Warum Fleischermeister Föllner seinen Laden für immer schloss

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Zugezogene Gardinen, verschlossene Ladentür: Mit der Metzgerei Föllner hat sich ein weiteres Fachgeschäft aus der Region verabschiedet. Was wird aus dem typischen Fleischer an der Ecke?

Kamen

, 17.10.2018, 15:09 Uhr / Lesedauer: 3 min

An der Robert-Koch-Straße in Methler hat die Fleischerei Föllner ihre Ladentür für immer geschlossen. 29 Jahre lang verkaufte Eugen Föllner dort Würste, Fleischsalat oder Möppkenbrot aus eigener Herstellung. Für den Inhaber und seine Frau Roswitha war es jüngst ein emotionaler Übergang in den Ruhestand – mit Abschiedskarten und Geschenken von Stammkunden.

Traurige Schließungsgeschichten von Traditionsbetrieben werden im Fleischerhandwerk häufiger geschrieben als interessante Gründerstorys wie etwa in Unna, wo der Fröndenberger Metzger Christian Rafalcik seine Filiale „Hackepeter“ eröffnete, weil es in der Kreisstadt seit Jahren kaum Fleischereien gibt.

Erklärt

Wie viel Fleisch gegessen wird

Ein Durchschnittshaushalt in NRW gibt monatlich rund 51 Euro für Fleisch und Fleischwaren aus. Das entspricht ungefähr einem Sechstel der Gesamtausgaben für Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren, wie aus der letzten verfügbaren aktuellen Verbraucherstichprobe aus dem Jahr 2013 hervorgeht.
Die Deutschen essen weniger Fleisch als vor 20 Jahren. Der Pro-Kopf-Verbrauch sank von 68 Kilo auf knapp 60 Kilo im Jahr 2017 – laut Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Der Durchschnittsbürger isst 35,8 Kilo Schweinefleisch, 12,4 Kilo Geflügel, 10 Kilo Rind- und Kalbfleisch.
Gemessen an einer Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, essen die Deutschen zu viel Fleisch. Als Teil der vollwertigen Ernährung könne eine kleine Menge Fleisch die Versorgung mit lebenswichtigen Nährstoffen erleichtern, so die Empfehlung. Dafür reiche je nach Kalorienbedarf eine wöchentliche Menge an Fleisch und Wurst zwischen 300 und 600 Gramm für Erwachsene. 47 Fleischerbetriebe – mit dem bekannten „F“-Logo des Handwerks – gibt es im Kreis Unna im Kreis Soest und in Hamm.

Der Trend zum Grillen, mit teuren Brätern zum Kult erhoben, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Deutschen weniger Fleisch essen, sich gesundheitsbewusster ernähren und die Massentierhaltung problematisieren. Die Zahl der Meisterbetriebe geht kontinuierlich zurück. „Als ich 1964 in die Ausbildung ging, gab es in Kamen noch rund 15 Fleischereien“, sagt Fleischermeister Dirk Ebbinghaus aus Kamen. Geblieben sind jetzt noch vier.

Auch die Fleischerei Ebbinghaus an der Weststraße in der Kamener Fußgängerzone ist längst Geschichte. Mit 64 Jahren gab Dirk Ebbinghaus, der langjährige Obermeister der Fleischer-Innung, sein Geschäft Ende September 2011 auf und ging in den Ruhestand. Sein Sohn Tim hatte sich auf gesundes Hundefutter im Online-Vertrieb spezialisiert und wollte den Laden nicht fortführen.

In Holzwickede schockte der deutlich jüngere Metzger Uwe Vonhoff seine Kunden im Frühjahr 2018, als er das Aus für den Familienbetrieb verkündete. Als Gründe nannte er den Preiskampf mit Discountern, sinkende Nachfrage und mangelnden Nachwuchs.

In Lünen erzählt Wilhelm Scharbaum stolz, dass seine Metzgerei schon in der dritten Generation besteht. „In den meisten Fällen ist das Nachfolgeproblem der Grund für eine Schließung“, sagt der stellvertretende Obermeister der Fleischer-Innung Hellweg-Lippe. Der 58-Jährige stellte die Weichen frühzeitig und zog sich in die zweite Reihe zurück: Seit 2017 arbeiten die Fleischereien Scharbaum in Lünen und Mecke in Werne bei der Schlachtung und der Produktion zusammen.

Warum Fleischermeister Föllner seinen Laden für immer schloss

Fleischermeister Eugen Föllner mit dem „Fleischwurst-Pokal“ im Jahr 2006. © Roman Grzelak

Kein Nachfolger gefunden

Auch Fleischermeister Eugen Föllner hat für sein Geschäft an der Robert-Koch-Straße 55 in Methler keinen Nachfolger gefunden. Bereits am 4. August zog er die weißen Lamellen-Gardinen zu und beschriftete ein Schild für Sonderangebote: „Wir sagen auf Wiedersehen“. Föllner selbst hatte den etablierten Laden 1989 von Gründer Werner Schmidt übernommen, einem Freund des langjährigen Kamener Metzgers Gustav Ebbinghaus. Im Laufe der Jahre konnte Föllner etliche Gold- oder Silber-Auszeichnungen für seine Würste gewinnen. Seine Bratwürste verkaufte er auch auf der Pflaumenkirmes und auf dem Weihnachtsmarkt.

Die Föllners und ihre Mitarbeiter standen für den Erfolg des Geschäfts bis zu 17 Stunden täglich an der Theke und in der Küche. Dazu zogen sie noch einen Partyservice auf – was den Einsatz auch am Wochenende bedeutet. Damit reagierten sie auch auf eine geänderte Nachfrage der Kunden. Familien kochen weniger, es wird mehr im Supermarkt und beim Discounter gekauft – und der Fleischer ist dann gefragt, wenn es etwas Besonderes sein soll, zu Weihnachten, zu Ostern und wenn Besuch kommt.

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Es bleiben noch vier Fleischereien in Kamen

Mit Demarczyk in Methler, Flechsig und Radtke in Kamen-Mitte und Jokiel in Heeren-Werve bleiben in Kamen jetzt vier klassische Fleischereien. Vize-Obermeister Wilhelm Scharbaum meint, dass Fleischergeschäften die Zukunft gehört, wenn sie ein gutes Konzept haben, das heißt qualitätsbewusste Kunden ansprechen und besonderen Service und Beratung bieten. „Fleisch und Wurst kann man im Supermarkt und bei Discountern kaufen, aber das ist vielen nicht durchsichtig genug“, sagt er. Nur knapp ein Viertel der Frischfleisch-Käufer geht in ein Fachgeschäft, wie aus dem „Fleischatlas 2018“ des Bundes für Umwelt und Naturschutz hervorgeht.

Bei Jürgen Demarczyk an der Germaniastraße in Methler erfahren die Kunden bei der Frage nach der Fleischherkunft, dass sein Betrieb zu den wenigen Betrieben in der Region zählt, die noch im eigenen Haus schlachten. Die Tiere stammen nach eigenen Angaben von Züchtern und Mästern in Methler, Kamen, Lanstrop, Hamm und Bergkamen. Dienstags und freitags gibt es bei Demarczyk an der Germaniastraße kesselfrische Fleischwurst.

Warum Fleischermeister Föllner seinen Laden für immer schloss

Am Imbissstand der Fleischerei Radtke auf dem Kamener Wochenmarkt grillt Simone Nielinger Wurst. © Stefan Milk

Bei Dirk und Yvonne Flechsig an der Oststraße in Kamen-Mitte wird der Fleischgenuss zelebriert – beispielsweise mit Kochkursen unter dem Titel „Meatwerk“. Da wird auch schon mal das Hinterviertel eines Wagyu-Ochsen vor Zuschauern zerlegt. Flechsig führt rund 20 Fleisch-Lieferanten von Castrop-Rauxel über Fröndenberg bis Verl namentlich auf seiner Internetseite auf. Geschlachtet wird in Unna, Schloß Holte-Stukenbrock, Olpe und Düren.

Guido Radtke an der Bahnhofstraße in Kamen-Mitte und Norbert Jokiel an der Märkischen Straße in Heeren-Werve werben mit exklusiven Produkten aus eigener Herstellung und einem umfangreichen Partyservice für jeden Anlass. Radtkes Bratwürste gibt dienstags und freitags auf dem Wochenmarkt.

Vize-Obermeister Scharbaum findet, dass er und seine Kollegen mit der Zeit gehen müssen und dabei auch Kooperationen nicht scheuen dürfen, zum Beispiel beim Partyservice. „Im Berufsbild des Fleischers steht nicht, dass wir Sauerkraut und Kartoffelpüree durch die Gegend fahren“, sagt er.

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Die Fleischerei Flechsig in Kamen bietet Event-Kochkurse an. © Marcel Drawe

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