Juri Wirth, Projektleiter für die Oberleitungserneuerung, zeigt ein Stück des Fahrdrahts, von dem etwa zehn Kilometer zwischen Bahnhof Kamen und der Südkamener Straße abgerollt werden. Wie Draht sieht das Kupferstück eigentlich nicht aus, sondern eher wie eine Metallstange, die schwer in der Hand liegt. © Carsten Janecke
Bahnstrecke Dortmund-Hamm – mit Video

Zwischen Daniel Düsentrieb und den Transformers: Deutsche Bahn zieht die Strippen für Tempo 200

Seltsame Fahrzeuge, die auf Schienen fahren und dabei kilometerweise Draht abspulen: Ein Experte erklärt, was sich hinter der Mega-Baustelle auf der Bahnstrecke Dortmund-Hamm verbirgt.

Mit 200 Stundenkilometern durch Kamen. Damit die Intercitys der Deutschen Bahn dieses Tempo auf der Strecke zwischen Dortmund und Hamm erreichen, ziehen Spezialfirmen neue Oberleitungen auf einer Strecke von 2,4 Kilometern. Tag und Nacht laufen die Arbeiten zwischen dem Bahnhof Kamen und der Südkamener Straße.

20 Kilometer Oberleitung werden während der Sperrpause, die noch bis zum 26. Oktober andauert, auf genormten Winkelmasten und Flachgittermasten verspannt. „Wir arbeiten hier stundengenau. Mit nur einer Stunde Verzug würde die ganze Planung in sich zusammenfallen“, sagt Projektleiter Juri Wirth (40). Und so wird gerollt und verspannt, dass sich die Masten biegen. Hier steht eine ganze Baustelle unter Vollspannung.

Spezialfahrzeuge laufen auf den Schienen nach, um die zuvor aufgezogenen Oberleitungen zu spannen. Später sind 15 Kilovolt (KV) Spannung auf den Leitungen geschaltet. Die als Bahnstrom bezeichnete Leistung hat 15.000 Volt.
Spezialfahrzeuge laufen auf den Schienen nach, um die zuvor aufgezogenen Oberleitungen zu spannen. Später sind 15 Kilovolt (KV) Spannung auf den Leitungen geschaltet. Die als Bahnstrom bezeichnete Leistung hat 15.000 Volt. © Carsten Janecke © Carsten Janecke

Als hätte sie Daniel Düsentrieb höchstpersönlich erfunden

Die Baufahrzeuge wirken, als hätte sie Daniel Düsentrieb höchstpersönlich erfunden. Sie laufen auf Eisenbahnrädern, während ihre für die Straße gemachten Reifen frei in der Luft schweben. Die Fachleute nennen sie Oberleitungsmontagezüge, Motorturmwagen und Zwei-Wege-Arbeitsbühnen – es sind Kombinationen aus Baumaschinen und Schienenfahrzeugen, die dem Science-Fiction-Hit „Transformers“ entsprungen sein könnten. Und immer ist irgendwo Kabel zu sehen, das sich abrollt und gespannt wird.

Wer zurzeit auf die Zugfahrt zwischen Hamm und Dortmund verzichtet, weil die Bahnhöfe Nordbögge, Kamen-Mitte, Methler, Scharnhorst und Kurl aus dem Fahrplan fallen, der kann mit Blick auf die Mega-Baustelle nachvollziehen, warum er bis nächsten Montag, 5 Uhr, noch den Bus, den sogenannten Schienenersatzverkehr (SEV), nehmen muss.

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Die Strippenzieher von der Deutschen Bahn

Bahnstrom: 15.000 Volt liegen auf den Oberleitungen

Die Strecke, auf der das passiert, ist zwar nur 2,4 Kilometer lang. Die Kabel, die benötigt werden, erreichen ein Vielfaches. Die 20 Kabel-Kilometer, die verspannt werden, verteilen sich auf zehn Kilometer Fahrdraht aus Kupfer und zehn Kilometer Tragseil. Zusammen wird das als „Kettenwerk“ bezeichnet. „Und aufgepasst: Nicht nur der Fahrdraht, sondern auch das Kettenwerk steht unter Spannung“, berichtet Wirth. 15 kV gehen dort später durch, um die Züge voranzutreiben. Die Spannungsleistung ist auch unter dem Begriff „Bahnstrom“ bekannt – oder 15.000 Volt Mittelspannung. Hochspannung beginnt bei etwa 60.000 Volt (60 kV).

Mit Spezialfahrzeugen, die auf Schienen fahren, werden die Tragseile und Fahrdrähte über der Bahnstrecke Dortmund-Hamm verspannt. Dazu sind zuvor neue Masten aufgestellt worden.
Mit Spezialfahrzeugen, die auf Schienen fahren, werden die Tragseile und Fahrdrähte über der Bahnstrecke Dortmund-Hamm verspannt. Dazu sind zuvor neue Masten aufgestellt worden. © Carsten Janecke © Carsten Janecke

72 neue Masten an der 2,4 Kilometer langen Strecke

Wirth, der seit vier Jahren bei der DB Netz arbeitet und aus Duisburg kommt, zeigt ein zehn Zentimeter langes Stück Fahrdraht, das er zu Präsentationszwecken immer dabei hat. Wie Draht sieht das Kupferstück eigentlich nicht aus, sondern eher wie eine Metallstange, die schwer in der Hand liegt.

Drei Kilometer davon liegen auf einer Kabeltrommel, die im Schritttempo auf einem eigenen Schienenfahrzeug vor dem Oberleitungszug herfährt. Meter für Meter rollen sich ab, während der Draht oben auf der Arbeitsbühne in die Halterungen der neuen Masten eingefädelt wird.

72 Masten sind dafür neu aufgestellt worden, bereits vor der Sperrpause. Acht Grundstücke wurden dazu am Rande der Strecke aufgekauft – mit Gülde und dem Raiffeisenmarkt sprach man sich ab, damit Auf- und Abbau reibungslos vollzogen werden konnten. „Wir mussten Masten sogar über die Raiffeisen-Silos heben“, berichtet Wirth.

Drei Kilometer Fahrdraht befinden sich auf einer dieser großen Kabeltrommeln, die dem Oberleitungswagen vorausfahren. Die Spezialkräfte, die für die Deutsche Bahn arbeiten, achten darauf, dass das Seil immer unter einer gewissen Spannung steht, sodass es keinen Kabelsalat gibt. Die Oberleitung wird auf einer Strecke von 2,4 Kilometern erneuert.
Drei Kilometer Fahrdraht befinden sich auf einer dieser großen Kabeltrommeln, die dem Oberleitungswagen vorausfahren. Die Spezialkräfte, die für die Deutsche Bahn arbeiten, achten darauf, dass das Seil immer unter einer gewissen Spannung steht, sodass es keinen Kabelsalat gibt. Die Oberleitung wird auf einer Strecke von 2,4 Kilometern erneuert. © Carsten Janecke © Carsten Janecke

72 Tonnen Stahl werden verschrottet

Die alten Masten liegen hochgestapelt an der Bahnstrecke, Isolatoren bilden hohe Elektroschrottberge, aber nur selten sieht man noch Kabelsalat auf den Schienen liegen. „Wir lassen das Metall täglich abholen, damit es nicht gestohlen wird“, erläutert Wirth. Insgesamt sind sechs Tonnen Kupfer, fünf Tonnen Bronze und 72 Tonnen Stahl angefallen. „Volle Container gibt es hier nicht.“ Was es gibt, sind zwei unterschiedliche Mast-Typen – den Winkelmasten, der mit seinen Auslegern die Bahngleise überspannt. Und den Flachgittermasten, der die Leitungen an der Bahnstrecke seitlich führt. „Jeder Mast, zehn bis zwölf Meter hoch, wurde einzeln berechnet, damit die Oberleitung richtig liegt“, so Wirth.

Mit diesem imposanten Greifaufsatz sind alte Oberleitungsmasten am Rande der Bahnstrecke aufgestapelt worden.
Mit diesem imposanten Greifaufsatz sind alte Oberleitungsmasten am Rande der Bahnstrecke aufgestapelt worden. © Carsten Janecke © Carsten Janecke

Mit 200 Stundenkilometern durch Kamen

Die Bahn hat in ihrem Oberleitungs-Repertoire vier Typen für unterschiedliche Geschwindigkeiten. Bisher waren auf der Strecke Dortmund-Hamm maximal 160 Kilometer möglich. Mit den neuen Oberleitungen können die Fernzüge bald mit 200 Stundenkilometern durch Kamen brausen. Das aber erst, wenn auch der schienengleiche Bahnübergang durch die Südkamener Spange ersetzt wurde. Das ist im Jahr 2023 der Fall.

Juri Wirth, der Strippenzieher aus Duisburg, wird dann wohl schon wieder woanders für Hochspannung sorgen.

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1968, aufgewachsen in mehreren Heimaten in der Spannbreite zwischen Nettelkamp (290 Einwohner) und Berlin (3,5 Mio. Einwohner). Mit 15 Jahren erste Texte für den Lokalsport, noch vor dem Führerschein-Alter ab 1985 als freier Mitarbeiter radelnd unterwegs für Holzwickede, Fröndenberg und Unna. Ab 1990 Volontariat, dann Redakteur der Mantelredaktion und nebenbei Studium der Journalistik in Dortmund. Seit 2001 in Kamen. Immer im Such- und Erzählmodus für spannende Geschichten.
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Carsten Janecke
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