, schickt Heinz Fleck, Geschäftsführer des Schmallenbach-Hauses voran, der 21 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus zu beklagen hatte. Wissenschaftler gehen von einem weitgehenden, aber nicht absoluten Schutz nach Infektion oder Impfung aus. Außerdem ist noch unklar, wie lange Antikörper im Blut verbleiben.

Unwägbarkeiten, die Heinz Fleck vor eine ihn schon jetzt bedrängende Frage stellen. „Gibt es für Herbst/Winter einen Plan B? Ich will diese Frage nicht erst stellen, wenn es wieder losgeht.“

»Gibt es für Herbst/Winter einen Plan B? Ich will diese Frage nicht erst stellen, wenn es wieder losgeht.«

Heinz Fleck, Geschäftsführer Schmallenbach-Haus

Wann also müsste nachgeimpft werden? Lassen sich auch Genesene noch impfen? Wenn diese Fragen erst im Herbst geklärt würden, „haben wir wieder Hektik und es gibt wieder kurzfristige Besuchsverbote“, befürchtet Fleck.

Wenn also jetzt davon gesprochen werde, dass die „dritte Welle“ wohl durchbrochen ist, müsse alles dafür getan werden eine „vierte Welle“ nicht aufkommen zu lassen.

Pflege-Ombudsmann kennt Unsicherheit der Angehörigen

Norbert Zimmering, Ombudsmann für Pflege im Kreis Unna, erlebt eine ähnliche Skepsis auf Angehörigenseite. „Ich will nicht Schuld daran sein, dass meine Mutter an Corona stirbt“, laute eine der weiterhin geäußerten Sorgen in jüngster Zeit.

In allen Gesprächen verweise er auf Worte von RKI-Chef Wieler, der sinngemäß appelliere: Wiegt euch nicht so schnell in Sicherheit. Trotz steigender Impfquote dürften die Restrisiken nicht unbeachtet bleiben.

Man möge sich in der Familie am besten absprechen, wer wann die Älteren im Heim besucht. Auch wenn es erlaubt sei – bei größeren Besuchergruppen bekämen Einrichtungsleiter immer noch „Herzklopfen“. Norbert Zimmering rät daher allen verunsicherten Angehörigen: „Suchen Sie das Gespräch mit der Einrichtungsleitung.“

Über den Autor
Redaktion Fröndenberg
Geboren 1972 in Schwerte. Leidenschaftlicher Ruhrtaler. Mag die bodenständigen Westfalen. Jurist mit vielen Interessen. Seit mehr als 25 Jahren begeistert an lokalen Themen.
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Marcus Land
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