Wenn Schweine zu „minderwertigen Schlachtkörpern“ werden

dzLandwirte in Sorge

Wenn Schweine nicht rechtzeitig geschlachtet werden, verlieren sie entscheidend an Wert. Nicht nur deshalb fordern die heimischen Landwirte tiefgreifende Veränderungen in der Fleischbranche.

von Werner Wiggermann

Kreis Unna

, 28.06.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die massenhaften Corona-Infektionen bei Tönnies-Mitarbeitern und die Folgen für die ganze Region lösen Wut aus unter den betroffenen Menschen. Wut über die Verantwortlichen des konkreten Falls und Nachdenken über die industrielle Fleischproduktion in Deutschland. Betroffen sind dabei auch die heimischen Landwirte, die Schweine an die Großschlachthöfe geliefert haben. „Wir sind für Veränderungen und werden uns auch daran beteiligen“, versichert der Kamener Hans-Heinrich Wortmann, Vorsitzender des landwirtschaftlichen Kreisverbandes Ruhr-Lippe. Klar sei aber auch, „da müssen alle ins Boot“, ergänzt Wortmann.

„Geiz ist geil“-Mentalität ist verantwortlich

Vor allem eben auch die Verbraucher. Die „Geiz ist geil“-Mentalität setze die Rahmenbedingung dafür, dass Schweinefleisch in großen Teilen des Handels viel zu billig angeboten werde; und der Zwang der Billigproduktion habe zu den verheerenden Arbeits- und Lebensbedingungen bei den Großschlachtereien geführt, die erst durch die Coronakrise wirklich ins öffentliche Bewusstsein gelangten.

Zahlen werden die Landwirte

Es wird sich vieles ändern müssen an den Großschlachthöfen – und bezahlen werden es in erster Linie die Landwirte, meint Hans-Heinrich Wortmann. Wenn die Zerlegung der Schlachttiere unter ähnlich verantwortbaren Bedingungen geschieht wie etwa bei der Biofleisch-Genossenschaft in Bergkamen-Heil, dann wird das zu deutlich höheren Kosten des Fleischs am Markt führen. Und um die Kostensteigerung und damit die Vermarktbarkeit des Fleisches zu gewährleisten, werde den Erzeugern, also auch den mittelständisch wirtschaften Landwirten im Kreis Unna weniger Geld gezahlt werden.

Preis wird den Erzeugern diktiert

Noch weniger Geld, möchte Wortmann lieber sagen. Ohnehin habe das System, in dem die Erzeugerpreise gestaltet werden, mit freiem Markt nichts mehr zu tun. „Wir bekommen den Preis angesagt, zu dem wir die Schweine zu liefern haben“, klagt Wortmann. Verhandlungsspielraum gebe es nicht im weitgehend monopolisierten Markt, einen Verdienst für die Bauern fast auch nicht mehr.

Schon gar nicht in diesen Zeiten. Wenn an einem so großen Betrieb der Fleischindustrie wie Tönnies die Produktion längere Zeit still liege, dann helfe man sich in der Branche schon zunächst noch aus, glaubt Wortmann. Das bedeutet, dass die Tiere zu anderen Großschlachthöfen gebracht und verarbeitet werden. „Wenn das aber nicht mehr funktioniert, haben wir ein Riesenproblem“, warnt Wortmann. Wenn die Schweine nur eine Woche länger im Stall bleiben, als es eigentlich geplant ist, setzen sie zusätzliches Fett an, erklärt der Landwirt. Zuviel Fett: Das bedeutet: Aus einem zum idealen Zeitpunkt an den Schlachthof gelieferten Schwein wird ein „minderwertiger Schlachtkörper.“

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Wertschätzung für das Produkt fehlt

Schon die branchenübliche Wortwahl spiegelt die industrielle Verformung dessen wieder, worum es doch eigentlich geht: Um Mitlebewesen, denen wir Respekt schuldig sind. „Dem Produkt, also damit auch den Tieren, muss doch Wertschätzung zuteil werden“, fordert der Landwirt Hans-Heinrich Wortmann. Über Gesetze, deren Kontrolle und über einen angemesseneren Preis könnte das vielleicht wieder erreicht werden, glaubt er. Die Landwirte seien jedenfalls dazu bereit, ihren Teil zu dieser Veränderung des Fleischmarkts beizutragen.

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