6300 Kamener sind aufgerufen, den Integrationsrat zu wählen. Die drei Kandidaten Vikkindran Indran, Mercan Karadag und Aziz Özkir erzählen, warum sie antreten. Ein Grund: der Kampf gegen Alltagsrassismus.

Kamen

, 09.09.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der 32-jährige Vikkindran Indran bekam beim Einkaufen mit, wie eine Verkäuferin mit einer Kollegin sprach und über Türken herzog. Da konnte er nicht schweigen und sprach die Verkäuferin an. „Rassismus ist für mich ein rotes Tuch“, sagt der Kamener.

Vikkindran Indran: Ein Finanzbeamter gegen Rassismus

Der Deutsche hat schwarze Haare und dunkle Haut, sodass er oft für einen Ausländer gehalten wird. Dabei ist Indran in Deutschland geboren. Seine Eltern wurden 1985 als tamilische Flüchtlinge aufgenommen. „Ich bin als Flüchtlingskind aufgewachsen“, sagt er. Heute arbeitet er als Finanzbeamter in Hamm.

Die Erfahrung, wie ein Fremder betrachtet zu werden, begleitet ihn sein Leben lang. Sie spiegelt sich auch in dem Satz wieder, den er manchmal hört: „Sie sprechen aber gut Deutsch.“ Mit solchen Erfahrungen erklärt er auch, warum er sich unter anderem in der Flüchtlingshilfe-Organisation Pro Mensch Kamen und als Dolmetscher für Integration engagiert. Er war Abiturient am Gymnasium, spielte Fußball beim SV Afferde, war Azubi bei einer Versicherungsagentur, bis er an der Finanzfachschule studierte. „Ich hatte viele Freunde und viel Rückendeckung“, blickt er zurück, „aber Rassismus hat mich viel beschäftigt.“

Nun hat sich Indran entschlossen, für den Integrationsrat der Stadt Kamen zu kandidieren. 6300 Kamener sind am kommenden Sonntag aufgerufen, die Interessenvertretung von Bürgern mit Migrationshintergrund zu wählen. Indran tritt als Einzelbewerber an und möchte sich dafür einsetzen, dass der Integrationsrat eine Anlaufstelle für Menschen einrichtet, die Rat und Hilfe brauchen, zum Beispiel weil sie im Alltag diskriminiert werden.

Drei Auswahlmöglichkeiten für Wähler

Bei dieser Integrationsratswahl tritt durch Vikkindran Indran erstmals seit Jahren ein Einzelbewerber an. Daneben kandidieren noch zwei Listen:

  • die als konservativ geltende Kamener Migrantenliste (KML) des amtierenden Integrationsratsvorsitzenden Aziz Özkir mit insgesamt sieben Kandidaten und zwei Kandidatinnen.
  • die als progressiv eingestufte Liste „Multikulturell, Offensiv, Neutral, Alternativ“ (Mona) von Mercan Karadag mit drei Kandidatinnen. „Mona“ tritt zum ersten Mal in Erscheinung.

Mercan Karadag, 51, spricht fünf Sprachen. „Unsere Frauenliste Mona will den interkulturellen Dialog fördern und die Integrationsarbeit bedarfsgerechter aufstellen.“

Mercan Karadag, 51, spricht fünf Sprachen. „Unsere Frauenliste Mona will den interkulturellen Dialog fördern und die Integrationsarbeit bedarfsgerechter aufstellen.“ © Borys Sarad

Mercan Karadag: Frauenpower für interkulturellen Dialog

Integrationsrat

Wer darf wählen?

  • Ausländer, die am Wahltag 16 Jahre alt sind und sich seit mindestens einem Jahr im Bundesgebiet rechtmäßig aufhalten und mindestens seit Ende August in der Gemeinde ihre Hauptwohnung haben.
  • Deutsche, die ihre deutsche Staatsangehörigkeit durch Einbürgerung erhalten haben oder die neben der deutschen auch eine ausländische Staatsangehörigkeit besitzen oder die als Kinder ausländischer Eltern ihre deutsche Staatsangehörigkeit durch Geburt im Inland erworben haben
  • Nichtdeutsche EU-Bürger und Aussiedler.

Mona-Spitzenkandidatin Mercan Karadag, 51, ist gelernte Krankenschwester, Mutter von vier Kindern und Großmutter einer Enkeltochter. Sie ist als Elternbegleiterin in der Schule am Friedrichsborn in Unna-Königsborn und in der Deutsch-Türkischen Begegnungsstätte in Kamen tätig. „In Kamen wird schon sehr viel Integrationsarbeit geleistet. Wir denken, dass mehr gemacht werden kann und bedarfsgerechter“, sagt Karadag über Monas Ziele. „Zum Beispiel habe ich mir sagen lassen, dass in den letzten Jahren der interkulturelle Dialog nicht so gefördert wurde. In Kamen leben nicht nur sunnitische Muslime, sondern auch andere Religionen.“

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Die Deutsche mit kurdisch-türkischen Wurzeln spricht Deutsch, Kurdisch, Türkisch, Englisch und Niederländisch und ist auch ehrenamtlich als Kommunaldolmetscherin tätig. In der Türkei geboren, kam sie als Baby 1969 nach Deutschland, wo ihr Vater in den Ford-Werken tätig war. „Er war einer der ersten türkischen Gastarbeiter“, sagt sie. Karadag arbeitete viele Jahre als Krankenschwester, bis sie den Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben konnte. Sie hat länger in den Niederlanden gelebt und hat nach ihrer Rückkehr nach Kamen neue Tätigkeitsfelder in der Integrationsarbeit gefunden. „Demokratie braucht Vielfalt“ heißt ein aktuelles Projekt der deutsch-türkischen Begegnungsstätte, an dem sie mitwirkt.

Zum dritten Mal in Folge tritt die Kamener Migrantenliste bei der Integrationsratswahl an. Aziz Özkir, 49, führt die Liste als langjähriger Integrationsratsvorsitzender an.

Zum dritten Mal in Folge tritt die Kamener Migrantenliste bei der Integrationsratswahl an. Aziz Özkir, 49, führt die Liste als langjähriger Integrationsratsvorsitzender an. © Stefan Milk

Aziz Özkir: Langjähriger Vorsitzende

Zum dritten Mal in Folge tritt die Kamener Migrantenliste an; erneut angeführt vom kaufmännischen Angestellten Aziz Özkir, 49. Schon seit 1994 der Ausländerbeirat als Vorläufer des Integrationsrats gegründet wurde, ist er dort aktiv. Bekannt ist der Familienvater, ein Deutscher mit türkischen Wurzeln, auch durch sein Engagement in der Islamischen Union Kamen mit der Moschee am Werdelsgraben. Der Sozialdemokrat hat sich zudem als sogenannter Huckepack-Kandidat für den Stadtrat aufstellen lassen – damit wäre er ein potenzieller Nachrücker für den Ratskandidaten Manfred Wiedemann. Als Kleinkind kam Özkir aus der Türkei nach Deutschland. Sein Vater war Bergmann auf der Zeche Monopol.

„Wir sind 14 hochmotivierte und engagierte Kamener Bürger, denen die Integration unserer Mitbürger besonders am Herzen liegt“, sagt Özkir. Die KML-Mitglieder wollen bestehende Projekte weiterführen und neue Projekte zur Integration von Migranten und für ein friedliches Miteinander initiieren. Özkir nennt als Schwerpunkte die Verbesserung der Chancengerechtigkeit in Schule, Bildung, Ausbildung, Arbeit, Maßnahmen gegen Rassismus, die Ausweitung des herkunftsprachlichen Unterrichts an Schulen und die Integration von Geflüchteten.

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