Wird an der Uhr gedreht, jammert auch das liebe Vieh

dzZeitumstellung im Stall

Die Tierwirtschaft setzt feste Zeiten, die Kühe haben sich an einen gewissen Ablauf gewöhnt. Der wird seit 1980 zweimal im Jahr durcheinandergebracht. Das Uhrenchaos könnte ein Ende haben.

von Niklas Mallitzky

Kamen

, 06.10.2018, 17:24 Uhr / Lesedauer: 3 min

Von Niklas Mallitzky

Heutzutage scheint es, als hätte es sie immer schon gegeben. Tatsächlich wurde die Sommerzeit im damals noch geteilten Deutschland aber erst 1980 eingeführt. Die Sonnenstunden sollten effektiver genutzt werden. Doch auf große Begeisterung stieß die Zeitumstellung nie, in einer europaweiten Umfrage sprachen sich rund 80 Prozent für eine Abschaffung ab. Doch welche Auswirkungen hätte das Wegfallen der Sommerzeit auf die Landwirtschaft? Eine Antwort haben die Kamener Landwirte.

Hans-Heinrich Wortmann ist Landwirt mit Sitz in Westick. Neben der Feldwirtschaft züchtet der Vorsitzende des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes Schweine. Auch ihn beschäftige die Zeitumstellung, wenn auch eher auf einer persönlichen Ebene. „Ich ertappe mich immer wieder dabei, im Sommer eine Stunde länger zu arbeiten“, sagt er. „Das liegt einfach daran, dass es länger hell ist.“ Doch das sei eigentlich kein Problem, schließlich könne er ja auch einfach früher Schluss machen. Auch seine Schweine seien für Zeitverschiebungen nicht sonderlich anfällig. „Die werden ja nicht gefüttert, sondern bedienen sich selbst am Trog.“ Das würden die Tiere sowieso den ganzen Tag tun, unabhängig von irgendwelchen festen Zeiten.

Kühe sind empfindlicher

Für die lokalen Milchbauern ist die Zeitumstellung ein größeres Problem. Friedrich-Wilhelm Hiddemann führt einen Milchbetrieb in Westick. Rund 80 Hektar umfasst der Hof mitsamt den Weideflächen. Schon 1983 übernahm der Landwirt den Hof von seinem Vater und stellt damit die vierte Generation der Familie auf dem Hof. Seit 2004 lebt dort auch Ehefrau Darja Nickolaus-Hiddemann. Die Zeitumstellung sorge jedes Jahr wieder für einige Verwirrung bei den Tieren, berichtet Hiddemann. „Die können die Uhr zwar nicht lesen“, scherzt er. „Aber die haben einen inneren Rhythmus.“ Der richte sich vor allem nach dem Sonnenstand, entsprechend würden die Tiere zu bestimmten Zeiten aktiv.

Die Fütterung sei auch hier ein eher untergeordnetes Problem, denn auch im Stall ist Futter 24 Stunden am Tag verfügbar. 1995 baute Hiddemann die Halle und beendete die bis dahin genutzte und heute durchaus kontrovers diskutierte Anbindehaltung. Mit einem Traktor mit Anhänger legt Hiddemann eine lange Bahn vor den Freilauf-Stall. Dort können sich die die Kühe den ganzen Tag über selbst bedienen.

Pünktlichkeit ist wichtig


Das tun die Kühe beinahe unaufhörlich, rund 60 Milchkühe tummeln sich in dem Stall. Die am Morgen gelegte Bahn aus Mais, Gras, Getreideschrot und anderen Mineralstoffen ist am Abend fast schon wieder verschwunden, Hiddemann muss nachlegen. „Ob das nun eine Stunde früher oder später geschieht, ist nicht so wichtig. Vollständig vertilgt ist das Futter fast nie.“

Bei der Milchproduktion müssen sich die Tiere dagegen jedes Jahr wieder auf die neuen Zeiten einstellen. Deshalb stehen die Tiere im November eine Stunde zu früh im Melkstand, im Frühjahr eine Stunde zu spät. Zwei Wochen dauere es jedes Mal, bis die Kühe sich an die neuen Zeiten gewöhnt haben. „Wenn eine Umstellung über einen längeren Zeitraum geschieht, wie der im Winter immer frühere Sonnenuntergang, dann ist das kein Problem. Die Tiere belastet der plötzliche Wechsel.“

Früher wurde die Melkmaschine noch zu den Tieren gebracht, das sei heute anders, erklärt Hiddemann. „Die Kühe marschieren selbstständig zum Melkstand, eine genaue Reihenfolge gibt es nicht mehr.“ Da sich die Tiere in einer Schlange aufreihen, um gemolken zu werden, kommt es dort sowieso immer wieder mal zu Verzögerungen. „Ein Fenster von etwa 15 Minuten ist da normal und bringt die Tiere nicht weiter aus dem Trott.“ Zeitliche Veränderungen, die darüber hinaus gingen, seien für die Tiere schon eine große Umstellung.

Deswegen befürwortet Hiddemann die Abschaffung der Zeitumstellung. Bei der europaweiten Umfrage wurde auch die Frage gestellt, welche Zeit die Befragten beibehalten würden. Eine Mehrheit wählte die Sommerzeit. Für den Landwirt wäre die ewige Winterzeit von größerem Vorteil, Hiddemann könnten besonders im Sommer die Zeit effektiver nutzen. Ob die Zeitumstellung tatsächlich abgeschafft wird, ist bekanntlich noch nicht endgültig beschlossen.

Bereits im Ersten Weltkrieg wurde die Zeitumstellung in Deutschland kurzzeitig eingeführt. 1916 begann die Sommerzeit noch am 30. April, 1917 und 1918 dann Mitte April. Auch in den Kriegsjahren zwischen 1940 und 1945 wurde die Sommerzeit wieder eingeführt. Die Nazis hielten sich nicht immer an diese Vorgaben. Ab 1942 wurde die Sommerzeit dreimal durch die „Verordnung über die Wiedereinführung der Normalzeit“ unterbrochen. In den ab 1945 von den Alliierten besetzen Gebieten bestimmten die Besatzungsmächte, wann die jährliche Umstellung auf die Sommerzeit stattfinden sollte.
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