Die Feuerwehr musste teilweise zu Fuß gehen, weil Autofahrer keine Rettunggasse bildeten. Doch die Blockierer kommen ungeschoren davon, weil die Feuerwehr sie nicht dokumentieren konnte.

Kamen, Unna

, 11.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Volker Rost saß an einem Tag im Juni auf dem Feuerwehrfahrzeug „AB Rüst“, um zu einer Unfallstelle auf der A2 zu gelangen. Ein LKW hatte einen Kleinwagen gegen einen Autotransporter gedrückt, eine Frau wurde reanimiert. Der Verkehr staute sich, und Rost und sein Kollege bahnten sich mit Blaulicht und Martinshorn einen Weg durch den Stau. „Ich habe schon viele Einsätze auf der Autobahn begleitet, aber so schwierig habe ich das noch nie erlebt“, sagt Rost.

Kein Durchkommen zur Rettungsgasse, weil LKW dicht an dicht stehen

Denn dort, wo sie von der A1 kommend am Kamener Kreuz zur Hauptfahrbahn der A2 einfädeln wollten, ging nichts mehr. „Das ganze Kreuz war zu“, schildert Rost. „Wenn die LKW nicht ganz rechts stehen, kommen wir mit dem großen Feuerwehrfahrzeugen nicht vorbei. Wir mussten die Verkehrsteilnehmer durch direkte Ansprache auffordern, Platz zu machen.“ Das Problem besteht darin, dass LKW dicht an dicht stehen, und wenn sie sich auf der rechten und mittleren Spur stauen, ist es für die Feuerwehr schwierig, die Rettungsgasse zu erreichen.

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Feuerwehrleute mussten zu Fuß gehen

Manfred Blunk, Leiter der Autobahnpolizeiwache Kamen, klingt sichtlich verärgert, wenn er von solchen Behinderungen hört. Bei dem Unfall am 25. Juni mussten Feuerwehrleute teilweise aussteigen, um LKW und Autos beiseite zu lotsen. Einige Feuerwehrleute gingen sogar zu Fuß zur Einsatzstelle, weil sie sonst nicht vorankamen. Blunk hält das für unzumutbar und verweist darauf, dass die Polizei solche Verkehrsverstöße gerne ahnden würde. Das Problem: Bis heute hat die Kamener Feuerwehr keinen einzigen Rettungsgassen-Blockierer vom 25. Juni offiziell bei der Autobahnpolizei gemeldet.

Warum die Feuerwehr keine Rettungsgassen-Blockierer an die Polizei meldet

Vorbildliche Rettunggasse auf der A1 in Höhe „An der schwarzen Saline“ in Unna. © Michael Neumann

Autobahnpolizei hat an Feuerwehren appelliert

Wenn es nach der Autobahnpolizei geht, sollen die Feuerwehrleute die Problemfahrer während der Anfahrt dokumentieren. Rettungsdienst und Feuerwehr seien oft die ersten an der Unfallstelle und also auch die ersten, die Verstöße sehen. „Wir haben bereits vor einem Jahr im Rahmen der Ordnungspartnerschaft mit örtlichen Feuerwehren gesprochen, dass die Feuerwehr uns Verkehrsteilnehmmer mit einem Meldebogen melden kann.“ Im jüngsten Fall am Kamener Kreuz habe die Polizei jedoch nicht einen Hinweis bekommen. „Das war der und der LKW, wir haben das fotografiert“, nennt Blunk ein Beispiel.

Feuerwehr soll nicht „zweite Polizei“ spielen, aber helfen

Da die Behinderung von Einsatzfahrzeugen gravierende Folgen haben kann, hält Blunk die Mithilfe der Feuerwehr für wichtig. Es gehe nicht darum, dass die Feuerwehr „die zweite Polizei spiele“. Aber Verkehrsteilnehmer sollen nicht meinen, dass sie Rettungsdienst und Feuerwehr ohne Konsequenzen behindern können. Sie sollen wissen: „Wenn ich der Feuerwehr keinen Platz mache, zeigen die das an.“ Blunk ist bewusst, dass die Feuerwehrleute bei der Anfahrt zur Unfallstelle beschäftigt sind. Aber sofern mehrere Feuerwehrleute auf einem Fahrzeug seien, könne möglicherweise ein Mitglied Notizen oder Fotos machen. Die Polizei könne den Fall dann zur Anzeige bringen.

Bußgeldkatalog

Das kostet der Verstoß gegen die Rettungsgasse

  • Keine Rettungsgasse gebildet, obwohl der Verkehr stockte: zwei Punkte in der Flensburger Verkehrssünder-Kartei, 200 Euro Bußgeld
  • Keine Rettungsgasse, obwohl der Verkehr stockte, mit Behinderung von Einsatzfahrzeugen: zwei Punkte, 240 Euro Bußgeld, ein Monat Fahrverbot
  • Keine Rettungsgasse, obwohl der Verkehr stockte, mit Gefährdung von Einsatzfahrzeugen: zwei Punkte, 280 Euro Bußgeld, ein Monat Fahrverbot
  • Keine Rettungsgasse, obwohl der Verkehr stockte, und es kommt zum Unfall: zwei Punkte, 320 Euro Bußgeld, ein Monat Fahrverbot

Feuerwehr erfasst Rettungsgassen-Blockierer nicht

Sowohl die Kamener als auch die Unnaer Feuerwehr können keinen Fall bestätigen, in dem sie Rettungsgassen-Blockierer an die Polizei gemeldet haben. „Zahlenmaterial hierzu liegt nicht vor. Es wird seitens der Feuerwehr Unna auch keine entsprechende Statistik geführt. Tatsache ist, das die Problematik immer mal wieder auftritt“, erklärt der Unnaer Stadtsprecher Christoph Ueberfeld. Dokumentiert würden Ereignisse im Einsatzbericht der Feuerwehr bzw. des Rettungsdienstes, wenn es zu erheblichen Verzögerungen komme. Auch wenn die Verkehrsdichte im Zuständigkeitsbereich recht hoch sei, seien dies Einzelfälle.

Gravierendes Problem durch blockierte Rettungsgassen

„Das Problem, das für die Feuerwehren durch blockierte Rettungsgassen entsteht, ist durchaus gravierend“, erklärt der Kamener Stadtsprecher Peter Büttner. „Beziffern lassen sich die Situationen nicht.“ Mit der zunehmenden Verkehrsbelastung habe sich auch die Zahl der Unfälle erhöht – die Kamener Feuerwehr sei fast täglich auf den anliegenden Autobahnen im Einsatz. Die Erfahrungen mit dem Bilden von Rettungsgassen seien dabei unterschiedlich: Fließe der Verkehr noch, ist es für die Feuerwehr vergleichsweise unproblematisch, zügig zum Unfallort zu gelangen. Anders verhalte es sich bei Vollsperrungen – insbesondere bei Unfällen auf den Hauptfahrbahnen der A2, die von der Feuerwehr über die Tangenten angesteuert werden.

Feuerwehr will keine Autokennzeichen notieren

Die Feuerwehren sehen sich offenbar nicht in der Lage, dem Appell der Autobahnpolizei zu folgen. „Die Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst konzentrieren sich bei der Anfahrt auf das Führen des Kfz“, erklärt der Unnaer Stadtsprecher Ueberfeld. Die allgemeine Sorgfaltspflicht des Fahrers sei bei Alarmfahrten besonders zu beachten. Oft müsse hier auch der Beifahrer den Fahrer entsprechend unterstützen. Die Aufnahme von Kennzeichen zu Verkehrsverstößen sei nicht Aufgabe der Rettungskräfte.

Warum die Feuerwehr keine Rettungsgassen-Blockierer an die Polizei meldet

Ein Kamener Feuerwehrfahrzeug in einer Rettungsgasse auf der A2 in Richtung Oberhausen in Höhe des Kamener Kreuzes. © Michael Neumann

Keine Möglichkeit, Daten von Verkehrssündern zu erheben

Neben dem Fahrer sitzt oft der Einheitsführer, übernimmt den Sprechfunk, um keine wichtige Information über die Lage zu verpassen. Andreas Schultze, stellvertretender Leiter der Feuer- und Rettungswache Kamen, erklärt: „Wenn wir erfahren, dass am Unfallort Menschen reanimiert werden, aber noch keine Einsatzkräfte anwesend sind, ist die Anspannung enorm.“ Hinzu komme, dass der Ablauf des Einsatzes nicht vorhersehbar sei und sich die Einsatzkräfte häufig selbst in Gefahr begeben müssen, um anderen Menschen zu helfen. Entsprechend groß ist sei die Konzentration auf den bevorstehenden Einsatz. Dieser Fokus mache es den Einsatzkräften nicht möglich, Daten zur Ahndung von Verkehrssündern zu erheben.

Kamener und Unnaer Feuerwehr haben keine Dashcams

Doch möglicherweise müssen ja nicht die Feuerwehrleute selbst die Rettungsgassen-Ignoranten im Bild festhalten. „In Streifenwagen gibt es Dashcams, und so etwas dürfte die Feuerwehr auch haben“, meint Autobahnpolizei-Leiter Blunk. Tatsächlich sind aber weder die Fahrzeuge der Unnaer noch der Kamener Feuerwehr mit Kameras ausgestattet.

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