Brigitte Cziehso, hier mit ihrer Halbzeitbilanz der Wahlperiode 2014 bis 2020: "Den Menschen im Fokus", war darauf zu lesen – sie selbst stand zuletzt eher mit unrühmlichen Schlagzeilen im Fokus. Jetzt zieht sie die Konsequenzen. © Alexander Heine / Archiv
SPD-Kreistagsfraktion

Cziehso kommt Sturz zuvor: Keine erneute Kandidatur für Fraktionsvorsitz im Kreistag

Brigitte Cziehso bewirbt sich nicht erneut um den Fraktionsvorsitz im Kreistag. Die SPD nennt es Weichenstellung. Wahrscheinlicher ist, dass Cziehso ihrem Sturz zuvorkommen wollte.

Brigitte Cziehso kandidiert nicht mehr für den SPD-Fraktionsvorsitz im Kreistag. Die 67-jährige aus Lünen verwies vor ihren Genossen am Montagabend auf „mehrere Gründe, vor allem aber wünsche ich mir mehr Zeit für meine Familie“. Mit ein Grund dürfte freilich sein, dass sie einer Niederlage zuvorkommen wollte. Ihr Nachfolger soll Hartmut Ganzke werden.

Cziehso nach zwölf Jahren nicht mehr sattelfest

Es gilt als sicher, dass Cziehso im Falle einer erneuten Kandidatur um den Vorsitz von ihrer Fraktion nicht wiedergewählt worden wäre. Zwölf Jahre lang war sie Fraktionsvorsitzende der SPD im Kreistag, nachdem sie 2008 die Nachfolge von Heinz Steffen als dessen Wunschkandidatin angetreten hatte. Die weitaus überwiegende Zeit war sie angesehen und geschätzt, galt als kompetent und sachorientiert. Doch zuletzt mehrten sich kritische Stimmen innerhalb der SPD, saß sie alles andere als fest im Sattel.

Schon 2017 jedes dritte Fraktionsmitglied gegen sie

Schon ihre Wiederwahl Anfang 2017 war für sie ein Desaster: Gerade einmal 66 Prozent der Fraktionsmitglieder stimmten damals in geheimer Wahl für sie – jeder Dritte verweigerte ihr also schon da die Gefolgschaft.

Ein Bild aus 2008, als Michael Makiolla (links) von der SPD als Landratskandidat nominiert und Brigitte Cziehso als Kreistagsfraktionschefin inthronisiert wurde – mit im Bild SPD-Parteichef Oliver Kaczmarek.
Ein Bild aus 2008, als Michael Makiolla (links) von der SPD als Landratskandidat nominiert und Brigitte Cziehso als Kreistagsfraktionschefin inthronisiert wurde – mit im Bild SPD-Parteichef Oliver Kaczmarek. © Roman Grzelak / Archiv © Roman Grzelak / Archiv

Das war damals die Quittung für ihre Rolle im Fiasko um die gescheiterte Stiftung für das Haus Opherdicke. Zuletzt erntete sie viel Kritik für ihren unglücklichen Umgang mit Ingrid Kroll: Cziehso hatte in einer eMail an die Kreistagsfraktion ein Parteiausschlussverfahren gegen Kroll avisiert, der fälschlicherweise eine Mitgliedschaft in einem anderen Wählerbündnis unterstellt worden war. In der Folge trat Kroll aus der SPD aus und in besagtes Wählerbündnis ein – immerhin hatte sich Cziehso im Nachgang noch öffentlich bei ihrer einstigen Genossin entschuldigt.

Cziehso will Kreistagsmandat behalten

So sehr sie sich auch um die Sozialdemokratie im Kreis Unna verdient gemacht hat – immer mehr Genossen waren zuletzt unzufrieden mit dem Führungsstil Brigitte Cziehsos. Seit 1977 Mitglied der SPD, seit 1984 Ratsmitglied in Lünen, seit 1994 Kreistagsmitglied und hier eben seit 2008 Fraktionsvorsitzende: Ihre beachtenswerte Bilanz wäre im Falle einer erneuten Kandidatur mit ziemlicher Sicherheit von einem Sturz überschattet worden. Dass die SPD sie hinter Landratskandidat Mario Löhr nicht mehr als Spitzenkandidatin in die Kommunalwahl schickte, war ein deutliches Indiz dafür.

„Die Fraktion braucht eine Person an der Spitze, die Interessen bündelt“, heißt es in einer persönlichen Erklärung Cziehsos. „Eine Person, die die Fähigkeit hat, politische Kräfte zusammenzuführen.“ Sie wünsche sich eine Fraktionsspitze, „die frisch daherkommt, die Erfahrung und jugendlichen Elan zusammen bringt und auch eine weibliche Handschrift trägt“. Ihr Kreistagsmandat will sie behalten. „Ich will weiterhin Politik im Kreis Unna mitgestalten. Der eine mag es als Drohung verstehen, es ist aber als Versprechen im guten Sinne gemeint.“

Über den Autor
stv. Chefredakteur
Jahrgang 1985, verliebt in seine Heimat am nördlichsten Bogen der Ruhr. Geselliger Vereinsmensch mit vielseitigen Interessen. Im Job brennt er vor allem für politische und menschelnde Storys. Seit 2010 beim Hellweger.
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Alexander Heine

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