„Als Erstes wurde mir ein Baby in die Hand gedrückt.“

dzFlüchtlingshilfe

Daniela Tietz ist neu im Team des Vereins ProMensch. Doch sie hilft Flüchtlingen nicht nur in Deutschland. Sondern auch dort, wo sie mit ihren Booten auf Festland stoßen.

Kamen

, 12.10.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

An das erste Boot, das Daniela Tietz in Empfang nahm, erinnert sie sich noch ganz genau. „In dem Boot saßen 87 Menschen. Und als Erstes wurde mir ein Baby in die Hand gedrückt.“ Was Tietz auf der griechischen Insel Lesbos erlebt hat, ist teils erschütternd. Wenn Boote das Festland erreichen, zieht sie Menschen aus dem Wasser, tröstet Kinder, wärmt Babys.

„Währenddessen funktionierst du einfach.“ Daniela Tietz, Flüchtlingshelferin

Die Kamenerin ist mittlerweile regelmäßig auf der Insel. Dass sie den Flüchtlingen einmal so aktiv helfen würde, ahnte sie im September 2015, als die ersten Züge in Dortmund anrollten, noch nicht. Eine Freundin von Tietz half freiwillig in einer ersten Aufnahmestelle. Tietz fing auch an, sich zu engagieren. Und hat bis heute nicht aufgehört.

Als ihre Freundin im Jahr 2017 nach Griechenland reiste, folgte ihr Tietz, die mittlerweile schon sechs Mal auf der Insel war. Sie packt dort an, wo sie gebraucht wird. Sie kocht, teilt Essen aus, zählt die Ankömmlinge, organisiert Busfahrten oder nimmt Boote in Empfang.

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Persönliche Schicksale und Kinder berühren Daniele Tietz besonders

Tietz kann und möchte nicht aufhören zu helfen, denn das was passiert, kann sie nicht einfach ignorieren. „Als ich wieder zu Hause war, meinten die anderen, dass der normale Alltag für mich ja jetzt wieder weitergehen kann. Aber das geht nicht. Hier ist ja kein anderes Leben, denn das andere findet parallel trotzdem statt. Während man hier mit Freunden ins Kino geht oder in seinem warmen Bett liegt.“

Tietz hatte keine Zeit, sich auf ihre Aufgabe als Flüchtlingshelferin vorzubereiten. Die staatlich anerkannte Familienpflegerin hatte zwar schon Kontakt zu Familien mit Migrationshintergrund. Aber aktiv bei der Flucht geholfen hat sie vorher nie. „Währenddessen funktionierst du einfach“, sagt sie über die Nacht, in der sie das erste Mal bei der Ankunft eines Flüchtlingsbootes dabei war.

„Hier ist ja kein anderes Leben, denn das andere findet parallel trotzdem statt. Während man hier mit Freunden ins Kino geht oder in seinem warmen Bett liegt.“ Daniela Tietz, Flüchtlingshelferin

Bei der Verarbeitung der Ereignisse tut ihr der Austausch mit den anderen Helfern gut. „Besonders schlimm sind die persönlichen Schicksale. Manche sind schon seit zwei Jahren auf der Insel. Die kennt man dann schon.“ Auch die Kinder tun der Kamenerin besonders leid. „Kleine Kinder spielen im Dreck mit Murmeln.“

Daniela Tietz setzt sich nicht nur in Griechenland für Flüchtlinge ein. Die 44-Jährige ist die neue geschäftsführende Koordinatorin des Vereins ProMensch in Kamen. Die Vereinsarbeit unterstützt Tietz als Ehrenamtliche schon seit vielen Jahren. Weil Tietz nun feste Bürozeiten hat, hat der Treff jetzt feste Öffnungszeiten: Jeden Dienstag ist ein Ansprechpartner zwischen 9 und 12 Uhr in der Schulstraße 5 vor Ort.

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Daniela Tietz lädt zur Diskussion ins JKC ein

Tietz geht mit gutem Beispiel voran, doch das reicht ihr noch nicht. Sie möchte das ihrer Meinung nach einseitige Bild, das viele Medien vermitteln, aufbrechen.

„Kleine Kinder spielen mit Dreck mit Murmeln.“ Daniela Tietz, Flüchtlingshelferin

Tietz hat einen Bericht über ihre Erfahrungen geschrieben, den sie am Sonntag, 20. Oktober um 12 Uhr im JKC an der Poststraße 20 vorlesen wird. „Ich möchte die Leute zur Diskussion einladen.“

Tietz plant außerdem, einen Film zu drehen, wenn sie das nächste Mal nach Griechenland reist. Sie will ihn veröffentlichen und damit aufklären.

Bis sie fliegt, dauert es nicht mehr lange. Ende des Monats geht es wieder nach Griechenland. Dort sieht Tietz auch ihre Freundin wieder, die mittlerweile dort wohnt und Flüchtlingshilfe zu ihrer Lebensaufgabe gemacht hat. „Es ist eine Herzensangelegenheit“, sagt Tietz.

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