Petra Reski wohnt da, wo andere Urlaub machen. In Venedig, ihrer Wahlheimat, erhebt die Autorin ihre Stimme gegen den Massentourismus. Dabei bringt sie sich sogar als Bürgermeisterin ins Gespräch.

Kamen

, 12.07.2019, 16:06 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Augenzeugen-Videos verbreiteten sich online: Das Kreuzfahrtschiff „MSC Opera“ rammte am 2. Juni ein Touristenboot in Venedig. In einem Unwetter am 7. Juli ereignete sich ein Beinahe-Crash in der Lagunenstadt, als die „Costa Delizisiosa“ nur knapp eine Kollision mit einem Pier verhinderte.

Kreuzfahrtriesen aus Venedig verbannen

Solche Szenen bestärken die aus Kamen stammende Autorin Petra Reski darin, dass Kreuzfahrtriesen nicht in die fragile, auf Holzpfählen ruhenden Stadt gehören. Die Schriftstellerin („Von Kamen nach Corleone“) wohnt seit vielen Jahren in Venedig. Sie zählt zu den lautesten Stimmen, die einen Bann der Schiffskolosse fordern und die Folgen des Massentourismus anprangern. Ob Venedig, Amsterdam oder Barcelona – immer mehr Städte wehren sich gegen „Overtourism“ – eine übermäßige Touristenmasse, die Wohnungen belegt, Straßen bevölkert und Einheimischen das Leben zur Hölle macht, und das auf der Jagd nach dem schönsten Instagram-Fotomotiv.

Einen viel beachteten, drastisch formulierten Appell gegen den Overtourism hat Reski kürzlich in ihrem Internetblog veröffentlicht. Unter dem Titel „Wenn ich Bürgermeisterin von Venedig wäre“ schrieb sie, was sie in dem Amt unternehmen würde. Dann würde sie sich „keine Sekunde daran glauben, dass ein Eintrittsgeld jemanden davon abbringen würde, Venedig zu besuchen“, heißt es einleitend.

Warum eine Ex-Kamenerin gern Bürgermeisterin von Venedig wäre

Das Kreuzfahrtschiff „Costa Deliziosa" fährt am Markusplatz in Venedig vorbei, auf dem zahlreiche Touristen unterwegs sind. © dpa

Tabus sollen Touristen abschrecken

Der Wahl-Venezianerin skizziert nicht ohne Ironie eine Werbekampagne, die touristische Auswüchse zu einem Tabu erklärt. „Anderen Menschen Wohnungen wegzunehmen oder mit Kreuzfahrtschiffen die Luft zu verpesten, muss mindestens so peinlich sein, wie Elefanten zu jagen oder Pelzmäntel zu tragen“, so Reski. „Wer sich traut, zuzugeben, für 29,99 Euro nach Venedig geflogen zu sein, nur um ein Selfie am Markusplatz zu machen, sollte so verstörend auf seine Mitmenschen wirken, wie jemand, der gerade zugegeben hat, dass er gerne kleine Hunde grillt.“ Und wer von einem Kreuzfahrtschiff auf Venedig herabblicke, „sollte befürchten, für jemanden gehalten zu werden, der nach zwei Bier zugibt, gerne auch mal Kinderpornos zu gucken“.

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Gondolieri würden Reski wählen

Für den Wut-Text bekam Reski viel Zuspruch, die Tageszeitung „Gazzettino“ berichtete. „Sogar die Gondolieri haben mir versichert, dass sie mich wählen würden“, erzählt Reski. „Aber wahrscheinlich würden sie ihre Meinung ganz schnell ändern, wenn ich mein Programm vorstellen würde.“

Ob sie nun ernsthaft als Bürgermeisterin antreten würde? Tatsächlich sei sie schon mal ganz im Ernst gefragt worden. „Ich hätte nichts dagegen, das Problem ist nur, dass ich unfähig zur Heuchelei bin, mir Opportunismus fremd ist, was ja schon mal ein kleines Handikap für Politiker ist.“ Und Diplomatie sei auch nicht ihre Stärke. Aber wenn man sehe, wie weit Trump gekommen sei – „da geht noch was...“

Ganz ausreden will Reski ihre Wahlheimat den Touristen aber nicht, höchstens ein schlechtes Gewissen machen. Die schönste Zeit, Venedig für mehrere Tage zu besuchen, sei nach Silvester.

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