Wenn Klassiker zur Klassik werden: Mit der Philharmonie zur Baker Street und Copacabana

Kamen Klassik mit der Neuen Philharmonie

Die Kamen Klassik hat die Zuhörer schon zu vielen Orten geführt, dorthin, wo die Klassik komponiert wurde. Doch eine Zeitreise haben sie noch nicht unternommen. Bis jetzt. Auf in die 70er!

Kamen

, 07.07.2019, 20:24 Uhr / Lesedauer: 3 min
Wenn Klassiker zur Klassik werden: Mit der Philharmonie zur Baker Street und Copacabana

Eindrucksvolles Bild auf dem „Konzertplatz“ an der Hammer Straße. Weit über 1000 Freunde der Klassik strömen zur Kamen Klassik. Rhythmisches Klatschen und viel Applaus sind Lohn für Musiker und Veranstalter. © Stefan Milk

Zurück in die klingende Zeit der 70er-Jahre, zu jener Zeit, als die Gruppe „Supertramp“ einen Hit nach dem anderen landete, als die grell geschminkten Rock-Ungeheuer der Gruppe „Kiss“ mit schwarz-weißer Schminke selbst im noch relativ jungen Farbfernsehen auch visuelle Reize setzte und Gerry Rafferty mit einem der schönsten Saxophon-Motive, die jemals erdacht wurden, in die Bakerstreet entführte. Eigentlich Pop und Rock in Reinkultur. Doch die Klassiker sind längst auch für die Klassik ein Thema. Cross-Over nennt man diese Form der Konzerte. Funktioniert mit Filmmusik von Star Wars bis Indiana Jones. Oder mit Musicals wie dem Phantom der Oper, aber bisher noch nicht mit Werbemelodien von Ariel bis Zalando. Vor allem funktioniert es am Sonntagabend bei der Kamen Klassik, als die Musiker der Neuen Philharmonie (NPW) aufspielen. Und sie zeigen dabei meisterhaft, wie Rock und Pop zu Klassik verschmelzen. So schwelgen mehrere hundert Besucher der Kamen Klassik am Sonntagabend in einem Meer wohlklingender Melodien; ein Meer, dessen klingende Wellen auch von den Sängern Viviane Essig und Henrik Wager in Bewegung gesetzt werden. Auch für Generalmusikdirektor Rasmus Baumann, der den Taktstock führt, eine Reise in die Kindheit, als es noch Kassettenrekorder gab und Mal Sondocks Hitparade im Radio. Und das bei bestem Open-Air-Wetter auf dem Parkplatz der Konzertaula. Die aufgestellten Plätze, 1000 an der Zahl, reichen bei Weitem nicht. Viele bringen Klappstühle mit, manche auch Decken und Matten, viele Musikfreunde stehen. Es muss bei dem Programm auch niemand sitzen. „Es darf getanzt werden“, so Rasmus Baumann.

Wenn Klassiker zur Klassik werden: Mit der Philharmonie zur Baker Street und Copacabana

Das Publikum geht begeistert mit zu Liedern wie „Mandy“, „Logical Song“ oder „Live an let die“. © Stefan Milk

Weather-Report, Wetterbericht: Ein passender Beitrag zum Auftakt

Das neue Programm

Sinfonische Reihe ab 25. September

  • Die Kamen Klassik weckt Vorfreunde auf das neue Programm der Spielzeit 2019/20, die am Mittwoch, 25. September, beginnt. „Schottland am Hellweg“ heißt das erste Konzert der Reihe. Zu hören sind von Peter Maxwell Davies „An Orkney Wedding with Sunrise“ für Orchester und Dudelsack, von Max Bruch „Schottische Fantasie“ für Violine und Orchester, von Malcolm Arnold, Schottische Tänze sowie von Felix Mendelssohn Bartholdy die Sinfonie Nr. 3 a-moll op. 56 „Schottische“.
  • Der Titel des ersten Konzerts ist auch ein wenig Programm für die Reihe in der neuen Spielzeit. Die Neue Philharmonie Westfalen (NPW) unternimmt im Rahmen der Reihe musikalische Reisen nicht nur nach Schottland, sondern auch nach Russland und in den hohen Norden Europas. Über optimistische Philosophenrunden geht es bis zu Begegnungen mit der Liebe und dem Schicksal. Jedes der geplanten neun Konzerte steht diesmal unter einem eigenen Thema. Die Reihe endet am 24. Juni 2020 mit „Mozart im Film“.

Pop und Rock können der Klassik nicht das Wasser reichen? Gleich zu Beginn des Konzertes die Antwort mit dem anspruchsvollen Stück „Birdland“ von der Band „Weather Report“, ein Fusionjazz-Stück aus dem Jahr 1977, das längst nicht erst seit dem gestrigen Abend, als bereits zum zwölften Mal die Kamen Klassik, erklingt, zum Bigband-Standard zählt. Weather Report, sprich: Wetterbericht, war auch das Motto des Tages: Denn ein geplantes Freiluftkonzert wird auch immer begleitet von sorgenvollen Blicken zum Himmel, solange sich dort Wolken blicken lassen, wie gestern den ganzen Tag über. Sorgen, die im Sonnenschein des Abends wie weggeblasen erscheinen, als Gerry Raffertys „Baker Street“ erklingt. „Winding your way down on Baker Street, Light in your head and dead on your feet...“ Der Text des Liedes, mehr als fünf Millionen Mal im Radio gespielt, handelt von der Entfremdung des Sängers in einer kalten Großstadt und der Hoffnung auf ein besseres Leben in der Zukunft.

Wenn Klassiker zur Klassik werden: Mit der Philharmonie zur Baker Street und Copacabana

Bei „Baker Street“ von Gerry Rafferty gibt es ein eindrucksvolles Saxophon-Solo. Ein Solo, das in die Musikgeschichte eingegangen ist. © Stefan Milk

Als sitze James Bond den Musikern im Nacken

Eine Zukunft, die auch in der 007-Titelmelodie von Paul McCartney und seiner Gruppe „Wings“ nicht sicher ist: „Live And Let Die“ oder „Leben und Sterben lassen“, wie auch der gleichnamige James-Bond-Film aus dem Jahr 1973 betitelt ist. Ein Titel, der von starken Rhythmuswechseln lebt, chaotischen Sequenzen, furios in Szene gesetzt von der Neuen Philharmonie. Roger Moore als James Bond auf der Bühne in Kamen? Die Musiker und Henrik Wager gehen panisch Volldampf voraus, als sitze er ihnen mit gezückter Walther PPK ohne Schalldämpfer im Nacken. Und es erfolgt auch ein Knall, aber nur durch den nächsten Titel, übergangslos mit Viviane Essig, bei dem diesmal McCartneys Beatles-Mitstreiter John Lennon die Finger im Spiel hat: das hochromantische „Imagine“. Einen Schalldämpfer will hier gerade keiner! Weiter geht es mit Hits, die an diesem Abend viele Besucher mitsingen könnten. Einen Abstecher gibt es mit den Eagles zum „Hotel California“, bevor der Titel „Your Song“ von Elton John erklingt. Und es ist tatsächlich ihr Song, der Song des Publikums, das hingerissen in Harmonien schwelgt. Bis zur Pause geht es weiter mit der Hitparade der 70er-Jahre, es erklingen unter anderem „I Don´t Like Mondays“ (1979) von den Boomtown Rats, „Hymn“ (1977) von Barclay James Harvest und „Copacabana“ (1978) von Barry Manilow. Mit dem Titel „NPW goes POP: Back to the 70s“ haben die Musiker der Neuen Philharmonie, für die am 25. September die neue Sinfonische Reihe in der Konzertaula Kamen beginnt, nicht zu viel versprochen. Die Zeitreise mehr als 40 Jahre zurück, sie funktioniert. Ja, so lange ist das alles schon her!

Wenn Klassiker zur Klassik werden: Mit der Philharmonie zur Baker Street und Copacabana

Perfekt eingespieltes Duo und hervorragende Solisten - die Sängerin Viviane Essig und der Sänger Henrik Wager, die sich auch kleidungsmäßig ganz in die 70er-Jahre versetzten. © Stefan Milk

Weitere Höhepunkte der Musikgeschichte folgen

Nach der Pause dann weitere Höhepunkte der Musikgeschichte. Endlich, so denkt mancher, der auf härtere Rhythmen steht, ein Beitrag, der nicht ganz so zuckersüß ist. „I Was Made For Loving You“ von Kiss aus dem Jahr 1979, später „Smoke on the Water“ von Deep Purple. Harmonischer wieder „You Don‘t Bring Me Flowers“ von Barbra Streisand und Neil Diamond. Ursprünglich hatten die beiden den Song unabhängig voneinander eingespielt. Nachdem der Radio-DJ Gary Guthrie von WAKY-Radio in Louisville beide Versionen zusammen mixte und das auf regen Erfolg stieß, entschlossen sich Streisand und Diamond, den Song gemeinsam neu aufzunehmen - eine Entscheidung mit Folgen. Denn so landet der Song 41 Jahre später bei der Kamen Klassik. Und dafür ist das Publikum dankbar. Mit so großer Tiefe hat es Popmusik wohl noch nie gehört.

Wenn Klassiker zur Klassik werden: Mit der Philharmonie zur Baker Street und Copacabana

Generalmusikdirektor Rasmus Baumann wippte wie immer rhythmisch mit und dirigierte „ganz nebenbei“ ein hervorragend aufgelegtes Orchester. © Stefan Milk

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