Die Altpapiertonne ist voll, aber es sind noch Kartons übrig. Was nun? Freundliche Müllwagenfahrer nehmen die Pappe auch mit, wenn sie neben der Tonne abgelegt wird. Erlaubt ist das nicht.

Unna, Kamen, Holzwickede

, 12.08.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zielwerfen mit Kartons und Pappe in einen Schlund in Basketballkorb-Höhe: Müllwagenfahrer der „GWA Kommunal“ üben sich immer mal wieder in einer ungewöhnlichen sportlichen Disziplin, dem Karton-Hochwurf. Das Problem: Ihre Müllfahrzeuge sind nicht dafür ausgelegt, händisch mit Verpackungen aller Art befüllt zu werden. Das sorgt im Alltag für Probleme, stört Abläufe und kann sogar gefährlich sein.

Kletterpartie auf Greifarm und Mülltonne

Die „GWA Kommunal“ setzt sogenannten Seitenlader ein, um die Altpapiertonnen in Kamen, Holzwickede und Bönen zu leeren. Der Fahrer steuert von seinem Sitzplatz aus einen Greifarm, der die Tonnen packt und kopfüber in den Behälter des Müllwagens kippt.

Nun kommt es vor, dass Kunden Papier, Pappe und Kartons nicht in die Mülltonne stopfen, sondern daneben zur Abholung an den Straßenrand legen. Der Greifarm ist aber ungeeignet, loses Material vom Asphalt zu ziehen und in den Schlund auf der Oberseite des Müllfahrzeugs zu befördern. Der Fahrer steht dann vor der Wahl: Entweder er steigt aus und bugsiert die Pappen selbst in das schwer erreichbare Loch, dazu muss er mitunter mit einem Bein auf eine Mülltonne, mit dem anderen auf den Greifarm klettern, eine wackelige und potenziell halsbrecherische Angelegenheit; oder er lässt die neben den Tonnen abgelegten Verpackungen liegen.

Seitenlader im Einsatz: Dieser Schlund ist für den Fahrer nicht ohne Kletterpartie zu erreichen, wenn er dort Abfälle hineinwerfen will.

Seitenlader im Einsatz: Dieser Schlund ist für den Fahrer nicht ohne Kletterpartie zu erreichen, wenn er dort Abfälle hineinwerfen will. © Carsten Fischer/Archiv

Jedesmal, wenn Pappen neben den Tonnen liegen, muss der Fahrer seine Tour unterbrechen, wenn er kundenfreundlich sein will. Das machen viele GWA-Fahrer auch so. Denn wenn sie die Pappe liegen lassen, könnte es sein, dass sich Kunden über schlechten Service der Müllabfuhr beschweren und eine nachträgliche Abholung fordern. Das bedeutet zusätzlichen Aufwand. Da ist es das kleinere Übel, auszusteigen und die Pappen hochfliegen zu lassen; insbesondere bei Wind und großen Formaten eine knifflige Sache.

Appell vom Müllabfuhr-Chef

Benedikt Stapper, Chef der GWA Kommunal, bittet alle Kunden der Altpapier-Abfuhr, ihre Kartons ordnungsgemäß in den Mülltonnen zu entsorgen, um die Fahrer nicht in unmögliche Situationen zu bringen. „Die kommunalen Abfallsatzungen sagen, dass man nichts daneben stellen darf. Der Deckel muss geschlossen sein. Natürlich stehen die Deckel manchmal ein bisschen auf. Wenn das jemand übertreibt, nennen wir das lachende Mülltonnen“, sagt der gelernte Jurist.

Benedikt Stapper über Kletterpartien und Pappen-Hochwurf von Müllwagenfahrern am Seitenlader: „Wir haben engagierte Fahrer, die sind so gepolt, die machen das.“

GWA-Kommunal-Chef Benedikt Stapper über den Pappen-Hochwurf am Seitenlader: „Wir haben engagierte Fahrer, die sind so gepolt, die machen das.“ © Anke Jacobi

Jetzt lesen

Keine offizielle Dienstanweisung

Eine offizielle Dienstanweisung, die den Fahrern ausdrücklich untersagt, Kartons oder ähnliches in den Seitenlader hineinzuwerfen, gibt es laut dem Geschäftsführer nicht. Die Fahrer seien kundenfreundlich und nähmen das Material mit. „Wir haben engagierte Fahrer, die sind so gepolt, die machen das“, räumt Stapper ein. Doch der Einsatzleiter der Müllabfuhr wolle nicht, dass „seine Jungs auf dem LKW herumklettern, dann kriegt der die Krise“. Die Fahrer seien durch regelmäßige Arbeitsschutzunterweisungen mit einem externen Sicherheitsingenieur über „Laderisiken“ informiert.

Jetzt lesen

Früher kam der Hecklader

Aber warum stellen Kunden überhaupt ihre Pappe neben die Tonnen? Ein Grund könnte sein, dass viele noch an Zeiten der Hecklader denken, als Müllmänner neben dem Fahrzeug hergingen und die Tonnen händisch am Heck des Fahrzeugs einhakten. Die große Klappe am Heck erlaubte auch, weiteres Material ohne Risiko hineinzuwerfen. Das ist bei den Seitenladern nicht mehr möglich. „Die haben keine Extra-Klappe“, so Stapper. Auch Bequemlichkeit könnte eine Rolle spielen. So wurden in Holzwickede die Altpapier-Containerstandorte abgeschafft – und damit eine bequeme weitere Entsorgungsmöglichkeit. Kamen hält dagegen an Altpapier-Containern an dezentralen Stellen im Stadtgebiet als Ergänzung zur blauen Tonne fest.

Jetzt lesen

Karton-Ableger torpedieren das Müllabfuhr-System

Einen Anspruch auf die Mitnahme von Pappe und Kartons, die neben den Tonnen liegen, gibt es nicht. „Die Abfälle müssen in die von der Stadt zugelassenen Abfallbehälter, die von der Stadt zugelassenen zusätzlich erworbenen Abfallsäcke oder die zur Verfügung gestellten Depotcontainer entsprechend deren Zweckbestimmung eingefüllt werden“, heißt es in der Abfallsatzung der Stadt Kamen. „Abfälle dürfen nicht in einer anderen Weise zum Einsammeln bereitgestellt oder neben die Abfallbehälter oder Depotcontainer gelegt werden.“ Fast wortgleiche Regelungen gelten in Holzwickede. Dort haben die Tonnenbesitzer zudem „die erforderlichen Maßnahmen zu treffen, um die Abfallentsorgung ohne Schwierigkeiten und Zeitverlust zu sichern“. Denn die Touren der Seitenlader sind so ausgelegt, „dass der Fahrer nicht den Zeitpuffer hat, zig Mal auszusteigen“, sagt GWA-Kommunal-Chef Stapper. Wer seine Pappe daneben legt, torpediert das System.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Wochenmarkt Kamen
Neuer Suppenkoch auf dem Wochenmarkt wünscht sich trotz Corona Tische vorm Stand
Hellweger Anzeiger Kommunalwahl 2020
Livetalk: Landratskandidaten wollen mehr Personal und mehr Respekt für die Polizei
Hellweger Anzeiger Kultur Open Air
Beim Auftritt in Kamen ist Lucas Rieger aufgeregter als bei „The Voice of Germany“
Hellweger Anzeiger Arbeiten fast fertig
Endspurt auf Mega-Baustelle Nordring: Verkehrsachse durch Kamen ist in Kürze wieder frei
Hellweger Anzeiger Tiefpreise an der Tankstelle
Benzinpreise gehen viral: Corona drückt den Preis an der Zapfsäule auf Tiefststände