Wie sich die Nordstraße in Kamen verändert hat

dzAlte Postkarten

Prunkvolle Fassaden zeugten einst vom Unternehmergeist an der Nordstraße. Alte Postkarten zeigen, wie sich das Stadtbild dort wandelte. Hervorgeholt wurden sie wegen eines Neubaus mit umstrittenem Erscheinungsbild.

Kamen

, 06.10.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Schon vor dem Bau der Autobahnen gab es ein Kamener Kreuz. Dort wo sich am Tor zur heutigen Fußgängerzone die Weststraße, Oststraße und Nordstraße treffen, liegt eine Art Vorläufer des Verkehrsknotenpunkts. So jedenfalls erzählen es Kamener Stadtführer gern bei ihren Rundgängen.

Das Umfeld des Orts, wo sich einst die Pferde-Fuhrwerke kreuzten, befindet sich aktuell in einem Wandel. Nach dem Bau des Einkaufszentrums „Kamen Quadrat“ am ehemaligen Hertie-Standort zwischen Nord- und Kampstraße steht auf der Nordstraße das nächste Bauprojekt an. Ein Wohn- und Geschäftshaus entsteht auf dem Grundstück des früheren Möbelhauses Möcking. Dazu kommen weitere Veränderungen auf der Nord-Süd-Achse, die aus der Nordstraße und der südlichen Verlängerung „Am Geist“ gebildet wird. Das bisherige VHS-Haus, die denkmalgeschützte „Alte Apotheke“ am Geist, soll zum Schmerztherapie-Zentrum umgebaut werden. Vor der Fertigstellung ist derweil nur wenige Meter weiter die Sanierung des ehemaligen Verlagshauses an der Ecke Am Geist/Markt.

Wie sich die Nordstraße in Kamen verändert hat

Diese Ansicht der Nordstraße von Mai 2019 hat bereits historischen Wert. Sie zeigt die Nordstraße kurz vor dem Abbruch der Möcking-Häuser (hellgraues Dreier-Ensemble). © privat

Die Veränderungen gehen einher mit Warnungen vor einem Verlust historischer Substanz der Altstadt, zumal in diesem Bereich nicht nur mehrere Geschäfte, sondern auch ganze Häuser leer stehen, zum Beispiel das denkmalgeschützte „Haus Kaja“ am Geist. Dieses wird vom Ortsheimatpfleger Karl Heinz Stoltefuß, Denkmalschutz-Sachverständiger im Planungsausschuss des Stadtrats, als in seinem Bestand gefährdet angesehen – neben zwei weiteren Fachwerkhäusern in der Innenstadt.

Wie sich die Nordstraße in Kamen verändert hat

Klare Linien, cremefarbener Ton und städtebaulich gut in die vorhandene Fassadengestaltung eingebunden: So sehen die Architekten den Neubau des Wohn- und Geschäftshauses an der Nordstraße. © beta

Der dieses Jahr erfolgte Abriss des ehemaligen Möbelhauses Möcking lenkt den Blick besonders auf die Nordstraße. „Die hier zum Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Geschäftshäuser mit prunkvollen Fassaden legten Zeugnis ab vom Unternehmergeist und Gewerbefleiß der Geschäftsleute, die in der aufstrebenden Industrie- und Zechenstadt Kamen ihr Glück suchten“, erzählt Stoltefuß. Die Firma Möcking, die sich von kleinen Anfängen zum respektablen Möbelhaus entwickelte, sei dafür ein Beispiel. Das Mutterhaus an der Nordstraße wurde durch den Hinzukauf von Nachbargebäuden mehrmals erweitert.

Wie sich die Nordstraße in Kamen verändert hat

Nordstraße in Kamen im Wandel der Zeiten: Der Blick auf der Postkarte von 1900 geht nach Norden. Das erste Haus links ist das Mutterhaus der Firma Möcking. Über der Tür steht: Polsterer Friedr. Möcking Dekorateur. © privat

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges blieben die Fassaden der drei Häuser mit den prächtigen Ausschmückungen aus der Zeit des Historismus bestehen, wie Stoltefuß recherchiert hat. Dann habe Ende der 1950er Jahre die Zeit der großen Flächensanierungen eingesetzt, in der auch in Kamen ganze historische Stadtviertel beseitigt wurden. „Als glatte Fassaden an Häusern modern waren, wurden an vielen Häusern in der Stadt die Schmuckelemente abgeschlagen und durch einen glatten Putz ersetzt. Darüber hinaus wurden viele historische, massiv gebaute Häuser abgebrochen, um nüchternen Neubauten Platz zu machen“, so Stoltefuß. Trotz einiger Fassadenveränderungen an den Häusern sei die Nordstraße ein Teil der Altstadt mit historischem Flair geblieben.

Wie sich die Nordstraße in Kamen verändert hat

Die Ansichtskarte von 1910 zeigt den Blick nach Süden. Im Hintergrund das Café Humberg an der Kreuzung Nordstraße/Oststraße/Weststraße. Die rechte Seite zeigt die prachtvollen Geschäftshäuser, die damals noch nicht zu Möcking gehörten. © privat

Umstritten ist, wie gut sich der Neubau des Wohn- und Geschäftshauses in die Nordstraße einfügen wird. Der Bauträger Beta Eigenheim plant ein modernes Gebäude mit 19 Wohnungen und zwei Gewerbeeinheiten im Hauptgebäude sowie zwei Wohnungen in einem zugehörigen Stadthaus. Die Architekten haben eine repräsentative Immobilie entworfen, die rückseitig einen „Quartiersplatz“ bekommen soll. Dieser bedeutet eine Aufwertung des Umfelds der benachbarten Lutherkirche.

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Kritiker wie Stoltefuß hätten lieber einen Erhalt des vorhandenen Gebäudes gesehen – oder zumindest eine Beibehaltung der prägenden Fassadenteile des Hauses. „Der geplante Neubau wird das, was verloren gegangen ist, nicht ersetzen können“, meint Stoltefuß. Kamener Ortsheimatpfleger fordern, dass die Stadt Kamen Rechtsgrundlagen schafft, die den Schutz erhaltenswerter Bauensembles ermöglicht. Allein der Schutz von einzelnen Baudenkmälern reiche nicht aus. Ein Baudenkmal war das ehemalige Haus Möcking, aus dem ein Jugendstilfenster ausgebaut und in den Nachfolgebau eingesetzt werden soll, jedoch nicht.

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