Der Lehrermangel in NRW ist eine Chance für Saadeddin Hussein. Doch bis der syrische Physik- und Chemie-Lehrer endlich eine Klasse unterrichten darf, stehen ihm einige Hürden im Weg.

Kamen

, 15.05.2019 / Lesedauer: 5 min

Saadeddin Hussein, 53, kam vor dreieinhalb Jahren als Flüchtling zusammen mit seiner Familie nach Deutschland. Mittlerweile spricht der syrische Akademiker, der über 20 Jahre an verschiedenen Oberschulen seines Heimatlands sowie in Saudi-Arabien gearbeitet hat, fließend Deutsch. Nur seine Kinder sind noch sprachgewandter: Einer seiner Söhne saß vorigen Montag beim „Europatag“ der Gesamtschule Kamen auf dem Podium – bei einer Diskussion mit Bürgermeisterin Elke Kappen. Alle Kinder der Familie Hussein kommen in der Schule gut mit. Das passt zu dem Eindruck, dass die Familie Hussein gute Integrationschancen hierzulande hat.

2800 Lehrerstellen fehlen in NRW

Familienvater Saadeddin Hussein will wieder in seinen alten Beruf als Lehrer einsteigen. Die Chancen dafür sind theoretisch gut, denn in NRW sind 2800 Lehrerstellen unbesetzt. „Insbesondere für das Fach Mathematik, aber auch für Kunst, Physik, Musik, Informatik und Technik ist dauerhaft mit sehr guten Einstellungschancen zu rechnen“, heißt es in einer Prognose des Schulministeriums. Praktisch ist der Seiteneinstieg für syrische Lehrer aber kompliziert, auch weil es an Qualifizierungsangeboten mangelt.

Der Physik- und Chemielehrer öffnet eine Dokumentenmappe und blättert durch die darin abgehefteten Zeugnisse und Übersetzungen. „Ich habe viel als Lehrer gearbeitet“, sagt er. „Ich kann in Deutschland noch mehr arbeiten. Das ist meine Zukunft.“ Dazu muss er dem Staat beweisen, dass er die Qualifikationen erfüllt.

Eine der größten Hürden ist die Sprache. Hussein kann Deutschkenntnisse auf dem Niveau B2 vorweisen – darüber liegen noch zwei fehlende Stufen, an denen er arbeitet. B2 heißt, dass Hussein in seinem Spezialgebiet Physik und Chemie auch Fachdiskussionen führen kann.

Studienabschluss teilweise anerkannt

Die Anerkennung seines Studienabschlusses in Physik und Chemie an der Universität Aleppo hat Hussein bereits in der Tasche. Obwohl der Syrer acht Semester studiert hat, haben die deutschen Behörden seinen Abschluss aus dem Jahr 1991 aber nur auf Bachelor- und nicht auf Master-Niveau eingestuft. Das finden diejenigen, die Hussein und seine Studiennachweise besser kennen, angesichts seines großen Fachwissens unangemessen. Hussein muss also in Deutschland noch einmal studieren, bevor er sich als Lehrer bewerben kann.

Während der Pädagoge in der Deutsch-Türkischen Begegnungsstätte in Kamen ehrenamtlich bei der Hausaufgabenbetreuung tätig ist, wird er in ein deutsches Klassenzimmer vorerst nur als Praktikant gelassen. Im November und Dezember nahm er an Physik- und Chemiestunden an der Gesamtschule Kamen teil und machte dort auf die Kollegen einen guten Eindruck. Zwischenzeitlich hat er Kontakt zum Städtischen Gymnasium aufgenommen, um vielleicht auch dort Schnupperunterricht machen zu können. Das wäre dann schon sein viertes Praktikum in Deutschland – nach einem Kindergarten im bayerischen Regen, bei Bayer in Bergkamen und an der Gesamtschule in Kamen.

Hussein arbeitete zuletzt an einer Mädchen-Oberschule in Syrien. Seine bisherigen beruflichen Stationen seien mit dem deutschen Gymnasium vergleichbar. „Ich bin stolz auf meinen Beruf“, sagt der Mann aus der kurdischen Provinz Hasaka im östlichen Zipfel des Landes an der Grenze zu Irak und der Türkei. Der Lehrerberuf sei wie eine Kunst: Es gehe nicht nur darum, den Schülern die Naturwissenschaften beizubringen, sondern ihnen Hoffnung zu geben und sie das Leben zu lehren.

Zu wenig Studienplätze für geflüchtete Lehrer

Frontalunterricht wie an syrischen Schulen, die Hussein kennt, ist in Deutschland nicht üblich. Eine Weiterbildung ermöglicht es dem syrischen Lehrer nun, aktuelle Unterrichtsmethoden kennen zu lernen und seine Sprachkenntnisse auf das erforderliche C1-Niveau zu steigern. Im Juni darf er sich zu einem einjährigen Studium an der Universität Bielefeld einschreiben, weil er die Aufnahmeprüfung einschließlich Lehrprobe bestanden und die Voraussetzungen erfüllt hat – dazu zählen ein Bachelor-Abschluss und eine Bleibeperspektive in Deutschland. Insgesamt gibt es in Bielefeld 25 Studienplätze für Flüchtlinge, die einen Hochschulabschluss aus ihrem Heimatland vorweisen können, der sie für den Lehrerberuf in eine der Fächer Chemie, Physik, Mathematik, Sport, Englisch oder Französisch qualifiziert. Das offiziell „Lehrkräfte plus“ genannte Weiterbildungsprogramm qualifiziert die Teilnehmer auf sprachlicher, fachdidaktischer und pädagogischer Ebene und ist mit Hospitationen in Schulen verbunden. Weitere 25 Studienplätze gibt es an der Ruhr-Universität Bochum.

Die SPD-Landtagsabgeordneten Jochen Ott und Eva-Maria Voigt-Küppers kritisierten im März in einer Kleinen Anfrage an die Landesregierung die geringe Zahl der Studienplätze. „Ausländische Lehrkräfte, die in den letzten Jahren in unser Land gekommen sind, sind solch eine kostbare Ressource, die weitestgehend ungenutzt bleibt“, hieß es. Das Programm zur Qualifizierung von Flüchtlingen für den Lehrerberuf wird von der Stiftung Mercator und der Bertelsmann-Stiftung gefördert und u.a. in Kooperation mit dem Schulministerium umgesetzt.

Integration von ausländischen Fachkräften verbessern

Die Klippen des deutschen Bildungs- und Behördenwesens meistert Hussein mithilfe eines Unterstützers. Gunther Heuchel, Ratsherr der Fraktion Die Linke/GAL und ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer, half Hussein bei den Bewerbungsverfahren. Zudem schrieb Heuchel Briefe mit politischen Forderungen an Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP), Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) und Kommunalministerin Ina Scharrenbach (CDU). Der Kamener Lokalpolitiker meint, dass die Landesregierung zu wenig unternimmt, um das Fachkräfte-Potenzial geflüchteter Menschen zu nutzen. „Es ist traurig, dass es über 400 Bewerber für das Programm ,Lehrkräfte plus‘ gibt, aber nur zweimal 25 Studienplätze in Bochum und Bielefeld. Das ist schlimm, weil wir gerade in naturwissenschaftlichen Fächern erheblichen Lehrermangel haben und es schade wäre, wenn die Leute in die Wirtschaft gehen“, sagt Heuchel. Derzeit prüfen das Kultur- und Wissenschafts- sowie das Schulministerium, inwieweit das Programm „Lehrkräfte Plus“ fortgeführt und ausgebaut werden kann. Das geht aus einer im April veröffentlichten Antwort auf die Kleine Anfrage der SPD-Abgeordneten hervor.

Von der Terrormiliz IS unter Feuer genommen

Die Familie von Saadeddin Hussein lebte auf einem Bauernhof, bis die Gegend von der Terrormiliz Islamischer Staat unter Feuer genommen wurde. „Hier lag eine IS-Stellung“, sagt Hussein. Er wischt mit einem Finger so über sein Smartphone, dass ein Luftbild bei „Google Maps“ erscheint. Nach einem weiteren Fingerwisch erscheint der Bauernhof. Ein Olivenhain ist in der braunen Landschaft zu erkennen. Bis heute sei es in der Gegend nicht sicher für seine Familie, sagt Hussein. Ob ein Olivenbaum auch in Deutschland gut wachsen kann? Hussein kann es bald selbst ausprobieren. Durch die Vermittlung seines Freunds Gunther Heuchel bezieht er noch in diesem Monat eine Parzelle in einem Kleingarten.

Lesen Sie jetzt

Hellweger Anzeiger Jahresbilanz liegt vor

Was man über Flüchtlinge in Kamen wissen muss

398 Flüchtlinge wohnen in städtischen Unterkünften in Kamen, wie aus der nun vorliegenden Jahresbilanz hervorgeht. Bürgermeisterin Elke Kappen (SPD) warnt davor, dass die Stadt auf Kosten sitzen bleibt. Von Carsten Fischer

Lesen Sie jetzt

Hellweger Anzeiger 5000 Euro für Hinweise

Nach Wasserschaden an Realschule in Kamen: Trotz Belohnung keine Hinweise

Hellweger Anzeiger Sommerferien

Einstimmung auf die Ferien: Kamener Schüler bauen Insektenhotels und lernen Zaubertricks

Hellweger Anzeiger Unzufriedenheit nach Klima-Resolution

Klimanotstand ohne Folgen? Die Grünen sehen schwarz beim Klimaschutz

Hellweger Anzeiger Schulfest in der Grundschule

Hand in Hand durch unser Land: So läuft das Schulfest der Eichendorffschule

Hellweger Anzeiger Schüler und Berufswahl

Nach dem Abi ins freiwillige Jahr: „Ich werde nicht ins kalte Wasser geworfen“

Meistgelesen