BSE bis Finanzkrise: Das hat die Kamener Verbraucherberatung in 40 Jahren erlebt

dzGroßer Rückblick

Die Verbraucherberatung in Kamen gibt es seit 40 Jahren. Die Beraterinnen nutzen den Anlass für einen Rückblick – auf die Angst vor Rinderwahn ebenso wie vor fiesen Kaffeefahrten.

Kamen

, 17.10.2019, 16:50 Uhr / Lesedauer: 4 min

Vor 40 Jahren haben sich die Berater der Kamener Verbraucherzentrale vor allem mit überteuerten Haushaltsgeräten und Lebensmittelpreisen beschäftigt. „Sie sind auf den Markt gegangen und haben die Preise verglichen“, erinnert sich Elvira Roth von der Verbraucherzentrale in Kamen. Mittlerweile untersuchen die Berater schon längst keine Kartoffelpreise mehr.

Die Arbeit der Verbraucherzentrale verändert sich stetig mit den Krisen und Trends, die direkte Einflüsse auf die Menschen haben. Ob die Angst vor BSE-verseuchtem Fleisch, Kaffeefahrten, auf denen billige Rheumadecken verkauft werden, oder insolvente Reiseanbieter: Die Verbraucherzentrale hat schon so manche Krise mit ihren Kunden durchgestanden.

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„Reisepleiten hatten wir schon öfter. Aber nicht in dem Umfang“, sagt Roth mit Blick auf die aktuelle Insolvenz des Reiseveranstalters Thomas Cook. Am 40. Geburtstag der Kamener Beratungsstelle blicken sie und ihre Kolleginnen Jutta Eickelpasch und Karin Baumann zurück auf 40 Jahre Verbraucherberatung und 30 Jahre Umweltberatung in Kamen.

1979-1989: Produktberatung von Waren und Dienstleistungen

Im Jahr 1979 eröffnete die Beratungsstelle in Kamen – damals im ehemaligen Rathaus. Für eine anbieterunabhängige Beratung hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahre lang eine Gruppe von Bürgern eingesetzt.

Als Ortsarbeitsgemeinschaft der Verbraucher Kamen boten sie ab 1977 ehrenamtlich Beratungen in Kamen an – bis dann die offizielle Beratungsstelle an den Start ging.

Anfangs befassten sich die Verbraucherberater vorwiegend mit Qualität und Preisen von Haushaltsprodukten und Lebensmitteln. „Es war die Zeit, in der viele neue Haushaltshelfer auf den Markt kamen“, sagt Roth.

Auch mit dem Thema Kaffeefahrten beschäftigen sich die Berater damals wie heute. Vor 40 Jahren wurden den Teilnehmern Töpfe und Rheumadecken angeboten, heute sind es Reisen.

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In den 80er-Jahren kamen Rechts- und Budgetberatungen hinzu. Mit Beschwerden über Lieferverzögerungen – „die es auch heute noch gibt“ – Reklamationen und Wucherkrediten kamen die Verbraucher in die Beratung. „Das war die Zeit der sittenwidrigen Kredite. Zinssätze zwischen 21 und 26 Prozent waren damals die Regel“, weiß Roth.

Viele seien damals in die Verschuldung gerutscht, die Berater übernahmen die Verhandlungen mit den Banken. Mittlerweile gibt es ein BGH-Urteil, das festlegt, ab wann ein Zinssatz Wucher ist. „Wenn das der Fall ist, muss der Kunde gar keine Zinsen bezahlen.“

BSE bis Finanzkrise: Das hat die Kamener Verbraucherberatung in 40 Jahren erlebt

Die Verbraucherberatung in Kamen feiert ihr 40-jähriges Bestehen. Die Beraterinnen Elvira Roth, Bürgermeisterin Elke Kappen, Jutta Eickelpasch und Karin Baumann (v.l.) nutzen das Jubiläum, um zurückzublicken. © Marcel Drawe

1990-1999: Umweltberatung ist 30 Jahre alt und so aktuell wie nie

Seit dem Jahr 1989 wird in Kamen zusätzlich zur Verbraucherberatung auch eine Umweltberatung angeboten. Damit ist Kamen einer von 20 Standorten in NRW. „Eines der ersten Themen war der umweltfreundliche Schreibtisch“, erinnert sich Umweltberaterin Jutta Eickelpasch. Der Holzkugelschreiber in ihrer Hand zeigt besser als Worte, dass dieses Thema noch aktuell ist.

Auch Fahrräder als umweltfreundliches Fortbewegungsmittel und die Vermeidung von Plastiktüten waren damals schon Thema. Mitte der Neunziger habe es die landesweite Aktion „Spar dir den Müll“ gegeben. „Die Aufkleber sehen aus, als ob sie erst gestern gedruckt worden wären“, sagt Eickelpasch, die erst vor wenigen Monaten das Aktionsbündnis gegen Plastik mitgegründet hat.

„Die Kontrollen wurden mittlerweile nachgebessert. Solche extremen Skandale haben wir nicht mehr.“
Elvira Roth über Lebensmittelskandale

Auch Mülltrennung ist seit vielen Jahren ein Dauerthema. „Die Verbraucher wachsen ja auch nach“, sagt Eickelpasch. Deshalb kooperiert die Beratungsstelle auch mit Schulen. Schon Kinder sollen wissen, wie sie einen Beitrag zum Umweltschutz leisten können.

Ende der 90er kamen dann allmählich Reise-Reklamationen hinzu. Die erinnern zwar an den Fall Thomas Cook, waren aber längst nicht so dramatisch. Und auch mit Abos, die vor der Haustür abgeschlossen wurden, kamen die Menschen in die Verbraucherzentrale. „Das gibt es so nicht mehr“, sagt Roth über Drückerkolonnen, die von Tür zu Tür zogen.

BSE bis Finanzkrise: Das hat die Kamener Verbraucherberatung in 40 Jahren erlebt

Die Aktion „Spar Dir den Müll“ ging vor 25 Jahren an den Start. Die Beutel und Sticker könnten aber von gestern sein, finden Jutta Eickelpasch und Elvira Roth (vl.) von der Verbraucherberatung in Kamen. © Claudia Pott

2000 bis 2009: BSE-Krise und Finanzkrise verunsichern die Bürger

Woran sich wohl nicht nur die Beraterinnen noch gut erinnern, sondern auch andere Menschen ist die BSE-Krise aus dem Jahr 2000. „Die Verbraucher waren sehr verunsichert, sie wussten nicht, ob sie überhaupt noch Fleisch essen dürfen“, erinnert sich Roth.

Das war aber längst nicht der einzige verheerende Lebensmittelskandal. „Die Kontrollen wurden mittlerweile nachgebessert. Solche extremen Skandale haben wir nicht mehr“, so Roth.

Im Herbst 2008 sorgte dann die Finanzkrise mit dem Zusammenbruch der Investmentbank „Lehman Brothers“ ebenfalls für Verunsicherung. „Die Kunden haben das Vertrauen in ihre Banken verloren. In dem Bereich muss noch immer mehr Verbraucherschutz eingefordert werden“, sagt Roth.

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Einzelfälle, die sich häufen, können durchaus zu einer Veränderung der Rechtslage führen. „Die Beratungsstellen sind die Sensoren“, sagt Roth.

„Einzelfälle sind der Motor für stärkeren Verbraucherschutz in der Rechtssprechung.“
Elke Kappen, Bürgermeisterin

Dort schlagen die Probleme als erstes auf, bis sie immer höher steigen und irgendwann die Politik erreichen. Bürgermeisterin Elke Kappen, die der Verbraucherzentrale zum 40-jährigen Bestehen gratulierte, sieht darin eine besondere Funktion der Beratungsstellen. „Einzelfälle sind der Motor für stärkeren Verbraucherschutz in der Rechtssprechung.“

Kappen betont zudem, wie wichtig es gerade in der heutigen Zeit sei, dass es vor Ort eine unabhängige Beratung gibt, die im Interesse der Verbraucher handelt. Im Internet gebe es mittlerweile viele Vergleichsportale, die oft nicht unabhängig sind – und leicht in die Irre führen können.

2010 bis 2019: Komplizierte Telekommunikations- und Energieverträge

Mit der Liberalisierung der Telekommunikations-, Strom-, und Gasversorgung suchten neue Wellen besorgter Verbraucher die Kamener Beratungsstelle auf. Roth erinnert sich noch an die Zeit, in der die Post der einzige Telefonanbieter war. Es kamen immer mehr hinzu und es folgte ein Kampf um die Kunden, der noch heute gefochten wird.

Damals gab es noch Dialer, also Einwahlprogramme, die zu teuren Telefonrechnungen führten, weil sie sich mit teuren Vorwahlen wie 0900 ins Internet einwählten. „Früher gab es noch keine Flatrates“, so Roth. Je länger man im Internet surfte, desto teurer wurde es.

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Seit 2005 nimmt der Kampf um Kunden auch im Energiebereich Fahrt auf. „Das ist ein neues Gebiet für die Umweltberater“, weiß Roth. Doch die Folgen eines Vertragsabschlusses sind nicht mehr so gravierend wie in vergangenen Zeiten. Damals habe man noch im Voraus bezahlen können und wenn der Anbieter pleite war, verloren die Menschen viel Geld.

Beschwerden im Energie-, Telefon-, und Internetbereich sowie Rechtsfragen sind auch heute noch aktuell. Durch die Digitalisierung und den Online-Handel gibt es wieder einen großen neuen Bereich, in den die Beraterinnen sich einfinden müssen. Unterstützung erhalten sie aus Düsseldorf, wo für jedes Thema ein Spezialist sitzt. Viel lernen sie auch auf Fortbildungen.

Langweilig wird es für Elvira Roth, Jutta Eickelpasch und Karin Baumann jedenfalls nicht. Und an Problemen mangelt es auch nicht. Das zeigen die vergangenen 40 Jahre wohl mehr als deutlich.

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