Das kleine Kamen ganz groß. Die bundesweite Abschlussaktion des Hilfswerks Renovabis lockt hunderte Junioren zum Jugendfest in die Sesekestadt. Viele Gäste aus ganz Europa kommen dazu.

von Jan Dreher

Kamen

, 09.06.2019 / Lesedauer: 4 min

„Was bedeutet Europa für dich?“ Mit der Frage wendet sich Pastor Meinolf Wacker an die Gäste auf den Kirchenbänken. Denn Europa steht im Mittelpunkt bei jener Veranstaltung des Hilfswerks Renovabis, die den bundesweiten Abschluss der Kampagnenzeit in Kamen einläutet - als letzte Station im Erzbistum Paderborn, das dieses Jahr Gastgeber der Pfingstaktion ist. Und Wacker hat sich ein besonderes Programm zusammen mit seiner Jugend-Initiative go4peace einfallen lassen.

Vielfalt, Zusammenhalt, Zukunft. Das bedeutet Europa für dich!

Pfarrer Meinolf Wacker und die Jugendlichen der Aktion „go4peace“. Am Samstag und Sonntag feierten sie ein internationales Fest zum Abschluss der Renovabis-Aktion. Das Hilfswerk verteilt jährlich etwa 28 Millionen Euro für soziale Zwecke. © Stefan Milk

Für Europa viele Sprachen gelernt

„Vielfalt, Zusammenhalt, Zukunft“ sind nur einige der Antworten auf die eingangs gestellte Frage, die das international bunt gemischte Publikum aus Jung und Alt gefunden hat. Um die Bedeutung dieses europäischen Gedankens zu untermauern, kommen in dem knapp dreistündigen Programm Jugendliche und junge Erwachsene zu Wort, die von ihren Erfahrungen über die unterschiedlichen Ländergrenzen hinweg berichten. „Es ist wichtig, dass Menschen in Europa in der Lage sind, Ideen auszutauschen“, sagt die junge Bosnierin Minja Todoravic. Sie erzählt von ihrem Faible für Sprachen, der sie angetrieben hat, Englisch, Französisch, Italienisch, Kroatisch und jetzt auch Deutsch zu lernen und sich jetzt im Jugendzentrum in ihrer Heimat zu engagieren.

Vielfalt, Zusammenhalt, Zukunft. Das bedeutet Europa für dich!

Jugend und Kirche, in dieser Fülle ein nicht alltäglicher Anblick. Am Samstag und Sonntag gab es aber derlei Impressionen in der Kirche Heilige Familie. © Stefan Milk

Ein Akkordeon wie eine Orgel: Die Musik als Universalsprache

Weniger mit Worten, dafür in der Universalsprache der Musik, richtet sich Dragan Ribic an die rund 200 Gäste. Das sonst eher für bodenständige maritime Klänge bekannte Akkordeon hat der ebenfalls aus Bosnien stammende Tastenvirtuose zu seinem Studiengegenstand in Detmold gemacht. „Meine Promotion wird auf jeden Fall auch etwas mit dem Instrument zu tun haben“, versichert der Student bevor er die Kirche mit einem Klang befüllt, dass man fast meinen könnte, es wären die vertrauten Klänge der Orgel, die hier wie sonst durch die Reihen schallen.

Statt wie die meisten jungen Deutschen, die bei Fernweh das Motiv „go west“ zu ihrem Motto machen, hat sich Theresa Richter „go east“ in den Kopf gesetzt. Sie hat sich dem sonst eher nicht im Fokus stehenden Osten Europas zugewandt und ein Jahr in Auschwitz verbracht. „Dieser Ort macht viel mit Menschen“, sagt sie über ihre Zeit dort. „Man stellt sich nach einiger Zeit fundamentale Fragen“, beschreibt die aus Goslar stammende Katholikin, die sich erst vor kurzem hat firmen lassen. Aber „die Erfahrung hat sie in ihrem Glauben gestärkt und zu sich selbst finden lassen.“

Vielfalt, Zusammenhalt, Zukunft. Das bedeutet Europa für dich!

Wie beim Rockkonzert. Die Jugendlichen zeichneten die Veranstaltung auf. © Stefan Milk

Junge Leute haben viel investiert, um hierher zu kommen

Alle der knapp 150 Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in der Kirche von ihren Erfahrungen berichten, sind Teil des Netzwerkes des Vereins go4peace, der regelmäßig Begegnungscamps in verschiedenen Ländern organisiert, damit Jugendliche aus West- und Osteuropa in Austausch kommen können. „Es ist toll zu sehen, was die jungen Menschen alles investiert haben, um hierher zu kommen“, erzählt Meinolf Wacker, über den die Kooperation der Renovabis-Pfingstaktion und dem Abschluss mit dem go4peace-Netwerk in Kamen zustande kommt.

Vielfalt, Zusammenhalt, Zukunft. Das bedeutet Europa für dich!

Pfarrer Meinolf Wacker im Gespräch mit den Jugendlichen, die vor allem aus Südeuropa und Osteuropa nach Kamen anreisten. © Stefan Milk

„Das ist toll, denn jeder glaubt ja anders!“

Nach der lebhaften Veranstaltung in der Kirche geht der kulturelle Austausch bei einer Wurst vom Grill und Kaltgetränken im Pfarrheim erst richtig los. Diverse Sprachen schallen durch den Eingang ins Freie und überall werden in kleinen Gruppen Erfahrungen diskutiert. „Es ist allein schon von der Sprache interessant und man macht ganz neue Erfahrungen mit anderen Leuten“, erklärt Tereza Elisabeth. Sie ist aus Tschechien angereist und bleibt wie viele andere nur für eine Nacht bei einer ihr unbekannten Gastfamilie an der Seseke. „Aber gelohnt hat es sich trotz des kurzen Aufenthalts“, betont die junge Tschechin, „allein schon, dass man sich über den Glauben der anderen austauschen kannt ist toll, denn jeder glaubt ja anders!“

Vielfalt, Zusammenhalt, Zukunft. Das bedeutet Europa für dich!

Auslandsreport. Wie sieht es in den anderen Ländern aus und wie kann geholfen werden? Auf der Veranstaltung wurden viele vorbildliche Projekte vorgestellt. © Stefan Milk

Der Frieden ist nicht selbstverständlich

Und auch Paulina Garczorz, eine junge Kamenerin, die seit letztem Jahr ein Teil von go4peace ist, ist begeistert vom kulturellen Austausch. „Frieden wird als selbstverständlich angesehen in Europa, das ist er aber nicht“, betont sie ihre Motivation bei go4peace aktiv zu sein. Und ohne Aktionen wie diese vergäßen die Menschen in Deutschland oft, dass das Leben nicht überall so einfach ist wie hier. „Jeder kann etwas dazu beitragen“, sagt Paulina. Und jetzt kann es mit dem Miteinander-Reden anfangen.

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