Der Stromschienenhersteller Vahle setzt mit einem Invest über 22,5 Mio. Euro den Wirtschaftsstandort im besten Sinne unter Strom: Herzstück ist ein Kleinteilelager mit über 7000 Behältern.

Kamen

, 28.06.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Technik für Achterbahnen, Free-Fall-Tower oder Riesenräder. Und für vollautomatisierte Straßenbahnen, blitzschnelle Hochhausaufzüge oder wuchtige Containerhafenkrane. Selbst für die größten Anlagen, die das Kamener Hightech-Unternehmen „Vahle“ technisch ausrüstet, werden unendlich viele Kleinteile benötigt. Um darauf schnelleren Zugriff zu haben, hat das weltweit operierende Unternehmen, das seinen Sitz an der Westicker Straße hat, kräftig investiert. 2,5 Millionen Euro sind in die Modernisierung des Lager- und Logistikbetriebs geflossen. Herzstück: Das Automatische Kleinteilelager (AKL), hoch aufragend und mit einem blitzschnellen Regalbediengerät, einer Art Portalroboter, versehen, das den Namen „Miniload STC 2B1A“ trägt. Eine Maschine des Hamburger Anlagenbauers „Jungheinrich“, die in atemberaubender Geschwindigkeit durch die Regalgasse saust, in dem über 7000 Behälter, genauer: 7314 blaue Plastikkisten, gelagert werden.

Vahle: Millionen-Investition in Lager und Logistik

Rüdiger Kuhn ist Leiter für Einkauf und Materialwirtschaft. Der 56-jährige Experte für Materialfluss stellt unserer Redaktion die millionenschwere Investition vor. © Borys Sarad

Bis zu sieben Mal schneller als zuvor
Große Innovationsbereitschaft bei Vahle

Weltweit erstes Unternehmen mit der neuen Technik

  • Das Automatische Kleinteilelager ist an diesem Freitag vor Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung offiziell eröffnet worden. Mit der Inbetriebnahme ist Vahle das weltweit erste Unternehmen, das das von der Firma „Jungheinrich“ im Jahr 2018 vorgestellte Regalbediengerät zum Einsatz bringt.
  • Es verfügt über speziell auf das Fahrverhalten abgestimmte Energiepuffer, „Super-Caps“ genannt. Diese speichern die bei Bremsvorgängen freigesetzte Energie und geben sie beim Beschleunigen an das Antriebssystem zurück. Dadurch wird der Energiebedarf und insbesondere die erforderliche Anschlussleistung gegenüber herkömmlichen Systemen um bis zu 25 Prozent reduziert.
  • Die Energieübertragung der Anlage aus Hamburg wird durch Kamener Technik gesichert - und zwar mit dem Vahle-Stromschienensystem „vConductor VKS 6“. Das hat noch einen Vorteil, wie Firmenchef Achim Dries sagt: „Auf diese Weise sichern wir nicht nur die Leistungsfähigkeit unseren Kleinteilelagers, sondern ermöglichen es unseren Kunden, sich das Stromschienensystem live im Betrieb anzusehen.“
  • Das System ist auf maximale Effizienz in Sachen Raumausnutzung getrimmt: Das Fahrschienen-Design und ein platzsparend im Mastfuß integrierter Antrieb sorgen dafür, dass der Platzbedarf für die Technik sinkt und dabei die Lagerkapazität steigt.
  • Die Vahle-Unternehmensgeschichte beginnt im Jahr 1912: Paul Vahle nimmt am 9. April die erste Stromschiene in Betrieb und meldet seine Erfindung zum Patent an. Das Unternehmen wird daraufhin in Dortmund als offene Handelsgesellschaft gegründet.

Rüdiger Kuhn drückt einen Knopf. Der Leiter für Einkauf und Materialwirtschaft blickt auf die irrwitzig schnelle Fahrt, die das Regalbediengerät gleichzeitig horizontal und vertikal ausführt – mit sechs Metern pro Sekunde, sprich 21,6 km/h, die mit dem Elektromotor binnen eines Bruchteils einer Sekunde erreicht werden. „Wir steigern unsere Geschwindigkeit um das Sechs- bis Siebenfache. Schon jetzt, wo wir mit dem Betrieb noch am Anfang stehen, sind wir vier Mal schneller“, sagt der 56-jährige Materialfluss-Spezialist zufrieden. Er ist seit viereinhalb Jahren bei Vahle beschäftigt und ist dafür mitunter in aller Welt unterwegs, auch in den USA und China, wo viele Kunden sitzen. Jetzt steht er in Kamen vor der neuen Anlage, die er als eines der europaweit modernsten Warenflusssysteme bezeichnet. „Ich bin froh, in einem Unternehmen zu arbeiten, das sich den Herausforderungen des extremen Wandels in der Digitalisierung und Automatisation stellt.“ Interessant: Jungheinrich hat in seiner Anlage auch Elemente aus Kamen verbaut. „Die Stromschienen kommen von uns“, sagt Kuhn schmunzelnd.

Video
Das neue Kleinteilelager bei Vahle

Vier Kommissionierer wickeln den Betrieb ab

Der extreme Wandel der Digitalisierung und Automatisation ist hier hautnah nachzuvollziehen. „Früher sind die Mitarbeiter durch die Regalgassen gegangen und haben die Einzelteile Stück für Stück herausgesucht.“ Dafür waren zwölf Kräfte notwendig, jetzt sind es noch vier, sogenannte Kommissionierer, die am Aus- und Eingang der Anlage stehen. Diese Posten werden als Pickstation bezeichnet. Dort sieht es aus wie im Paketverteilzentrum. Die Kommissionierer kontrollieren die Rollenbahnen, die aus Zulieferstrecken, Rückführbahnen und Kommissioniertischen bestehen, auf denen die Behälter auf Rollkugeln leicht zu bewegen sind. 250 bis 300 Aufträge werden dort täglich abgewickelt. Das sind etwa 700 Pickposten, wie es im Jargon der Logistiker heißt. „Wir können die Anlage noch erweitern auf bis zu sechs Pickstationen“, illustriert Kuhn.

Vahle: Millionen-Investition in Lager und Logistik

Kommissionierer Yetkiner Hanifi (l.) und Rüdiger Kuhn an der Pickstation, einer von vier Plätzen, wo das Material eingelagert oder ausgegeben wird. © Borys Sarad

Logistiker-Sprache: „Doppel-tief“ und „vierfach-tief-quer“

Für die Lagerung der blauen Plastikbehälter in dem 7,5 Meter hohen Regal haben Logistiker ebenso Spezialbegriffe erfunden: „Doppel-tief“ und „vierfach-tief-quer“. In dieser Anordnung liegen die Behälter im Regal, wenn die Maschine auf sie zufährt und sie herausgreift. Kurze Zeit später kommen sie beim Kommissionierer an, der sie dann weiterleitet: In die Vahle-Montagehallen oder per Sendung zu den Vertriebsbüros und Kunden. Die Kamener Firma, die sich als Systemanbieter für mobile Industrieanwendungen versteht, ist mit zwölf Tochtergesellschaften und Vertretungen in mehr als 50 Ländern weltweit geschäftlich aktiv. Von den mehr als 750 Mitarbeitern sind etwa 630 an den Standorten in Kamen und Dortmund sowie in zwölf nationalen Vertriebsbüros tätig.

Vahle: Millionen-Investition in Lager und Logistik

Über Rollenbahnen sind die angeforderten Einzelteile zwischen Hochregal und der Pickstation, an dem ein Mitarbeiter die Kisten in Empfang nimmt, unterwegs. © Borys Sarad

Regalfächer leuchten auf, wenn Material angefordert wird

Das Automatische Kleinteilelager wurde dort errichtet, wo sich zuvor eine Durchfahrt zwischen den Lagerhallen 1 und 3 befand. Zwischen den Außenmauern der beiden Hallen aus den 70er-Jahren sind große Leimbinderträger befestigt worden, die jetzt das ca. neun Meter hohe Dach tragen. In den beiden Althallen sind die weiteren Neu-Komponenten des Lagers errichtet worden. Neue Kranarmregale für Langgüter, sogenannte Durchlauf-Regale und ein Breitganglager. Neu ist ebenso eine sogenannte Pick-to-Light-Anlage, in der jedes Regalfach mit einer Elektrode verbunden ist, die aufleuchtet, wenn das gesuchte Material angefordert wird. Durch die Modernisierung, so Kuhn, habe sich die Fläche für Lager und Logistik mit jetzt rund 3500 Quadratmetern nahezu verdoppelt.

Vahle: Millionen-Investition in Lager und Logistik

Yetkiner Hanifi an der Pickstation. Aus einem Drucker kommen Etiketten mit einem Strichcode, über die die Behälter zu einer freien Stelle im Regal gelotst werden. © Borys P. Sarad

Invest als Bekenntnis zum Standort Kamen

Für Vahle-Geschäftsführer Achim Dries ist die Investition auch ein Bekenntnis zum Standort Kamen: „Wir schaffen die Grundlage, um sämtliche der Produktion vor- und nachgelagerten Prozesse nachhaltig zu optimieren.“ Und das soll auch in weiteren Bereichen geschehen. Auf zusätzliche 20 Millionen Euro beziffert Dries die weiteren Investitionspläne, die sich auf den Neubau des Verwaltungsgebäudes (ca. 18 Mio. Euro) und ein neues Warenlager (ca. 2 Mio. Euro) verteilen. Man sieht deutlich: Kamens Wirtschaft steht durch den Stromschienen-Hersteller im besten Sinne unter Strom.

Vahle: Millionen-Investition in Lager und Logistik

Eröffnung des Automatischen Kleinteilelagers am Freitag mit (v.l.) Mirko Becker (Fa. Jungheinrich), Achim Dries (Geschäftsführer Vahle), Joachim Krieger (Beirat), Elke Kappen (Bürgermeisterin Kamen), Uwe Dickmann (Betriebsrat), Kathrin Bacht (Gesellschafter-Vertreterin), Rüdiger Kuhn (Leiter Logistik). © Marcel Drawe

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