Erste Klimaopfer unter den Stadtbäumen. Einige haben die Trockenheit des Vorjahrs nicht überlebt. Und es gibt weitere Stressfaktoren. Sogenannte Zukunftsbäume sind widerstandsfähiger.

Kamen

, 22.05.2019, 15:46 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Stadtbäume sind echte Kämpfer“, sagt Karsten Harrach, Baumschutzexperte aus dem Umweltamt des Rathauses. Stadtbäume, die zahlreichen Stressfaktoren ausgesetzt sind - schlechter Luft, starker Bodenverdichtung, zu kleinen Baumbeeten für viel zu große Wurzeln. Und nun kommt noch der Klimawandel. Ein Faktor, der viele Städte beschäftigt. Zahlreiche Bäume, so sind sich die Experten sicher, werden den Wandel nicht überleben.

Eine Rotbuche (links) mit schütterem Wuchs am Ufer der Seseke. Während die Nachbarbäume (rechts) gut im Saft stehen, kämpft dieser Baum ums Überleben.

Eine Rotbuche (links) mit schütterem Wuchs am Ufer der Seseke. Während die Nachbarbäume (rechts) gut im Saft stehen, kämpft dieser Baum ums Überleben. © Janecke

Die ersten Klimaopfer entdeckt

Die ersten Klimaopfer hat Harrach, 54 Jahre alt und seit 1991 bei der Stadt Kamen, schon entdeckt. Der studierte Umwelttechniker ist mit dem Fahrrad unterwegs auf einer Tour durch die Stadt, auf die ihn unsere Redaktion begleitet. Er zeigt dabei Beispiele, die auf klimatische Veränderungen hinweisen. Und auch Beispiele, wie man mit Neupflanzungen schon jetzt darauf reagiert. Bisher gibt es erst vereinzelt Ausfälle, vor allem Flachwurzler wie Birke und Fichte. „Die wachsen aber kaum im öffentlichen Raum. Auffälligkeiten sind vor allem in Privatgärten festzustellen, wo man schon einige Klimaopfer ausmachen kann“, so Harrach. Er stoppt an der Henri-David-Straße und blickt über die Seseke, wo hinter dem Sesekeweg einige abgestorbene Bäume in einer überwiegend intakten Baumreihe stehen. „Man sieht Trocknungsschäden, die Krone ist licht, das feine Astwerk schon hinausgefallen.“ Eigentlich kein Handlungsfeld für den Umweltfachmann, wenn die Bäume nicht sehr nah am Sesekeweg stehen würden und so zur Gefahr werden können. „Dort werde ich Kontakt mit dem Eigentümern suchen“, kündigt er an. Konkrete Gefahr sei zurzeit aber nicht gegeben. Einige Meter weiter stoppt er an einer Rotbuche, die direkt am Sesekeufer wächst. Nicht weit entfernt von der Ängelholmer Brücke, dort, wo der Lippeverband einen kleinen Rastplatz angelegt hat und eine beschädigte Stele steht, die einmal über den Sesekeumbau informiert hat. Der kränkelnde Baum mit schütterem Wuchs ist ein Beispiel dafür, dass bei den Stadtbäumen längst nicht alles im grünen Bereich ist. Klimaopfer ist er wohl nicht. Harrach: „Manchmal kann man es nicht genau sagen, woran es liegt.“

Karsten Harrach, 54, kümmert sich im Rathaus vor allem um alle Fragen rund um die Baumschutzsatzung. In Zusammenarbeit mit dem städtischen Bauhof kümmert er sich auch um die Gestaltung des öffentlichen Grüns und die Frage, welche Bäume an wechen Standort passen.

Karsten Harrach, 54, kümmert sich im Rathaus vor allem um alle Fragen rund um die Baumschutzsatzung. In Zusammenarbeit mit dem städtischen Bauhof kümmert er sich auch um die Gestaltung des öffentlichen Grüns und die Frage, welche Bäume an wechen Standort passen. © Janecke

Längere Trockenperioden, weniger Reserven
Beim Wässern helfen, Schottergärten vermeiden

Jeder kann etwas tun

  • 9315 Bäume gibt es im öffentlichen Raum. Dazu kommt eine Gesamt-Grünfläche von 2.046.488 Quadratmetern. Das entspricht rund 205 Hektar.
  • Beim Umbau des Heeren-Werver Dorfkerns werden Feldahörner der Sorte „Elsrijk“ gepflanzt, die als widerstandsfähig gelten.
  • Harrach bittet die Bürger, in Trockenperioden Straßenbäume vor ihrer Haustür zu wässern. Zusätzlich gibt es seit vorigem Jahr eine Kooperation mit der Feuerwehr, die zusätzlich zu den Wässerungsarbeiten der Stadt im Zweischichtbetrieb tätig war.
  • Schottergärten, so Harrach, beschleunigen nicht nur das Insektensterben, sondern sind auch schädlich fürs Stadtklima. „Alle sind aufgerufen, etwas fürs bessere Klima beizutragen. Das kann die Statdtverwaltung nicht allein leisten.“

Längere Trockenperioden bei immer weniger Wasser in den oberen Bodenschichten, kaum Reserven selbst im Frühjahr. Als Harrach am Koepeplatz stehen bleibt und auf einen schwächelnden Bergahorn am Parkhaus blickt, sagt er: „Wir sind in dieses Jahr schon mit einem Minus an Wasser im Boden gestartet.“ Deswegen prüft er zurzeit, welche Bäume der Trockenheit besser widerstehen können. Trockenresistente Bäume, die sich vor allem aus heimischen Arten und Sorten zusammensetzen sollen - wie Feldahorn, der viel aushalten kann. Die Pflanzung von fremdländischen Gehölzen, so hat Harrach es auch in einer Mitteilungsvorlage für den Umwelt- und Klimaausschuss festgehalten, soll künftig unter dem Aspekt der Klimaverträglichkeit nicht kategorisch ausgeschlossen werden. Dazu gibt es eine Straßenbaumliste, die von der Deutschen Gartenamtsleiterkonferenz (GALK), Arbeitskreis „Stadtbäume“, erarbeitet wurde (www.galk.de). Unter Ökologen gibt es daran auch Kritik, weil dort einige nicht heimische Gehölze genannt sind. Harrach: „Diese sollen allerdings auch nicht flächendeckend gepflanzt werden. Aber es gibt Standorte, wo sie sinnvoll sind.“ In Dortmund gibt es eine Liste mit sogenannten Zukunftsbäumen. „Ein Begriff, der sehr gut passt“, findet Harrach.

Karsten Harrach zeigt eine Bastmanschette, die einen Feldahorn am Sesekdamm schützt. „Der dünne Baumstamm einer Neuanpflanzung trocknet schneller aus. Durch die Manschette verliert er die Feuchtigkeit nicht so schnell.“

Karsten Harrach zeigt eine Bastmanschette, die einen Feldahorn am Sesekdamm schützt. „Der dünne Baumstamm einer Neuanpflanzung trocknet schneller aus. Durch die Manschette verliert er die Feuchtigkeit nicht so schnell.“ © Janecke

Kastanienallee im landesweiten Alleenkataster

Wie die Umweltplaner auf Veränderungen reagieren, zeigt sich in der Straße „Mersch“, wo eigentlich eine prachtvolle Kastanienallee angelegt ist. Doch an den zurzeit prachtvoll blühenden Riesen gibt es Schäden, vor allem durch die Miniermotte, die den Bestand schon seit vielen Jahren schwächt. Schon vor der jetzigen Klimawandel-Debatte setzte sie den Bäumen zu. „Und wir werden hier nicht auf Teufel komm raus wieder Kastanien setzen“, so Harrach und deutet auf zwei Hainbuchen, die schon als Ersatz gepflanzt wurden. „Wir leiten damit über zu einer Mischallee. Vorteil? Wenn einzelne Baumsorten ausfallen, dann gibt es noch genug andere, die den Charakter der Straße erhalten.“ Einzige Ausnahme im Stadtgebiet: Die Kastanienallee, die künftig ihrem Namen auch weiter gerecht werden soll. Und zudem: Sie wird im landesweiten Alleenkataster geführt. Harrach: „Wir werden sie als reine Kastanienallee sichern.“

Bastmanschetten als Verdunstungsschutz werden bei Neuanpflanzungen immer öfter eingesetzt.

Bastmanschetten als Verdunstungsschutz werden bei Neuanpflanzungen immer öfter eingesetzt. © Janecke

9135 Bäume im öffentlichen Raum der Stadt

Fast jeder Kamener hat einen der 9315 im öffentlichen Raum befindlichen Bäume vor der Haustür. Sie müssen viel aushalten, nicht nur den Klimawandel. In den 70er- und 80er-Jahren, so führt Harrach aus, seien Baumbeete oft viel zu klein angelegt worden. Weitere Stressfaktoren im städtischen Bereich: Leitungsbau, der in den Wurzelbereich eingreift, Autos, die an Baumscheiben parken und den Boden verdichten, auch Überdüngung durch Hinterlassenschaften von Hunden. „Zudem kann auch die Wärmestrahlung von asphaltierten und gepflasterten Flächen schädlich sein.“ Zahlreiche Aspekte, die die sorgfältige Wahl eines Baumes notwendig machen. Mit Blick auf eine Fichte, die wohl nicht mehr zu retten ist, sagt Harrach. „Bäume in der Stadt sind echte Kämpfer und Pflegekandidaten. 100 Jahre alt werden können sie hier nicht.“

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