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Unterwegs auf dem gesperrten Betriebsweg am Mühlbach, der eine interessante Verbindung für Fußgänger und Radfahrer werden könnte. Dort argumentieren Befürworter und Gegner zum Thema Öffnung.

Kamen

, 20.05.2019 / Lesedauer: 4 min

Der gesperrte Betriebsweg ist gerade nicht gesperrt. Wer das Tor des Lippeverbandes an der Westfälischen Straße öffnet, der trifft dort auf Natur pur. Ein unbefestigter Weg mit hohen Gräsern, wildwuchernder Botanik, die hinunter zum munter plätschernden Mühlbach reicht. In einiger Entfernung ist ein Graureiher zu sehen, der mit seinen dürren Streichholzbeinen im flachen Wasser steht und ein Tier mit langem Schwanz, womöglich eine tote Ratte, im Schnabel hat.

Innerörtliches Naturerlebnis mit einem Hauch von Wildnis auf der 1,1 Kilometer langen Strecke, die bis zur Bergstraße reicht. Soll man dieses Refugium öffnen für den öffentlichen Fuß- und Radverkehr? Die ADFC-Ortsgruppe Kamen und einige Bürger, die unsere Redaktion kontaktierten, sprechen sich dafür aus. Zahlreiche Anwohner sind dagegen. Wir sind unterwegs auf der Strecke, treffen Befürworter der Öffnung und auch Gegner.

Unterwegs auf dem gesperrten Betriebsweg am Heerener Mühlbach

Der Graureiher hat einen Fang gemacht. Kurz nach dem Klicken des Auslösers entschwebt er schon mit kräftigem Flügelschlag. © Janecke

Radfahrer von Autofahrer beschimpft

Günter Kunert steht am Anfang des Weges und breitet die Arme aus. „Das sind fast sechs Meter hier. Ausreichend Platz für einen Weg. Er wäre eine Bereicherung.“ Das schreibt er auch an den Lippeverband, der für die Unterhaltung und Pflege des Wege zuständig ist: „Eine hervorragende Ergänzung von der Max-von-der Grün-Radtrasse bis zum Sesekeweg nach Kamen und Bönen.“ Rad- und Fußgänger wären abgebunden von Heerens Straßen mit dem teils hektischen Autoverkehr und Negativ-Erlebnissen wie jüngst auf der Westfälischen Straße. „Ich war dort mit dem Rad unterwegs. Ein Autofahrer, der wegen des Gegenverkehrs nicht überholen konnte, kurbelte die Fensterscheibe runter und schrie: Wenn du dich nicht gleich verpisst, hau ich dir eine in die Fresse!“ Kein Kamener, sagt Kunert kopfschüttelnd, als er auf den idyllischen Weg am Mühlbach blickt. Das Nummernschild begann mit HSK. Ein Erlebnis, das Kunert bestärkt, sich für die Öffnung des Mühlbach-Weges einzusetzen.

Anwohner wissen die Natur-Idylle zu schätzen

Ursula und Karl-Heinz Andres, die seit 40 Jahren dort leben, sind gerade dabei, etwas Gartenarbeit zu verrichten. Ihr Grundstück grenzt direkt an den Betriebsweg. Die Idylle, so berichten sie, hat es nicht immer gegeben. Als erst der Kanalbau und dann die Renaturierung vonstatten ging, begann die Großbaustelle direkt hinter dem Gartenzaun. „Staub, Qualm, Schmutz. Und große Bäume, die von riesigen Baggern entwurzelt wurden. Man hätte denken können, es habe eine Bombe eingeschlagen“, berichtet Ursula Andres. Nun die neu gewonnene Idylle, die Natur, die sich entlang des Mühlbachs ihren Platz zurück erobert hat. „Ein Rückzugsort für die Tiere. Es wäre schön, wenn es so bliebe“, sagt sie. Beide haben zwar unterzeichnet auf der Unterschriftenliste, die Öffnungsgegner an die Stadt Kamen weitergereicht haben. Andererseits wissen sie auch um den öffentlichen Wert eines geöffneten Weges. „Letztlich können wir es nicht ändern, wenn sie kommt. Wir sind ja selbst auch Radfahrer und wollen der Sache nicht im Wege stehen.“

Unterwegs auf dem gesperrten Betriebsweg am Heerener Mühlbach

Auf etwa halbem Weg zwischen Bergstraße und Westfälischer Straße führt eine schmale Brücke aus Stein über den Fluss. © Janecke

Öffnen? Ja, aber nur für Fußgänger

Werner Flöthmann wohnt am Middelschulteweg und ist mit seinen 81 Jahren oft zu Fuß im Dorf unterwegs. Er weiß den üppigen Grünstreifen entlang des Mühlbachs zu schätzen. „Ein schönes Stück Natur, das man so belassen sollte.“ Flöthmann plädiert trotzdem für eine Öffnung, wie er deutlich macht. „Aber nur für Fußgänger. Denn als älterer Mensch muss man höllisch aufpassen, dass man nicht von Radfahrern und E-Bike-Fahrern umgesenst wird.“ Würde man nur für Fußgänger öffnen, so seine Meinung, wäre das Gebiet leichter naturgerecht zu erhalten. „Ich möchte es noch erleben, dass ich dort einmal entlang patrouillieren kann“, sagt er schmunzelnd. Beispiele für eine Öffnung von Wegen für Fußgänger und Radler nach der Renaturierung der hiesigen Flüsse gibt es genug. Wie in Kamen-Mitte, wo parallel zur Henri-David-Straße ein längeres Stück des Sesekeweges an den Gärten der Anwohner herführt. Probleme sind dort bisher noch nicht gemeldet worden. Ähnliches gilt für den Kuhbachweg am gleichnamigen Fluss in Bergkamen. Der Lippeverband hat seit der Renaturierung zahlreicher Flüsse weitere Betriebswege geöffnet, was auch der grundsätzlichen Haltung des Verbandes entspreche. „Wir freuen uns, möglichst viele unserer Betriebswege der Öffentlichkeit zu Verfügung zu stellen“, sagt Sprecherin Anne-Kathrin Lappe. Ob das auch für Heeren machbar sei, sei noch in der Prüfung.

Unterwegs auf dem gesperrten Betriebsweg am Heerener Mühlbach

Natur-Idyll am Flachlandfluss. Hier könnte bald der Weg frei sein für Fußgänger und Radfahrer. © Janecke

Die Radler sind doch sofort wieder weg

Günter Kunert hofft, dass diese Prüfung, die in Zusammenarbeit mit der Stadt Kamen läuft, bis zum Beginn der Radfahrsaison im kommenden Jahr abgeschlossen ist. Er, der die Öffnung fordert, kann Erfahrungen aus erster Hand beisteuern. Sein Garten grenzt direkt an den Max-von-der-Grün-Weg, der Trasse zwischen Heeren und Unna, an. Auf einen Sichtschutz hat er verzichtet, weil es, so sagt er, noch nie Probleme mit vorbeifahrenden Radlern oder flanierenden Spaziergängern gegeben habe. Die Anwohner am Mühlbach, so sagt er, müssten nicht bangen. „Die Radler sind doch mit einem Schwung vorbei. Die gucken vielleicht einmal kurz, dann sind sie schon wieder weg.“ Und nur hin und wieder würde er mal einen vorwitzigen Ruf hören wie „Ach, schon wieder am Grillen?“

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