In der Südschule Kamen ist ein Kind an Windpocken erkrankt. Das löst einen Ausnahmezustand an der Grundschule aus. Kinder, die nicht gegen die Krankheit immun sind, müssen zu Hause bleiben.

Südkamen

, 24.01.2020, 17:35 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Wenn Ihr Kind nicht gegen Windpocken geimpft sein sollte, darf es erst ab dem 10.02.2020 wieder in die Schule kommen.“ Es sind Zeilen, die eine Kamener Mutter, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, treffen wie ein Schlag. Am Mittwoch erhalten sie und die anderen Eltern der Südschule einen Brief von Rektor Bernd Kleinschnitger.

Darin steht, dass ein Schüler an Windpocken erkrankt ist und nun alle Kinder einen Impfpass vorlegen müssen. Wer keinen Impfpass hat und nicht immun ist, weil er die Krankheit schon durchgestanden hat, bleibt zu Hause. Das bedeutet für betroffene Eltern, dass sie ebenfalls zu Hause bleiben oder kurzfristig für eine Betreuung sorgen müssen.

Für die besagte Mutter ist das aber nicht die einzige Problematik. „Auch wenn ich die Kinder betreut kriege, müssen sie trotzdem beschult werden“ Mit den Lehrern der Kinder stehe sie in engem Kontakt. Sie versorgen die Familie mit Schulstoff. Optimal ist das freilich nicht.

Mutter sieht sich dazu genötigt, ihre Kinder doch zu impfen

Die Kamenerin hat sich bewusst dazu entschieden, ihre Kinder nicht gegen Windpocken, die sogenannten Varizellen, zu impfen. Aufgrund einer Vorerkrankung wollte sie ihnen mögliche Nebenwirkungen ersparen.

Nun werde sie auf eine Art doch dazu genötigt. „Wir fragen uns jetzt, ob wir uns das erlauben können oder nicht. Denn es gibt solche Fälle vielleicht in Zukunft wieder.“ Sie möchte ihre Kinder nicht ständig 18 Tage – so lange dauert die Inkubationszeit bei Windpocken – zu Hause zu lassen und dort selber unterrichten. Die Kinder können dadurch einiges verpassen.

Windpocken-Alarm in der Südschule: Kinder ohne Impfschutz müssen zu Hause bleiben

Windpocken gelten als Kinderkrankheit, sind aber auch für Erwachsene äußerst ansteckend. Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO) empfiehlt allen Kindern die Varizellenimpfung mit 2 Impfstoffdosen vorzugsweise im Alter von 11 bis 14 Monaten (1. Impfung) und 15 bis 23 Monaten (2. Impfung). © AOK/hfr.

Dass bei Windpocken solche Maßnahmen notwendig sind, wusste sie nicht. „Auch meine Freundinnen hatten keine Ahnung“, sagt sie. Ihr sei nun wichtig, dass andere Eltern von dieser Regelung erfahren. Denn so wird nicht nur an der Südschule vorgegangen.

Die Schule tut nur das, was das Gesundheitsamt des Kreises vorschreibt, erklärt Schulleiter Kleinschnitger. Der Kreis habe gefordert, dass jedes Kind einen Impfpass vorzeigt. Daraus muss hervorgehen, dass das Kind zweimal geimpft wurde. Erst dann besteht ein ausreichender Schutz gegen die hochinfektiöse Erkrankung.

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Kinder, die nur eine Varizellen-Impfung erhalten haben, können die zweite nachholen und direkt wieder am Unterricht teilnehmen. Ohne Impfung ist das nicht möglich, da zwischen den zwei Spritzen mindestens ein Monat Abstand liegen muss.

Bis Freitagmittag mussten zehn Kinder zu Hause bleiben, bei 20 Kindern war zu dem Zeitpunkt noch nicht sicher, ob ein Schutz besteht. Das Gesundheitsamt Unna war vor Ort und hat die Impfpässe überprüft, auch ein Arzt war laut Kleinschnitger da.

Es trifft nicht nur Kinder: Zwei Lehrer müssen einen Bluttest machen

Überprüft wurden aber freilich nicht nur die Kinder. Auch Lehrer und Mitarbeiter mussten ihre Impfausweise zücken. Auch sie müssen geimpft sein oder in der Vergangenheit an Windpocken erkrankt und somit immun sein. Zwei Lehrer und drei Mitarbeiter wussten nicht, ob sie schon erkrankt waren, Impfpässe lagen nicht vor. Kleinschnitger musste sie nach Hause schicken.

Sie werden sich nun einem Bluttest unterziehen. Sind sie immun, können sie am Montag wieder arbeiten. Ansonsten können sie in der kommenden Woche am anderen Standort der Schule, dem Bekenntnisstandort Hl. Josef, eingesetzt werden. Dort ist kein Kind an Windpocken erkrankt. Durch die Möglichkeit, das Personal zu tauschen, sind in den kommenden Wochen an beiden Standorten genug Kräfte im Einsatz.

Windpocken-Alarm in der Südschule: Kinder ohne Impfschutz müssen zu Hause bleiben

Für einen vollständigen Impfschutz gegen Windpocken sind laut Robert-Koch Institut unabhängig vom Alter zwei Impfstoffdosen notwendig, die in einem Abstand von mindestens einem Monat verabreicht werden sollten. Kinder und Jugendliche, die bisher keine oder nur eine Varizellenimpfung erhalten haben, sollten die fehlenden Varizellenimpfungen als Nachholimpfung schnellstmöglich und spätestens vor Erreichen des 18. Geburtstags bekommen. © picture alliance / dpa

Kleinschnitger versteht, dass die Situation für die betroffenen Eltern ärgerlich ist. Eine Wahl hatte der Schulleiter nicht. Er ist gesetzlich dazu verpflichtet, bestimmte Erkrankungen dem Gesundheitsamt zu melden, welches dann darüber entscheidet, wie weiter vorgegangen wird. Laut Kreissprecher Max Rolke halte das Gesundheitsamt sich an die Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes.

Das Gesundheitsamt stehe der Schule und auch Eltern, die Fragen haben, beratend zur Seite. „Wir haben auch vor Ort informiert und die Eltern beruhigt. Viele hatten Fragen“, sagt Rolke Dass bei einem Ausbruch von Windpocken so vorgegangen wird sei nicht neu.

Die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt hat laut Kleinschnitger gut funktioniert. Es habe klare Regeln gegeben und nun seien alle Kinder erfasst. „Es ist vorbildlich gelaufen.“

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Masern-Impfpflicht kommt am 1. März 2020

Spannend wird es für Kleinschnitger auch ab dem 1. März. Ab dann gilt für alle Menschen in Gemeinschafts- und Gesundheitseinrichtungen eine Impfpflicht gegen Masern. Damit will die Bundesregierung die Impfquote erhöhen und die Krankheit mittelfristig ausrotten. Kleinschnitger rechnet damit, dass dann neue Auflagen und Kontrollen auf die Schulen zukommen. Vom Gesundheitsamt kommen diese Vorgaben laut Max Rolke aber nicht. Dafür seien übergeordnete Behörden zuständig.

Um die Masern macht die Kamener Mutter, die jetzt ihre Kinder zu Hause unterrichtet, keine Gedanken. Gegen diese tückische Krankheit sind ihre Schützlinge geimpft. Ob sie sie nun auch gegen die Windpocken impfen lässt, weiß sie noch nicht. „Seit der Brief gekommen ist, arbeitet es in mir.“

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