Eltern, die anspruchsvoller werden. Und Schüler, die mehr Hilfe benötigen. Petra Wolff, die jetzt in den Ruhestand wechselt, weiß, wie sich Schule in über 40 Jahren verändert hat.

Kamen

, 10.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Eine Lehrerin blickt zurück. Nach 41 Jahren im Schuldienst. Petra Wolff, die am Donnerstag vorzeitig in den Ruhestand wechselt, weiß, wie sich Schule in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Die 63-jährige Schulleiterin der Eichendorffschule in Methler sagt: „Vor über 40 Jahren, als ich angefangen habe, gab es so etwas wie Schulentwicklung nicht. Da galt es einfach, den Alltag zu organisieren.“ Verbessert habe sich seither zwar vieles, aber die Probleme seien auch nicht kleiner geworden. Zum Abschied aus der Schule, die sie seit 2009 leitet, appelliert sie an die Schulplaner in Bezug auf Inklusion und die Integration von Flüchtlingskindern: „Was oft fehlt, das sind Menschen, die sich daneben setzen und kümmern. Die Aufgaben und die Idee der Inklusion sind super und wir stehen voll dahinter. Aber es würde deutlich besser, wenn wir eine bessere Personaldecke hätten.“ Das, so betont sie, gelte nicht nur für die Eichendorffschule speziell, sondern auch landauf, landab für andere Bildungsstätten.

Wie sich Schule verändert hat: Zwischen Zeitdruck und liebevoller Zugewandtheit

Im Tanzraum der Glückaufschule. Petra Wolff setzte sich dafür ein, dass ein solcher Raum eingerichtet wurde. „Da steckt mein Herzblut drin“, sagt sie. © Stefan Milk

Schon als Kind Schule gespielt

Das Jahr 1963. Petra Wolff ist sieben Jahre alt und wächst auf in Zollstock, einem Stadtteil im Süden von Köln, linksrheinisch im Stadtbezirk Rodenkirchen. Lehrerin wollte sie schon damals werden. Sie scharte die Kinder auf dem Spielplatz um sich und spielte mit ihnen Schule. Ihre Rolle damals? Lehrerin! „Da habe ich richtig Listen geführt“, sagt sie heute schmunzelnd. „Schule?“, fragt sie dann nachdenklich. „Das war schon immer in mir drin.“ Nach dem Studium in Köln, Deutsch und Sport auf Lehramt, ab 1978 dann die Anwärterzeit in der Bodelschwinghschule Arnsberg, danach schon der Sprung in den Kreis Unna - an die Pestalozzischule Bergkamen, an der sie von 1980 bis 1990 lehrte. Dann erfolgte der erste Wechsel als Konrektorin zur Eichendorffschule, die sie wieder 1995 verließ - zur Glückaufschule an der Koppelstraße, wo sie die Schulleitung übernahm. An der Schule, die zum 31. Juli 2012 geschlossen wurde, setzte Wolff zahlreiche Akzente. Zum Beispiel die Einrichtung eines Tanzraums.

„Tanzen, dafür schlägt mein Herz“, sagt die Pädagogin, die den Sport nicht nur an der Glückaufschule etabliert, sondern auch die anderen Grundschulen damit ansteckt. „Mittlerweile haben alle Kamener Grundschulen mindestens ein Tanzprojekt im Jahr.“ Rhythmik, Tanz, Bewegung, sportliche und koordinative Aufgaben, deren Bewältigung den Kindern besser durch den Alltag hilft. An der Eichendorffschule gibt es zwar keinen eigenen Tanzraum wie an der früheren Glückaufschule, aber in der dritten Wochensportstunde ist Tanz und Rhythmik gesetzt. „Da steckt mein Herzblut drin.“ Wolff weiß, dass es in Lehrerkreisen nicht überall so hoch geschätzt wird, wenn es despektierlich wieder heißt: „So ein bisschen rumhopsen.“

Wie sich Schule verändert hat: Zwischen Zeitdruck und liebevoller Zugewandtheit

Suri im Unterricht der Eichendorffschule. Die Kinder nehmen den Hund voll in Beschlag. © Stefan Milk

Kindersprechstunde: Den Kindern einfach zuhören
Zurzeit 168 Schüler

Eichendorffschule

Die Eichendorffschule liegt an der Straße „In der Kaiserau 29“ und hat zurzeit 168 Schüler in jeweils zwei Klassen pro Jahrgang. Das Kollegium besteht aus zehn Kräften, jede Klasse hat eine eigene Klassenlehrerin. Am offenen Ganztag der Eichendorffschule nehmen zurzeit etwa 60 Kinder teil. Träger ist der Kreissportbund (KSB). Zudem gibt es eine Übermittagsbetreuung.

So ein bisschen rumhopsen - im besten Sinne freilich - ist also wichtig. Aber auch, das Gespräch mit den Kindern zu suchen. Dafür hat Wolff eine Kindersprechstunde etabliert. „Das ist auch meine Stärke. Vertrauen zu entwickeln und zu helfen, Probleme zu lösen.“ Die direkte Arbeit mit den Kindern, so sagt sie, gebe eine Menge von dem zurück, was man an liebevoller Zugewandtheit investiere. „Dann merkt man, die haben etwas erreicht durch unsere Hilfe.“ Doch Schule, so hat Wolff festgestellt, habe in den vergangenen Jahren auch an Bedeutung verloren. „Die Kindheit hat sich verändert. Sie hat eine ganz andere Intensität“, spielt sie auf den Wandel im Freizeitverhalten an. Egal ob Sportverein, Musikschule oder Reitunterricht. „Schule hat nicht mehr die Sonderstellung, die sie mal hatte.“ Im Gegenzug wachse aber die Erwartung der Eltern, dass man die Kinder auch unterstützend erzieht. Und sie habe es in ihrer Zeit als Lehrerin noch nie so intensiv erlebt, dass der Unterstützungsbedarf der Junioren so groß ist. Unterstützend erziehen, soweit es der Unterricht also zulässt. Aber auch das sei durchaus ein Spannungsfeld, wie Wolff sagt: „Allen ist das auch nicht recht und so kommen dann auch schon mal Beschwerden.“ Eine Aussage, die sie aber nicht zu hoch gehängt wissen will. „Die Unterstützung durch die Eltern an dieser Schule ist intensiv. Das ist hier ein bisschen heile Welt.“

Wie sich Schule verändert hat: Zwischen Zeitdruck und liebevoller Zugewandtheit

Petra Wolff geht in den Ruhestand: „Was ich den Kollegen wünsche? Viel Kraft und Durchhaltevermögen.“ © Stefan Milk

Vom Schulhund zum Tierschutz: Das neue Leben beginnt

Nicht nur das Wort eines Lehrers zählt, sondern auch der treue Blick eines Hundes. Wertvoll, so sagt Wolff rückblickend, war der Einsatz des Schulhundes Suri, Wolffs eigener Hund, der nun 16 Jahre alt ist - und sozusagen schon länger pensioniert ist. Der Podenco-Mischling ist Teil von Wolffs neuem Lebens, wenn sie sich intensiver im Tierschutz engagieren will. Unter anderem schwebt ihr vor, Fotos von Hunden zu machen, damit sie bessere Vermittlungschancen haben. Nach der letzten Schulleiterdienstbesprechung und der Verabschiedung am Donnerstag ist nun Schluss mit Schule. „53 Jahre lang“, lacht sie - wenn man die Zeit als Schülerin mitrechnet. „Was ich den Kollegen wünsche? Viel Kraft und Durchhaltevermögen.“

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