Erstmals gibt es die Schicksale von Kamenern, die als Flüchtlinge in der Stadt ankamen, als Buch zu lesen. Mit „Das erste Mal, als ich das Meer sah“ will die Organisation Pro Mensch Vorurteilen entgegenwirken.

von Rolf Liffers

Kamen

, 08.09.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Refugee Welcome“ – das war einmal. Immer häufiger habe das Flüchtlingsproblem in den letzten Jahren Negativschlagzeilen hervorgerufen, untermauert von Fakenews und Hasstiraden in den sozialen Medien, bedauert die Hilfsorganisation „Pro Mensch“ in Kamen. „Viele haben daher das Vertrauen in die Willkommenskultur verloren und somit in das, was unser Land ausmacht: Demokratie, Freiheit und ein Leben miteinander in Toleranz und Akzeptanz“, heißt es in einer Stellungnahme.

„Wir müssen dem Flüchtling deshalb endlich wieder ein Gesicht geben“, ist das Anliegen der Vorsitzenden der Kamener Hilfsorganisation für Geflüchtete, Bilitis Naujoks. Und aus diesem Bedürfnis heraus ist jetzt das Buch „Das erste Mal, als ich das Meer sah“ entstanden, das aufklärt über die zumeist schrecklichen Schicksale von Asylsuchenden, die in Kamen eine neue Heimat finden möchten.

„Zu fünft in einem Zimmer fühlten wir uns wie im Himmel“

Bilitis Naujoks von „Pro Mensch Kamen“. © Stefan Milk

Christina Hartmann sprach mit Einzelpersonen und Familien

Buch über Flüchtlinge


Das erste Mal, als ich das Meer sah

  • Das druckfrische Buch „Das erste Mal, als ich das Meer sah“ über Schicksale von Flüchtlingen wird bei einer Vernissage am Montag, 7. Oktober, um 19.30 Uhr im Haus der Stadtgeschichte, Bahnhofstraße 21, in Kamen vorgestellt.
  • Das Buch von Christina Hartmann ist in einer Auflage von 150 Exemplaren erschienen ist und wird gegen Spenden abgegeben. Je ein Exemplar sollen die Kamener Schulen und Büchereien erhalten.
  • Da der gemeinnützige Verein Pro Mensch das Buchprojekt nicht aus eigenen Mitteln finanzieren konnte, halfen Sponsoren. Darunter die Sparkasse Unna/Kamen, die Gemeinschaftsstadtwerke Kamen-Bönen (GSW), die Volksbank Kamen-Werne, der Lionsklub Bergkamen, die Kamener Rotarier, die Evangelische Kirchengemeinde Kamen und die Druckerei Kettler Bönen.

Herausgeberin Christina Hartmann aus Methler ließ sich in ihrer Bachelorarbeit von sieben Einzelpersonen oder Familien aus verschiedenen Ländern ihre Lebensgeschichten schildern. Im Oktober wird ihr Bildband offiziell vorgestellt. Das Ziel: Hintergründe ihrer Flucht besser verstehen und mit „Absahner-Klischees“ aufzuräumen. „Stell Dir vor, du müsstest morgen aus Angst um Leib und Leben deine deutsche Heimat verlassen“, sollen sich die Leser vorstellen.

Für Christina Hartmann war es „ganz schön schwierig“, Gesprächspartner für ihr Buch zu finden. „Einige wollten durchs Erzählen das ganze Grauen nicht noch einmal durchleiden müssen.“ Andere sagten ab, weil sie befürchteten, sie könnten durch ihre Äußerungen Probleme bekommen oder noch in der Heimat lebende Familienmitglieder in Gefahr zu bringen.

Momo, 23 Jahre alt, Syrer

Momo beispielsweise, 23 Jahre alt, Syrer, ist mit Geld vom Vater in die Türkei geflohen und dort mit 45 anderen Flüchtlingen auf ein Schlauchboot Richtung Samos verfrachtet worden, das nur für 15 Personen ausgelegt war. In der Nacht wurden sie von einem unbeflaggten Schiff aufgebracht, dessen maskierte Besatzung die Nussschale rund 20 Kilometer vor der griechischen Zielinsel zerstörte, so dass auf hoher See Panik unter den Schiffbrüchigen ausbrach, die sich an den Bootsresten festklammerten. Alle kämpften um Lifejackets. Vier Stunden später seien sie von der türkischen Küstenwache aus dem Meer gefischt worden, berichtet Momo. Alle – auch eine schwangere Frau – überlebten.

„Zu fünft in einem Zimmer fühlten wir uns wie im Himmel“

Kinder spielen auf einer nach starkem Regen überfluteten Straße in Dhaka in Bangladesh. Dorther stammt Rhana, ein Flüchtling, der in Kamen wohnt. © picture alliance/dpa

Rahna, 42 Jahre alt, Bangladesch

Rhana (Name geändert), 42, der zu Hause als Journalist arbeitete, stammt aus Dhaka, Bangladesh. Als Journalist hatte er über einen Verbrecher geschrieben, den er bei einem tödlichen Handgemenge beobachtet hatte. Seither wurde er verfolgt. Korrupte Gangster wollten ihn umbringen. Von Polizei konnte er keinen Schutz erwarten, steckt sie doch oft mit den Verbrechern unter einer Decke. Ihm und seiner Familie sei klar gewesen, dass er nur noch fliehen konnte. Mit tausend Dollar „zum Schmieren“ in der Tasche schaffte er es bis Schweden. „Dort bekam ich zwar Unterstützung, durfte aber nicht arbeiten. Für mich war diese Nutzlosigkeit die Hölle.“ Von Stockholm sei er über Kopenhagen, Hamburg, Bielefeld und Bad Salzuflen in Kamen gelandet und musste hier erleben, dass in Deutschland alles „noch viel schwieriger“ ist. Achtmal habe er die Unterkunft wechseln müssen. Jetzt hofft Rhana, dass er bald arbeiten darf und einen Job findet, am liebsten in einem Reisebüro.

„Zu fünft in einem Zimmer fühlten wir uns wie im Himmel“

Die Bundeswehr war lange in Kundus in Afghanistan stationiert – dem Ort, aus dem der 32-jährige Zafar kommt. © picture alliance / dpa

Zafar, 32, Afghanistan

Zafar ist 32. Er kommt aus Kundus in Afghanistan und ist seit 2000 in Deutschland. Autorin Christina Hartmann hat mit ihm in Unna die Ausbildung zum Gestaltungstechnischen Angestellten gemacht, wonach er die Prüfung „nicht in Englisch, sondern auf Russisch“ ablegte. Zu Hause hätte er nichts werden können. „Ohne Schmiergeld kommst Du nicht einmal in die Schule, und vor jeder Prüfung musst du wieder zahlen.“ Die Cousine seiner Frau sollte gar 5000 Dollar berappen, als die Lehrerin auf Probe fest angestellt werden wollte. Er hatte also keine Zukunft, und weil sein Vater einen Freund in Frankfurt hatte, machte er sich auf die Reise.

Fatima, 23, Syrien

Fatima, 23, stammt aus Latakia in Syrien, hat Architektur studiert, ist seit 2015 in Deutschland und würde hier gern weiterstudieren. Sie war in der elften Klasse, als der Syrien-Konflikt ausbrach. „Alle hatten Angst vor Assad: Er ist ein Diktator, dessen Familie aus meiner ursprünglich so toleranten Heimatstadt kommt, wo er sich deshalb oft aufhält.“ Unter seiner Knute änderte sich alles: „Aleviten tragen kein Kopftuch, und wir, die wir eins trugen, wurden plötzlich als Terroristen geächtet.“ Ihnen, den Aleviten gegenüber, seien die Sunniten in jeder Beziehung begünstigt worden. 70 Prozent der Menschen fühlten sich folglich unterdrückt. Vom Krieg selbst bekamen sie in Assads Heimat nur wenig mit. „Es war ruhig in Latakia, viel zu ruhig. Niemand hat sich getraut aufzubegehren. Die Stadt war viel zu gut bewacht.“ Auch Fatima landete nach einer gefährlichen Flucht zu Fuß, im Bus, mit Schleppern, im Boot über die Türkei und übers Meer auf Samos und gelangte von dort über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. Oft tagelang, ohne einen Bissen zu essen.

In Düsseldorf wurde Fatima von einer Cousine erwartet, bei der sie aber nicht bleiben konnte. So kam sie nach Dortmund, in die Sammelstelle Unna und schließlich nach Kamen. „Wir bekamen ein Zimmer für fünf Personen und fühlten uns wie im Himmel.“

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