Eva und Thomas Ludwiczak unterstützen gemeinsam ihre beiden Kinder Charlotte und Jaron beim Lernen zu Hause. Nebenbei arbeiten die Eltern selbst im Homeoffice. © privat
Familien im Lockdown

„Während ich in einer Videokonferenz sitze, höre ich meinen Sohn weinen“

Dass das Lernen zu Hause für Eltern und Kinder eine Herausforderung werden würde, war klar. Wie hart es wirklich wird, erleben Familien erst nach und nach. Eine Kamener Mutter berichtet offen darüber.

„Während ich also nun in meiner Videokonferenz sitze, höre ich meinen Sohn weinen. Nach einem Blick auf die Uhr stelle ich fest – eigentlich müsste gerade seine Videokonferenz mit der Klassenlehrerin sein. Was nun? Meine Konferenz verlassen? Ist es so schlimm, dass ich hin muss? Oder kann es warten?“

Die Kamenerin Eva Ludwiczak beschreibt ein Gefühl, das gerade wohl viele Mütter und Väter teilen. Sie müssen arbeiten und gleichzeitig für ihre Kinder da sein, die nicht in die Schule gehen können. „Man ist einfach ständig hin und her gerissen, allen Anforderungen gerecht zu werden“, sagt Ludwiczak.

Ihre Bilanz nach den ersten Tagen im Homeschooling: „Schon am vierten Tag sind wir platt.“ Und damit meint sie nicht nur sich und ihren Mann, die Homeschooling und Homeoffice unter einen Hut bringen müssen.

Auch für die Kinder wird der Lockdown zur Belastung. Zum Beispiel, als der sechs Jahre alte Jaron in der Videokonferenz mit seiner Klassenlehrerin etwas sagen wollte und aufgezeigt hat. Weil die Kamera aus war, hat die Lehrerin das nicht mitbekommen und nahm ihn nicht dran. „Nichts Schlimmes also, aber ganz plötzlich ist die Videokonferenz, auf die er sich die letzten Tage so gefreut hat, total doof“, beschreibt seine Mutter.

Verzweiflung im Homeschooling, während die eigene Arbeit ruft

Einen anderen Fall erlebte die elfjährige Charlotte. Die große Schwester von Jaron ist sehr gewissenhaft. Als die Familie am Donnerstag bemerkt, dass Charlotte eine Deutsch-Videokonferenz verpasst hat, weil die Einladung vom Nachmittag des Vortages übersehen wurde, war das gefühlt ein kleiner Weltuntergang, wie ihre Mutter miterleben musste.

Thomas Ludwiczak hilft seinem Sohn Jaron morgens zwei Stunden vor der eigenen Arbeit bei den Schulaufgaben. In der Zeit kann seine Frau in Ruhe arbeiten. © privat © privat

„Die Erkenntnis hatte zur Folge, dass ihr mit einem Schlag sämtliche Farbe aus dem Gesicht wich und sie nahe einem Nervenzusammenbruch war – sie war für keine Ratschläge wie „schreib deiner Lehrerin eine E-Mail oder soll ich ihr schreiben…“ mehr empfänglich. Gleichzeitig startete bei mir eine Videokonferenz. Schweren Herzens hab ich meine Tochter also in der Situation alleine lassen müssen.“ In einem Telefonat mit der Lehrerin konnte zwar alles geklärt werden, „aber dieser Schreck hinterlässt einfach Spuren.“

Jungen Kindern fällt es noch schwer, Stoff selbstständig zu erarbeiten

Eva Ludwiczak findet, dass man zum jetzigen Zeitpunkt noch weit vom Distanzunterricht entfernt sei, „da müssen alle Beteiligten noch lernen und vielleicht auch einfach mal ausprobieren.“ Von einer anderen Schule weiß sie, dass

die Kinder während der ganzen Unterrichtsstunde digital betreut werden. Ihre Kinder bekommen hingegen die Aufgaben in einer Videokonferenz und müssen sie dann selbstständig bearbeiten. In der fünften Klasse sei es aber noch schwierig, sich den Stoff selbst zu erarbeiten, berichtet die Mutter.

Trost findet sie bei Gleichgesinnten in einer Whats-App-Gruppe, in der die Mütter sich austauschen. „Alle schildern ihren Tag. Jede hat die ein oder andere Katastrophe hinter sich, man schreibt sich seine Sorgen, seinen Ärger von der Seele und alle fühlen sich gleich viel besser, weil sie nicht allein sind.“

Die Situation, die Familie Ludwiczak gerade meistern muss, ist freilich nur ein Beispiel von vielen. Eine Umfrage unserer Redaktion in den Sozialen Medien zeigt, dass es noch viele andere Sorgen gibt, die Familien gerade haben.

Kurzarbeit, Einsamkeit: Probleme in anderen Familien

So muss ein 43 Jahre alter Familienvater mit zwei Kindern weiter ins Büro, während seine Frau zu Hause im Homeoffice arbeitet und gleichzeitig die Kinder betreuen muss. Dass er nicht zu Hause arbeiten und sie unterstützen darf, stört ihn nicht nur, weil er seine Frau so nicht unterstützen kann, sondern auch aus gesundheitlichen Aspekten: „Mein Arbeitgeber hat zum verlängerten Lockdown und der anhaltenden Schulschließung kein Statement abgegeben, obwohl er sich als „familienfreundliches Unternehmen“ bezeichnet. Homeoffice ist nur in manchen Abteilungen offiziell möglich, in meiner Abteilung sitzen die Leute mit bis zu 9 Kollegen in einem Büro. Diese Tatsachen finde ich unangebracht und auch besorgniserregend!“

Ein Bergkamener bringt indes auch finanzielle Sorgen zum Ausdruck, weil wegen Kurzarbeit das Geld fehle. Eine junge Mutter aus Bergkamen klagt derweil über Vereinsamung, die sie beinahe in die Depression treibe. Der Spagat zwischen Arbeit, Homeschooling, Haushalt und dem Gefühl zu vereinsamen sei enorm, schreibt sie. Für ihre Kinder bleibt sie stark. Sie schreibt: „Oft weine ich alleine.“

Über die Autorin
Jahrgang 1991. Vom Land in den Ruhrpott, an der TU Dortmund studiert, wohnt jetzt in Bochum. Hat zwei Katzen, liest lieber auf Papier als am Bildschirm. Zu 85 Prozent Vegetarierin, zu 100 Prozent schuhsüchtig.
Zur Autorenseite
Claudia Pott
Lesen Sie jetzt