Verträge sind heute so lang, dass Verbraucher sie längst nicht immer lesen, bevor sie ihre Unterschrift darunter setzen. Halt gibt die Verbraucherzentrale Kamen. Das zeigt ihr Jahresbericht.

Kamen

, 03.06.2020, 16:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Telefon klingelt, der Angerufene drückt den grünen Hörer. Am anderen Ende der Leitung: ein freundlicher Mensch, der ein scheinbar tolles Angebot hat – sei es ein günstigerer Handy-Vertrag, billigerer Strom oder ein Abo, das im Normalfall deutlich teurer wäre. Eigentlich sollten jetzt die Alarmglocken im Kopf des Angerufenen schrillen. Tun sie das nicht und lässt sich der Verbraucher mit dem schlichten Wort „Ja“ auf ein Angebot ein, kann der Ärger groß sein.

In solchen Fällen ist die Verbraucherzentrale Kamen oft der Anker, der Menschen Halt bieten soll, wenn sie sich überrumpelt fühlen, Vertragsbedingungen nicht kennen oder nicht wissen, ob sie von einem Vertrag noch zurücktreten können. In ihrem Jahresbericht blickt die Einrichtung auf das Jahr 2019 zurück.

Team der Verbraucherzentrale vergrößert

Mehr als 3700 Verbraucheranliegen landeten auf dem Tisch von Beratungsstellenleiterin Elvira Roth, Umweltberaterin Jutta Eickelpasch und Verbraucherberaterin Karin Baumann. Letztere hat das Team zum Beginn des Jahres 2019 verstärkt, kam aus Unna in die Sesekestadt. „Jetzt können wir Beratungen nach Termin in einem gesonderten Raum durchführen. Das war – auch aus Datenschutzgründen – schon lange überfällig“, findet Roth.

Bilanz

Das Jahr 2019 in Zahlen

  • Die Verbraucherzentrale Kamen hat sich im Jahr 2019 um 3729 Anliegen von Verbrauchern gekümmert. In 26 Prozent der Fälle ging es um Dienstleistungen, bei 18 Prozent um Telekommunikation. Es folgen die Bereiche Konsumgüter (14 Prozent), Energie (12 Prozent) und Finanzen (11 Prozent).
  • In 1337 Rechtsberatungen und -vertretungen hat sich die Verbraucherzentrale für Ratsuchende eingesetzt.
  • Bei 110 Veranstaltungen hat die Verbraucherzentrale 4849 Menschen erreicht.

In mehr als 1300 Rechtsberatungen und -vertretungen habe sich die Beratungsstelle „zumeist erfolgreich für die berechtigten Ansprüche von Ratsuchenden eingesetzt“, heißt es in dem Bericht.

Beispiele gibt es viele, doch dieses ist dem Team der Verbraucherzentrale besonders in Erinnerung geblieben: Eine Familie aus Kamen sollte 3560 Euro zahlen, weil der Sohn während eines Urlaubes ausgiebig „In-Game-Käufe“ über das Handy getätigt hatte. Die Verbraucherzentrale in Kamen hat erreicht, dass der Anbieter den Betrag zurückerstattet hat.

Viel Ärger um Telefonie-Angebote

Viele Ratsuchende kamen aber auch mit Anliegen und Problemen rund um das Thema Telekommunikation in die Beratungsstelle. Neben den Klassikern – nicht nachvollziehbare Posten auf der Telefonrechnung, Stolperfallen beim Anbieterwechsel oder Frust, wenn vertraglich zugesicherte Internetgeschwindigkeiten und die Übertragungsraten beim tatsächlichen Surfen im Alltag meilenweit auseinander lagen – sorgte mangelhafte Information beim Vertragsabschluss in Telefon-Shops für Ärgernisse. „So berichteten Verbraucher, dass sie überrumpelt wurden und Verträge unterschrieben hatten, deren Konditionen und Kosten sie erst im Nachhinein überblicken konnten“, erläutert Elvira Roth.

Jetzt lesen

Bei einer landesweiten Stichprobe hatte die Verbraucherzentrale festgestellt, dass neun von zehn Shops ihren gesetzlichen Informationspflichten vor Abschluss eines Handyvertrages nicht nachgekommen waren. Danach müssen Kunden die wesentlichen Vertragsinhalte im Produktinformationsblatt vor der Unterschrift ausgehändigt werden.

Nach „TelDaFax“, „FlexStrom“ und „Care Energy“ ging mit der Bayerischen Energieversorgung (BEV) erneut ein Energieversorger mit fragwürdigem Geschäftsmodell pleite. Die Umweltberatung informierte betroffene Ratsuchende über das Insolvenzverfahren und zeigte auch Wege auf, um offene Forderungen wie Boni und Guthaben gegen die BEV durchzusetzen und gegebenenfalls anzumelden.

Betrug durch unseriöse Raupen-Entferner

Ein anderes Problemthema aus dem Jahr 2019 könnte jetzt wieder aktuell werden: Das warm-trockene Klima des vergangenen Sommers hatte mit seinen tierischen Begleitern auch Abzocker aus der Deckung kommen lassen. Denn ob gesundheitsgefährdende Raupen des Eichenprozessionsspinners, das Wespennest im Rollladenkasten oder Ungeziefer in Küche oder Keller – ungebetene Gäste wollten Betroffene möglichst schnell wieder loswerden. Und in ihrer Not waren sie dann auf unseriöse Anbieter ohne Sachkunde, aber mit überzogenen Rechnungen reingefallen. Verbraucher sollten also genau prüfen, ob Anbieter seriös sind und über das notwendige Fachwissen verfügen.

Verträge mit gestohlenen Daten abgeschlossen

Ob Warenbestellungen über Shopping-Plattformen oder Abos für Streaming-Dienste: Kriminelle kauften auch 2019 mit Hilfe gestohlener Daten im Internet auf Kosten ihrer Opfer ein oder schlossen auf deren Namen Verträge ab. In der Rechtsberatung schob die Beratungsstelle dubiosen Forderungen einen Riegel vor und auch gab präventiv Tipps, um Datendiebstahl vorzubeugen.

Jetzt lesen

„Wo Verbraucher zu Verträgen überredet werden, die sie erst im Nachhinein verstehen, ist es wichtig, Experten an der Seite zu haben, die ihnen helfen. Insofern bin ich sehr froh darüber, dass mit der Verbraucherzentrale diese Experten in Kamen vor Ort zur Verfügung stehen“ freut sich auch Bürgermeisterin Elke Kappen über das Engagement der Verbraucherzentrale in Kamen. Das gibt es inzwischen seit 40 Jahren – im November 2019 wurde der runde Geburtstag gefeiert.

Im Internet ist die Verbraucherzentrale Kamen unter der Adresse www.verbraucherzentrale.nrw/beratungsstellen/kamen zu finden.
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Fahrradfahren in Kamen
Für Fahrräder statt für Autos: Parken unterm lichten Glasdach direkt in der Fußgängerzone
Hellweger Anzeiger Nahmobilität Kamen
Schotterwege ade! Kamen macht seine Radwege fit, die Reihenfolge steht schon
Hellweger Anzeiger Volksbank Kamen-Werne
Diskretkasse, neue Technik, zusätzliche Etage – was die Volksbank mit dem Kamener Standort vorhat.
Hellweger Anzeiger Karstadt-Drama
Karstadt-Story: Wie Kamen um Karstadt kämpfte, verlor und sich neu erfinden musste