Wo die Opfer der Nazis in Kamen wohnten

dzInteraktive Karte

Vor 75 Jahren wurden das KZ Auschwitz befreit. Mindestens 18 Kamener wurden dort ermordet. Wo sie wohnten, bevor die Nazis sie verhafteten und deportierten, zeigt unsere Karte der „Stolpersteine“.

27.01.2020, 18:22 Uhr / Lesedauer: 2 min

Vielleicht haben die Nachbarn zugesehen, vielleicht schauten sie weg oder sie applaudierten: Leo Erich und Friederike Hony sind zwei Kamener, die in der Nazi-Diktatur wegen ihres jüdischen Glaubens von Nazis verhaftet und deportiert wurden. Den Honys sind zwei von 48 Gedenksteinen gewidmet, die in Kamen an die letzten Wohnorte verfolgter Juden erinnern.

Leo Erich Hony wurde bei den November-Pogromen am 9. November 1938 verhaftet und ins KZ Sachsenhausen deportiert. Dort wurde er laut historischen Recherchen 1943 ermordet. Friederike Hony wurde ebenfalls in Auschwitz umgebracht. Am 27. Januar jährte sich die Befreiung des Konzentrationslagers durch die Rote Armee zum 75. Mal.

48 sogenannte Stolpersteine, verlegt von dem Kölner Künstler Gunter Demnig, erinnern in Kamen an die Menschen, die den Grausamkeiten der Nazis zum Opfer fielen. 18 Menschen, denen heute die Gedenksteine gewidmet sind, wurden laut dem Stand der lokalgeschichtlichen Forschung im KZ Auschwitz umgebracht. Historiker Klaus Goehrke gehört zu den größten Kennern der Kamener NS-Geschichte und hat unter anderem dokumentiert, was Familie Wolff am Marktplatz widerfuhr.

Else Wolff, eine der wenigen Holocaust-Überlebenden aus Kamen, schilderte im Jahr 2004 die Pogromnacht vom 9. November 1938. „Etwa zwischen zehn und elf Uhr abends hörten wir plötzlich ein furchtbares Gegröle auf dem Marktplatz“, so die Frau, die später in den USA lebte. „Da flogen auch schon dicke Steine gegen die Fenster unseres Hauses, alle Scheiben zur Marktseite hin wurden eingeworfen. Wir bekamen einen großen Schrecken und stürzten sofort ins Schlafzimmer der Jungen und deckten ihre Körper mit Kissen zu, um sie vor den Steinen, Scherben und Splittern zu schützen.“ Auch an anderen Stellen in der Stadt wütete der braune Mob.

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Jüdische Bürger wurden gedemütigt, verfolgt, zur Flucht gezwungen, deportiert oder in Ghettos und Konzentrationslagern ermordet. 1943 hielten die Nazis fest: Kamen ist „judenrein“.

75 Jahre später sind antisemitische Einstellungen immer noch in Deutschland verbreitet. Doch Juden- und Fremdenhass steckt nicht nur in den Köpfen: Die rechtsradikale Terror-Organisation NSU ermordete zehn Menschen, weil sie Migranten waren. Ein Rechtsradikaler erschoss den Regierungspräsidenten Walter Lübcke, der sich für Flüchtlinge eingesetzt hatte. Ein Rechtsextremist scheiterte beim versuchten Massenmord in der Synagoge in Halle. Ein mutmaßlicher Anführer und Kassenwart der inzwischen verbotenen rechtsradikalen Terrorgruppe „Combat18“ erhielt ausweislich geleakter Kontounterlagen Geld von einer Kamener Unternehmerin, die dazu schweigt.

Gedenkfeier an der Maibrücke

Am 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz gedachten am Montag rund 60 Kamener der Holocaust-Opfer. Unter den Besuchern war auch Dietmar Joseph. Der Enkel eines ermordeten Kameners hatte am Sonntag ein Gedenkkonzert mitgestaltet, bei dem Musik jüdischer KZ-Häftlinge gespielt wurde.

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