Vahle in Kamen: Transfergesellschaft soll Job-Abbau abfedern, Betriebsrat will das erst prüfen

dzWirtschaft in Kamen

Bis zu 100 Arbeitsplätze sollen beim Technologie-Unternehmen Vahle in Kamen wegfallen. Eine Transfergesellschaft soll den Stellenabbau abfedern. Der Betriebsrat will das erst prüfen.

Kamen

, 10.06.2020, 11:51 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zweite Gesprächsrunde beim Kamener Technologie-Unternehmen Vahle, das bis zu 100 Stellen abbauen will. Dabei konkretisierte sich die Möglichkeit, den Arbeitsplatzabbau über eine Transfergesellschaft abzuwickeln. „Das ist der erklärte Wunsch der Geschäftsführung“, teilte der Betriebsratsvorsitzende Dietmar Hupe mit. „Den Wunsch werden wir aber erst einmal genau prüfen, um zu gucken, ob das auch das richtige Modell ist.“ Eines wurde deutlich: An dem geplanten Arbeitsplatzabbau geht offenbar kein Weg vorbei.

Das automatisierte Kleinteilelager, bedient von einem blitzschnellen Portalroboter, ist eines der Vorzeigeobjekte des Kamener Unternehmens Vahle.

Das automatisierte Kleinteilelager, bedient von einem blitzschnellen Portalroboter, ist eines der Vorzeigeobjekte des Kamener Unternehmens Vahle. © Vahle

Drei Stunden lang getagt: Die neue Struktur liegt vor

Drei Stunden lang hatte die Runde aus Geschäftsführung, Betriebsratsvorstand und Vertretern des Unternehmerverbandes und IG Metall getagt. Dabei stellte die Geschäftsführung den Arbeitnehmervertretern die neue Unternehmensstruktur in verschlankter Form vor. „Man kann jetzt die Bereiche erkennen, die betroffen sind – aber noch keine Unterbereiche und schon gar keine Namen“, teilte Hupe mit. Der Stromschienen-Hersteller gilt eigentlich als Kamens Vorzeigeunternehmen, das in der Vergangenheit auf Wachstumskurs war und Kunden in aller Welt hat.

Viele Krankenhäuser setzen für die interne Versorgung fahrerlose Transportsysteme ein, die mit Energie versorgt werden müssen. Vahle liefert dafür das Know-How und die Technik.

Viele Krankenhäuser setzen für die interne Versorgung fahrerlose Transportsysteme ein, die mit Energie versorgt werden müssen. Vahle liefert dafür das Know-How und die Technik. © Vahle/Fleischmann

Der produzierende Bereich bleibt nahezu verschont

Deutlich geworden ist: Der produzierende Bereich mit 100 Kräften bleibt bei der Umstrukturierung nahezu verschont. Hupe: „Der Bereich ist schon immer schlank gehalten worden. Dort könnte es vermutlich nur Kollegen treffen, die das Rentenalter erreicht haben.“

Dafür soll wohl keine der anderen Abteilungen von dem erstmals vor zwei Wochen angekündigten Stellenabbau verschont bleiben, wie Hupe und IG-Metall-Vertreter Michael Niggemann erfuhren, wie Personalabteilung, Buchhaltung, Vertrieb, Technik und Logistik. „Das geht quer durch alle Bereiche“, so Hupe über die Vorstellungen der Geschäftsführung. Konkretisiert werden soll das in der dritten Gesprächsrunde in der kommenden Woche. Die Geschäftsführung kündigte auf Anfrage unserer Redaktion für kommende Woche eine Stellungnahme an.

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Telefonkonferenz am Mittwochmorgen mit elf Betriebsräten

In einer Telefonkonferenz am Mittwochmorgen mit elf Betriebsräten informierte Hupe über die Inhalte der zweiten Verhandlungsrunde. Wie man sich gegenüber dem Vorschlag, eine Transfergesellschaft einzurichten, verhalten wird, soll nun eingehend besprochen werden. „Denn das ist für fast alle Beteiligte hier Neuland.“ Bei einer Transfergesellschaft würden betroffene Kollegen den Arbeitgeber wechseln.

Nach Kündigung bei Vahle würden sie in einer neuen Gesellschaft, deren Name dann festgelegt wird, zwölf Monate lang Transfer-Kurzarbeitergeld erhalten, das von der Firma womöglich bis auf etwa 85 Prozent des bisherigen Gehalts aufgestockt werden kann. Die Gesellschaft würde über Qualifizierungsmaßnahmen versuchen, neue Jobs zu erschließen. „Das kann für einige ein Modell sein, für andere aber nicht“, so Hupe. Denn nach zwölf Monaten setzt dann die Arbeitslosigkeit ein.

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Eine „rentennahe“ Altersspanne von 61 bis 67 Jahren

Deswegen nimmt das Unternehmen auch Mitarbeiter in den Blick, die auf die Rente zugehen.

Eine Altersgrenze im Angesicht unterschiedlicher Renten-Regelungen zu bestimmen sei, so Hupe, nicht ganz einfach. „Die einen können schon mit 63 gehen, die anderen erst mit 67.“ Zusammen mit rentennahen Mitarbeitern eröffne sich dadurch eine Altersspanne von 61 bis 67. „Vielleicht kann man so 20 bis 25 Leute finden, vielleicht aber auch nur 5 bis 10. Das ist alles noch Theorie“, erläutert Hupe. Denn nicht jeder könne es sich leisten, vorzeitig in Rente zu gehen. „Da sind vielleicht noch Kinder, die studieren. Oder man hat sich noch mal eine Wohnung oder ein Haus gekauft, die man finanzieren muss.“

Rentenberatung erstmals im Haus

Eine weitere Neuerung gibt es im Zuge des angekündigten Stellenabbaus: Vahle richtet eine Rentenberatung ein, in der sich die Kollegen erkundigen können, wie sich ein möglicher vorzeitiger Abschied auf die Rente auswirken würde. „Das dürfte eine Erleichterung sein, denn Termine bei Rentenberatern sind erfahrungsgemäß schwer zu kriegen“, so Hupe.

Vahle: Ein Unternehmen mit 630 Mitarbeitern

Als Vahle mit den Plänen für den Stellenabbau vor zwei Wochen an die Öffentlichkeit ging, hatte Geschäftsführer Dries das als „bitteren Schritt“ bezeichnet, der nicht mehr aufzuschieben sei. Die Corona-Krise habe eine geplante Umstrukturierung deutlich beschleunigt. Betroffen von den Plänen sind jene 630 Mitarbeiter, die hauptsächlich in Kamen, dazu in der Betriebsstätte Dortmund-Brackel und in Vertriebsbüros beispielsweise in München und Berlin arbeiten.

Der Standort in Dortmund-Brackel soll in den nächsten zwei Jahren aufgegeben werden. Die 140 Mitarbeiter, die in den Vertriebsniederlassungen im Ausland wie USA und Brasilien arbeiten, sind von dem Arbeitsplatzabbau ausgeschlossen.

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